Montag, 20. Dezember 2010

Stille Nacht

Nicht nur ein Vulkan hat es in diesem Jahr geschafft, die menschlichen Transportwege zu unterbrechen, nein, auch der hiesige Winter ist dazu in der Lage. Wer hätte das gedacht.

Den am Wochenende auf dem Frankfurter Flughafen Gestrandeten ließ man ausrichten, doch bitte innerhalb Deutschlands auf die Bahn auszuweichen; und die Bahn bat darum, auf das Zugfahren zu verzichten. Irgendwie drollig. Darf man diese Geschichte weiterspinnen? China und Südkorea raten vom Gebrauch billiger Arbeitskräfte aus Nordkorea ab, die USA raten dringend von Interventionen in Drittstaaten zum eigenen wirtschaftlichen Vorteil ab, Frankreich rät dringend von Deals mit nordafrikanischen Dikatoren ab, die Bundesregierung rät aus Unwissenheit über den Standort eines atomaren Endlagers vom Transport weiterer 500 Castor-Behälter ab, die FIFA rät dringend von Geldgeschenken ab, Evo Morales rät dringend zum Kyoto-Anschlussabkommen, die US-Grenzpolizei rät von Grenzübertritten der Drogenkuriere ab, BP rät wegen unkalkulierbarer Risiken von der weiteren Offshore-Ölförderung ab ... und der Autor von der weiteren Lektüre dieses Postings.

Zurück zum Verkehr in Deutschland. Die Tage um den vierten Advent gehören in vielen - christlich geprägten - Staaten zu jenen mit dem stärksten Verkehrsaufkommen; und dummerweise halten sich die Tiefdruckgebiete nicht daran.

Wie froh müssen da doch die Besucher der gestern seit 13 Uhr geöffneten Shopping-Zentren gewesen sein, einen besinnlichen Tag in der Gesellschaft vieler Gleichgesinnter zugebracht zu haben. 77 Milliarden Euro werden im deutschen Einzelhandel während des Weihnachtsgeschäfts umgesetzt. Etwas schämen müssen sich nur die Brandenburger, denn die sind mit einer Pro-Kopf-Ausgabe von etwa 70 Euro für Geschenke Schlusslicht in Deutschland. Das muss doch nicht sein. Zumal Media Markt den Weihnachtseinkauf mit 0%-Finanzierungen unterstützt. Also, hopp, hopp, flux den 60"-Plasma-Fernseher samt Bluray-Player gekauft und gleich ist man wieder ein akzeptiertes Herdenmitglied. Als Dankeschön gibt's den aktuellen von Donnersmarck obendrauf. Herz, was willst du mehr?

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Das Herz will natürlich Liebe und Zuneigung. Bedürfnisse, die homosexuelle Soldaten der amerikanischen Streitkräfte nun nicht länger im Dienst unartikuliert lassen müssen. Bill Clinton erließ vor 17 Jahren eine Richtlinie, nach der gleichgeschlechtlich orientierte Soldatinnen und Soldaten zwar im US-Militär ihren Dienst versehen durften, aber ihre sexuellen Neigungen verbergen mussten. Etwa 14.000 haben sich im Zeitraum bis heute geoutet und wurden daraufhin unehrenhaft aus dem Dienst entlassen. Nun hat nach dem Repräsentantenhaus auch der US-Senat der Neuregelung zugestimmt und damit Obama ein vorzeitiges Weihnachtsgeschenk beschert.

Hm, prinzipiell muss man hier keine weiteren Worte verlieren, außer der ewig gleichen Frage, warum es wieder so lang gedauert hat. Ich erinnere mich bloß gerade an ein Porträt über die US-Offiziers-Kaderschmiede 'West Point'. Dort gelangt nur hin, wer ein Empfehlungsschreiben eines Kongressabgeordneten vorweisen kann, unter 23 Jahren und unverheiratet ist, keine Alimente zahlen muss und ... Standard ... überdurchschnittliche Schulleistungen gezeigt hat. Rugby ist in der Akademie DIE Sportart schlechthin, bereitet sie doch besonders auf die späteren Kriegseinsätze vor, "weil der ballführende Spieler in der Opferrolle ist." (Greg Daniels, verantwortlich für die Leibeserziehung in West Point)

Solange die Schlacht von 300 Spartanern gegen eine übermächtige Armee persischer Soldaten als großes Vorbild gilt, solange für Kadetten die Frage "Warum?" keine Rolle spielt, solange "Pflicht, Ehre, Land" der alles beherrschende Leitspruch ist - solange hat eine Gesellschaft noch einen weiten Weg vor sich. Immerhin dürfen jetzt auch offen schwule und lesbische Kadetten einmal im Jahr die "Brothers"-Glocke läuten. Auf dass wir siegreich heimkehren.

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Sieh nicht, was andre tun, / Der andern sind so viel, /
Du kommst nur in ein Spiel, / Das nimmermehr wird ruhn. /
Geh Gottes Pfad, / Lass nichts sonst Führer sein, /
So gehst Du recht und grad, Und gingst Du ganz allein.

