Montag, 1. November 2010

Von Einzelgängern und anderen Herdentieren

Ich möchte noch ein paar Worte zum nun leider schon wieder eine gute Woche zurückliegenden 10. European Outdoor Film Festival (www.eoft.eu) verlieren.


 Abgesehen von den genial in Szene gesetzten Sportarten - von Kajakfahren über Downhill, Freeskiing und Drachenfliegen bis hin zu jeglichen Spielarten des Kletterns war alles dabei - reizt mich an diesen Filmen die Chance, einen kleinen Einblick in die Personen vor der Kamera zu bekommen.

Wie tickt ein Anfang 20-jähriger, der eine mit 5.12b bewertete 600 m-Route free solo klettert? [...] "Na ja, und Mädchen will ich damit natürlich auch beeindrucken." Okay, er war im Interview wenigstens ehrlich. Gebracht hat's ihm bis dato noch nichts. Das Extrem allein öffnet eben nicht automatisch alle Türen, es bedarf auch noch der medialen Umrahmung, eines positiven (das heißt, nicht selbstzerstörerischen) Image. Gerade letzteres scheint die Protagonisten aber am allerwenigsten zu interessieren. Gewiss, sie wollen in ihrem Sinne extrem cool (keineswegs überheblich zu verstehen!) rüberkommen, sich nicht unter Wert "verkaufen". Das ist selbstverständlich. Aber keiner will sich irgendwelchen vordergründigen Konventionen unterordnen.

Aus diesem Pool beziehen sie sicher die meiste Energie, daraus, sich ausleben zu können. Jeder in seiner kleinen Privatwelt. Eine Privatwelt für 300 Tage hatte sich auch der Franzose Xavier Rosset geschaffen. Auf einer kleinen Insel im Südpazifik wollte er für besagte Zeit erfahren, was es heißt, allein zu sein (die Doku entstand aus seinem Videotagebuch). Er baut sich eine Hütte mit wasserdichtem Dach dank geflochtener Palmenwedel, wird zu einem versierten Angler, baut Wildschweinfallen und richtet sich - den Umständen entsprechend - gemütlich ein. Jedoch überkommen ihn bald Zweifel an der Sinnhaftigkeit seines Tuns, er fragt sich, wozu er seinen Hüttenvorplatz kehren, früh aufstehen, das Dach flicken soll. Es ist ja keiner da, dem er damit helfen könnte. Außer er selbst. Eine wie ich finde sehr spannende Innenansicht menschlicher Existenz, ein nah gehendes Porträt eines Familienmenschen, der hier erkannte, dass wir meist für andere und erst dadurch für uns selbst leben.

Die Wildschweinfalle hatte Erfolg, denn ein kleines Ferkel quäkte eines Tages in die Kamera. Ursprünglich sollte es den Speiseplan erweitern, in dieser Geschichte (und ich denke, das stand nicht in irgendeinem Pilcher-Drehbuch) diente es aber als Freitag-Ersatz. Xavier hatte einen Freund gefunden, zwar einen artfremden, aber doch einen treuen Begleiter. Bis, ja bis dieser Begleiter aus dem Stall ausbrach und spurlos im Inselinneren verschwand. Alle Suche war vergeblich, der persönliche Abschied musste ausbleiben. Da war es umso verständlicher, dass beim Abholen nach Ende seiner Auszeit (war es das?) der Blick immer wieder suchend in Richtung alte / neue Heimat entglitt.

Cut. Zurück zu Bildern, die sich auf andere Art und Weise einprägen.
Denn werden diese so lässig inszeniert wie bei Guillaume Néry's Free Fall unter Wasser, möchte man aufspringen und laut ausrufen: "HAMMER!". Ihr wisst schon, die Konventionen haben mich im Werk II daran gehindert.



PS: Nur eine Frage sei erlaubt. Warum um alles in der Welt taucht in dem Video Julie Gautier nicht vor der Kamera?! Sie hätte alle Qualitäten.

Link zu Julies Blog
Sag ich doch.

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