Dienstag, 1. Februar 2011

Ein Wintertag im Brockengebiet

Knappe 8 Monate liegt mein letzter Besuch im Harz mittlerweile zurück; Zeit also für eine Neuauflage. Was damals unter der Überschrift "Radprojekt" firmierte, sollte heuer jedoch mit anderer Zielstellung angegangen werden.

Die optischen Eindrücke auf dem Čertova hora hatten nämlich eine nachhaltige Wirkung hinterlassen und ließen den Plan reifen, bei ähnlichen Wetterbedingungen im Harz auf Fotopirsch zu gehen. Am vergangenen Wochenende schließlich war es soweit: Deutschland gelangte großflächig unter Hochdruckeinfluss. Winterliche Hochdruckwetterlagen sorgen durch die damit verbundenen Inversionen im Flachland häufig für Nebel und in den Mittelgebirgsregionen für ganztägigen Sonnenschein. Der kalte Boden kühlt die Luft ab, wodurch deren Dichte steigt. Die sinkende Luft an der Obergrenze der Inversion erwärmt sich im Gegensatz dazu. Die Bodeninversion und die Absinkinversion darüber verstärken also gegenseitig ihre Sperrwirkungen. Oberhalb der Sperrschicht ist die Luft trocken, der Himmel zeigt ein sattes Blau, man hat eine prächtige Fernsicht und auch meist höhere Temperaturen als im Tal.

Der Sonnenaufgang auf dem Brocken sollte 8.03 Uhr stattfinden, so dass ich mal wieder etwas eher frühstückte und 3 Uhr das Haus verließ. Begleitet von Filmmusik im Deutschlandradio Kultur verging die anschließende Zeit bis zur Autobahnabfahrt Nordhausen relativ schnell und ohne Zwischenfälle. Nervender waren da schon die nächsten 40 km bis Schierke - wobei das verschneite 5-km-Teilstück zwischen Elend und Sorge noch den meisten Spaß bereitete. Auf besagten 40 km durchquert man quasi im Schnelldurchlauf Unter- und Mittelharz. Vom Ilfelder Becken mit seiner anstehenden Grauwacke geht es über Benneckenstein (auf submarinen Rutschmassen gelegen) und Tanne (Tanner Grauwacke) weiter über mehrere Störungen bis zum Brockengranit unter Schierke.

Man möchte meinen, in einem 700-EW-Nest morgens halb sechs einen kostenlosen Parkplatz zu finden. Möchte man. Ich habe keine Ahnung, wo die Anwohner parken. Wobei, doch, Pferde stehen ja im Stall. Egal, ich hab mich dann für die "Fürstenhöhe 2" entschieden, die Wanderschuhe angezogen und kurz nach sechs die Stirnlampe angeknipst.

6 Kilometer sind es auf direktem Wege über den Eckerlochstieg bis zum Gipfelplateau. Zeit genug, einen kurzen Exkurs in die geologische Vergangenheit und Gegenwart zu machen.
Während der Zeit des Ordoviziums, Silurs, Devons und Karbons (vor 500 - 350 Mill. Jahren) lagerten sich u.a. im Gebiet des heutigen Harzes mehrere tausend Meter tonige, sandige und kalkige Sedimente ab. Diese wurden vor etwa 300 Mill. Jahren gefaltet und stiegen danach zum Varistischen Gebirge auf. Zur Zeit des Rotliegenden (Perm, vor 280 Mill. Jahren) begann die Abtragung des Varistischen Gebirges, in der Kreidezeit (vor 135 Mill. Jahren) schließlich die Hebung um mehrere hundert Meter. Diese Scholle wurde später im Tertiär (vor 65 Mill. Jahren) bis zum Grundgebirge abgetragen. Im Jungtertiär erfolgte dann eine zweite Hebungsperiode um mehrere hundert Meter, die das heutige Mittelgebirge schuf. Das heutige Horstgebirge (eine Horstpultscholle um ganz exakt zu sein) ist somit ein erosionsbedingt von tiefen Tälern zerschnittener Teil der alten tertiären Tiefebene.


Mittlerweile ist es kurz nach sieben, der abnehmende Mond leuchtet neben der Venus am Firmament und ich habe nur noch wenige Meter bis zum Gipfel vor mir.


Obwohl dieser Tag einfach nur phantastisch beginnt, bin ich unruhig und alles andere als entspannt. Mich treibt die Angst um, den perfekten Bildwinkel nicht zu finden, den Charakter des Moments nicht erfassen zu können und dann enttäuscht von dannen ziehen zu müssen. Ich bemerke nicht, wie die Zeit vergeht. Stelle das Stativ hierhin, stelle es dorthin, drehe 360°-Videos, nehme Panoramen auf, gehe in die Hocke, stelle mich auf den Gipfelfelsen...



360°-Gipfelpanorama





...und verschwinde schließlich kurz nach 9 in eine windgeschützte Ecke zum zweiten Frühstück.


Auf dem Hirtenstieg geht es wenig später hinunter zur Eckertalsperre. Die Talsperre dient der Trinkwasserversorgung der Städte Braunschweig und Wolfsburg und war zu DDR-Zeiten Teil der Grenzbefestigung (die Mauer verlief direkt über die Dammkrone).



180°-Blick gen Nord mit Eckertalsperre.




Auf den nächsten 7 Kilometern bin ich permanent im Tiefschnee unterwegs, allerdings begleitet vom Plätschern der Ecker und umrahmt von pittoresken Aussichten wie dieser:


Leben und Tod liegen auch in der vermeintlich schönsten Idylle stets eng beieinander:


Zurück auf den Boden der harten Zivilisationsrealität kam ich kurz darauf am Eckersprung. Hier stößt man nämlich auf den Goetheweg, welcher von Torfhaus zum Brocken führt und zu den meistfrequentiertesten im Nationalpark Harz gehört. "Was ist der Mensch, dass du sein gedenkst."
(J. W. v. Goethe)


Rodelnde Kinder, kleinere Gruppen, größere Gruppen, eine Frau mit Taschentuch auf der Nase (sie hat die Sonnencreme gern genommen), viele Fotoapparate, ein paar Langläufer. Es ist 15.21 Uhr und ich habe noch genügend Zeit bis zum Tagesende. Zeit, um den Tee auszutrinken; Zeit für weitere Dias.



Und, hat sich an der Unruhe etwas geändert? Ja, hat sich. Bei drei Bildern würde ich sagen, dass sich die Fahrt gelohnt hat. Und das vierte kam kurz vor Schluss sogar noch dazu.



Viele Ausflügler hatten sich für die letzten Minuten des Tages wieder oben versammelt und turnten entweder auf dem Gipfelfelsen herum, fotografierten sich gegenseitig vor der Sonne oder standen einfach nur still da. Still da stand ich nicht. Objektivwechsel, Kamerawechsel, Positionswechsel ... man kennt das.




Mit diesen Bildern endet nun mein kleiner Bericht zum Ausflug in den winterlichen Harz. Wer mag, kann sich hier im Anschluss aber erneut auf eine kurze Reise - diesmal mit Musikuntermalung - begeben:

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