(Christian Morgenstern)

Was für ein netter, wohltuender Kontrast. Dabei ist das Gedicht hochaktuell, auch und gerade in diesen Zeiten mit 10-m-plus-x langen Schlangen an den Kassen. Wer einfallslos oder nicht in der Lage ist, sich in die Gedanken- und Lebenswelt eines zu Beschenkenden zu versetzen, der schenkt gerne Gutscheine.
Gutscheine für Bücher, Gutscheine für Karstadt, Gutscheine für ein Sportgeschäft. Hatte ich Wellness-Gutscheine schon erwähnt?

Den Nimbus der Einfallslosigkeit nimmt jetzt die Projektidee von www.betterplace.org von den Gutscheinen. Dahinter steckt eine AG (www.gut.org), die gemeinnützige Projekte unterstützt. Man kann herausfinden, wieviele Mittel zum Erreichen des jeweiligen Projektziels noch fehlen und seiner Meinung in Form eines Ratings Ausdruck verleihen. Sachspenden und freiwillige Arbeitsleistungen sind ebenso möglich.

Bei 'betterplace' bekommt man nicht nur eine Danksagung und die Spendenquittung zugestellt, nein, es wird der direkte Kontakt zum geförderten Unternehmen über Videos ermöglicht. Ich selbst hab mich über mehrere Jahre für ein Nashorn-Projekt in Namibia engagiert und bekam dann einmal im Jahr eine Zeitung mit den Fortschritten des Projekts. Ein Kalb beim Aufwachsen zu beobachten hätte einen ganz anderen Charme gehabt.

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Die gute Sitte, für Leistung eine Gegenleistung zu erhalten, scheint in der Weihnachtszeit ausgehebelt. Auf den ersten Blick. Es war einer dieser morgens schon manchmal recht kalten Herbsttage, denen die Sonne dann glücklicherweise ab der Mittagszeit einen, im nun schon weit fortgeschrittenen Jahreslauf, Hauch von Sommer mit auf den Weg gegeben hat. Wir waren uns ähnlich und unähnlich in einem, hatten gewiss keine stringent gleichen Weltanschauungen und doch eine messbare Schnittmenge der Charakterzüge aufzuweisen. Eine Seele besuchte die andere, beide verbrachten Zeit miteinander. Weihnachten und Ostern waren eine Herausforderung. Es wurde so einiges selbst gebastelt und immer heil zugestellt. Mein Konto mit der Nummer 131 292 0 141 bei der Bank für Menschlichkeit und Darwinismus wuchs stetig an und blieb doch komischerweise leer. Dafür füllte sich ein anderes Konto umso schneller: Nämlich jenes des Mißtrauens und Zweifelns.

Weihnachten dient mit der Feier eines neuen Lebens auch all denen, die sich ausgenutzt und mißverstanden fühlen. Sie erhoffen sich mit diesem symbolischen Neuanfang einen Schritt zurück und einen nach vorn gleichzeitig. In diesem Zusammenhang wird das Schenken geradezu immanent wichtig, als - auf den zweiten Blick - Leistung für ein besseres zwischenmenschliches Auskommen. Und als sehr gute Möglichkeit, bei knackendem Kaminfeuer am Mißtrauen zu (hoffentlich nicht) (ver)zweifeln.

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Garantiert (fast) verzweifeln wird in dieser Woche der Grünen-Abgeordnete Volker Beck. Die um das Amt des Regierenden Bürgermeisters in der Hauptstadt kämpfende Renate Künast hat nämlich eine von Beck am Freitag geäußerte Mißmutsbekundung der Grünen-Bundestagsfraktion über die geplante Rede des Papstes vor dem Bundestag mit den Worten "da gehen wir hin, und zwar respektvoll." geschasst. Man kann Volker Beck aber auch für seine vorschnelle Ablehnung verstehen, wird er doch vom Papst als "objektiv ungeordnet" bezeichnet. "Objektiv ungeordnet" - das hat was. Von solchen Wortklaubereien können sich KT und Co. noch eine dicke Scheibe abschneiden.

Da fällt mir ein: Welche Rolle könnte Volker Beck wohl in der neuen Minsker Regierung ... 79,6% ... übel. Ganz übel. Moment. Kalter Winter? Russisches Erdgas? Transit? Also nochmal: War da was in Minsk? Ja. Eine demokratische Wahl.

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So, auf den Schreck schnell eine Aspirin einwerfen (laut einer aktuellen Studie wirkt es sogar krebsvorbeugend). Denn "wer täglich 100 mg ASS schluckt, kann sich freuen - über einen doppelten Schutz." (Cornelia Ulrich, Deutsches Krebsforschungszentrum)
Manchem Minsker Oppositionellen wünscht man hingegen einen Schlagstock- und keinen Schlaganfallschutz.

Bleibt bitte wachsam, neugierig, widerstandsfähig ... und verwendet zum Plätzchenbacken nur GUTEBUTTER. Genau ein Wort. Fingerdick.

PS: Spenden gehen in diesem Jahr bitte bevorzugt hier hin: Nach Sarayacu.

Die Bewohner dieses gallischen Dorfes in Amazonien führen nämlich schon seit Jahren (mich hatte damals Rüdiger Nehberg darauf gestoßen) einen (am Ende leider wohl aussichtslosen) Kampf gegen die Ölförderung in ihrer Heimat. Die einzige Chance besteht darin, weltweites Gehör zu finden.

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