Donnerstag, 27. Januar 2011

Ja, ich will.

Von Nietzsche ist ein schönes Zitat überliefert: "Der Mensch ist das Tier, das versprechen kann."
Was könnte besser zur gehaltenen "state-of-the-union"-Rede des amerikanischen Präsidenten, zum Vortrag des deutschen Verteidigungsministers vor dem Verteidigungsausschuss und zum gegenwärtig stattfindenden Weltwirtschaftstreffen in Davos passen?

Und die Versprechen des Menschen halten glücklicherweise immer länger. Nehmen wir die Ehe. Deren Halbwertszeit hat sich auf 14 Jahre und 4 Monate verlängert. Aber selbst mit dieser so souverän anmutenden Umschiffung des verflixten siebten Jahres kann und darf man als Nun-wieder-Single (oder bereits neu verheirateter Katholik) nicht zufrieden sein. Der Vertreter Christi auf Erden hat daher sofort folgerichtig gemahnt: "Heiratswillige Paare sollten vor der kirchlichen Trauung strenger auf ihre Motivation überprüft werden. Die Richter, die über Eheannulierungen entscheiden, sollten Ehen nicht allein deshalb für nichtig erklären, weil die Kläger es wünschten." Wär ja noch schöner.

Dabei konnte der Auftakt zu einem gemeinsamen Leben nicht schöner, nicht erfolgversprechender sein. Die junge Offiziersanwärterin (seit dreieinhalb Jahren bei der Bundeswehr) bestieg am 05. November des vergangenen Jahres in Brasilien das deutsche Segelschulschiff. Alle Offiziersanwärter des Truppendienstes und die Sanitätsoffiziersanwärter der Deutschen Marine werden im Rahmen von Auslandsausbildungsreisen auf diesem Segler für die Dauer von sechs Wochen ausgebildet. Zur 85 Mann starken Stammbesatzung kommen maximal 138 Lehrgangsteilnehmer. Einer von ihnen war die 25-jährige Sarah.

Am 07. November 2010, zwei Tage nach ihrer Einschiffung, stürzte die junge Soldatin aus 27 Metern Höhe auf die Planken. Über 8 Jahre lag zu diesem Zeitpunkt der letzte Todesfall durch einen Sturz vom Großmast zurück. Nach dem tödlichen Unfall der jungen Kadettin verweigerten nun zahlreiche ihrer Kameraden das Aufentern. 73 flogen daraufhin vom Schiff und zurück nach Deutschland. Der Begriff Meuterei schwebte im Raum - bis zu zehn Jahre Haft drohen für dieses "Verbrechen". Die Regierung musste schließlich handeln: Der deutsche Verteidigungsminister handelte auch prompt, entband Kapitän zur See Norbert Schatz seines Kommandos und beorderte die Gorch Fock zurück in ihren Heimathafen nach Kiel. Über die Zukunft des Schiffes wird in Berlin entschieden werden.

Was wäre ein Leben ohne Konkurrenz? Nicht als Leben zu bezeichnen. Konkurrenz ist der "Wettbewerb von Organismen um den Anteil an einer begrenzten Ressource." (Quelle: Brockhaus der Biologie). Begrenzte Ressourcen sind in unserer Welt u.a. (neben den natürlichen, nicht ubiquitär vorhandenen Ressourcen) auch Ansehen, Macht, Sex und Wohlstand.

Menschen gieren danach, ihren Zugang zu Ressourcen zu erweitern und mannigfaltig motivierte Bedürfnisse zu befriedigen. Auch an Bord der Gorch Fock war das so, ist das so und (natürlich fährt sie weiter!) wird das so sein. Ein enges Verhältnis von Vorgesetzten und Untergebenen auf engem Raum, ohne Möglichkeit für kurze Eskapaden ruft Spannungen hervor. Solche Spannungen können clever abgebaut werden - selbst auf einem weltbekannten Segelschulschiff -, sofern die Verantwortlichen dazu in der Lage sind. Ein kompetenter Vorgesetzter motiviert seine Mannschaft und hat die Stärke, sich gewissen Gruppentendenzen entschieden entgegenzustemmen. Das sind Platitüden, sicher.

Wo ich schon bei Platitüden bin. Die Formulierung des deutschen Verteidigungsministers, "Prüfen, ob es Rituale gibt, die nicht mit den Grundsätzen der Bundeswehr übereinstimmen", war in diesem Zusammenhang ein Anlass, an die Vorfälle in Mittenwald zu denken. Vor einem Jahr standen die dort stationierten Gebirgsjäger im Fokus der Öffentlichkeit, jetzt ist es die Marine (okay, für die Waffenspiele in Afghanistan ist derzeit wenig Platz in den Medien. Ägypten, Russland, Tunesien,... hach, geht das alles schnell). Welche Rituale stimmen denn nun mit den Grundsätzen der Bundeswehr überein? Gibt es dazu etwa Vorlagen, was man in welchem Abschnitt der Offiziersausbildung zu beweisen hat?

Zumindest Waffenspiele scheinen aktuell nicht dazuzugehören. Komasaufen schon (obwohl der deutsche Verteidigungsminister nichts dergleichen während seiner eigenen Ausbildung mitbekommen haben will). Rückhaltlose Aufklärung. Ja, ich mag Männer, die zu ihrem Wort stehen.

Die Gorch Fock wird in Marinekreisen als "größter schwimmender Puff Deutschlands" bezeichnet. Na ja, Soldaten sind für ihren prägnanten Ton bekannt, ein Körnchen Wahrheit steckt (pardon!) aber sich doch drin. Etwas dezenter formuliert es das Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr. Dort wird die Gorch Fock schlicht als "Dauerbaustelle" bezeichnet. Ein Leser-Kommentar aus der FAZ:
"Da beschweren sich tatsächlich Offiziersanwärter, dass sie nicht mit Samthandschuhen angefasst werden und auch mal ein bisschen rauherer Umgangston herrscht?
.
Was denken diese Leute eigentlich wo sie sind?
.
Das ist ein KRIEGSschiff! Hier wird für den KRIEG trainiert und nicht für irgendwelche PowerPoint Büropräsentationen.
.
Von diesen Offizieren wird im Kriegsfall FÜHRUNG erwartet, es wird erwartet, dass sie Menschen in den TOT schicken können - mit voller Absicht, zum Beispiel um noch viel mehr Menschen damit das Leben zu retten. Und selbst können die sich noch nicht einmal dazu überwinden, etwas härter angefasst zu werden?
.
Dann sind die einfach nicht als Offizier geeignet!
.
Kein Wunder, dass alles den Bach runtergeht. Ja, natürlich muss es bei so einer Ausbildung Grenzen geben - die gibt es auch. Aber ein manchmal rauher Umgangston und insbesondere GRENZERFAHRUNGEN sind absolute Vorraussetzung für so eine Ausbildung. Wer das nicht begreift, der hat nie Grenzerfahrungen gemacht und kennt den sehr hohen Wert dieser Erfahrungen nicht - sofern diese sinnvoll und menschlich begleitet werden."
Grenzerfahrungen sind sicher gut, die Frage ist nur, ob man sie braucht. Die Kadetten beklagen sich über rauhe Sitten und die fehlende Kameradschaft, fügen sich aber mehrheitlich in das System. "Fordernd und erlebnisreich" (Offiziersstimmen) soll die Ausbildung sein und am Ende die Halbentschlossenen und Ungeeigneten aussieben.

Der schwimmende Botschafter Deutschlands leidet wie alle renommierten Ausbildungsstätten weltweit am Spagat zwischen Ausbildung und Repräsentation. Ausbildung gelingt perfekt, wenn die Schüler ein festes Ziel vor Augen haben und die Ausbilder als erfahrene Sherpas auf dieser (gemeinsamen!) Bergtour auftreten. Leiden Sherpas allerdings an Selbstüberschätzung oder dem Gefühl der Allmacht, werden sie lebenswichtige Signale übersehen und gnadenlos vom nächsten Wetterumschwung aus dem Rennen genommen.

Zu diesem Thema möchte ich auf einen sehr schönen Beitrag von Werner Theurich auf Spiegel Online zu Befehl und Gehorsam hinweisen (Direktlink). Darin heißt es u.a.:
"Natürlich gibt es keine "feigen" oder "tapferen" Generationen. Es gibt nur mehr oder weniger komplexe Situationen, in denen von Menschen Werte neu verhandelt und angewandt werden. Im Krieg zum Beispiel, einer prinzipiell unüberschaubaren, kaum planbaren Situation, stehen Werte auf dem Prüfstand. Das militärisch-mentale Training dafür läuft über den Kanon der Hierarchie, den streng geregelten Ablauf einer Befehlskette, über Regeln und Verantwortung. Ein achtenswerter Versuch, denn er beinhaltet den heroischen Anspruch, unvorhersehbare Dinge grundsätzlich nachvollziehbar und vorausschauend zu regeln. Er verkennt allerdings die Tatsache, dass es nicht immer "weise" Vorgesetzte und "einsichtige" Untergebene gibt. Er ignoriert den größten Sicherheits- und Unsicherheitsfaktor dieser Versuchsanordnung: den Menschen. Ein Mensch kann diese Prinzipien achten und danach handeln, aber nur so lange, bis dieses Handeln plötzlich seinen Erfahrungen und Empfindungen zuwider läuft."


Man achte auf die erste Strophe.

Keine Kommentare: