Montag, 17. Januar 2011

Verbraucherschützer unter sich

Was haben eine Bohrmaschine für 20 Euro und ein Schweineschnitzel für 2 Euro gemeinsam? Nun, sie funktionieren. Soll heißen, die Bohrmaschine bohrt selbstverständlich das gewünschte Loch, sicher auch die gewünschten Löcher. Nur tut sie das eben nicht für lange Zeit; und nie auf solider Basis.

Das Schweineschnitzel brutzelt wie gewohnt auf dem Grill oder in der Pfanne und macht - als süße kleine Medaillons angerichtet - nicht zuletzt die Kinder froh. Prima. Mami hat den Nachwuchs wieder versorgt und Papi endlich den Spiegel im Bad angebracht. Wo ist jetzt eigentlich das Problem?

Das Problem sind die Konsequenzen unseres Handelns. Ich hatte am Freitagmittag ein kurzes Gespräch zum Thema Angebot und Nachfrage geführt, in dem ich die These/Überzeugung vertrat, erst die Nachfrage schafft das Angebot. Dabei muss ich zuerst mein Verständnis vom Begriff der Nachfrage definieren. Unter Nachfrage verstehe ich - ähnlich dem Ablauf einer Instinkthandlung in der Verhaltensbiologie - das Zusammenspiel mehrerer Faktoren, deren unmittelbar an der Spitze stehender Faktor (das direkte Kaufbedürfnis; der direkte Wille, etwas zu besitzen) ähnlich einem im Meer treibenden Eisberg nur ein paar Prozent des Ganzen ausmacht. Richtig sexy klingt es hier: klick.

Mir wurde entgegengehalten, so auch die Existenz von Diktatoren und (in der FR wurde der Papst in einem Kommentar unlängst als solcher bezeichnet) Potentaten zu rechtfertigen. Nun, warum denn nicht? Ganz konsequent weitergedacht und lediglich vor die eigene Haustür geschaut: Die Friedliche Revolution ging vom Volke aus, das sich nicht länger einsperren und bevormunden lassen wollte. Mit den Montagsgebeten in der Leipziger Nikolaikirche kam ein willentlich vom Volk initiierter Prozess (mit dem Pfarrer Führer und seinem Haus als Brennspiegel) in Gang, dessen Ende nur ein Massenmord oder der Fall der Mauer markieren konnte. Andere Völker benötigen dazu externe Hilfe, schreien seit Jahrzehnten danach. Was übertönt ihre Stimmen? Unter anderem das Klingeln (vielmehr der Inhalt) deines sich wahrscheinlich gerade in Greifweite befindlichen Mobiltelefons, lieber Leser.

Und das Entstehen der DDR? Zeiten großer Unsicherheit und Instabilität - wie sie auch nach Ende des Zweiten Weltkriegs herrschten - sind gefährliche Gemengelagen. Der Zusammenprall zweier Wertesysteme, der für die folgenden Jahrzehnte in den Kalten Krieg münden sollte, ließ - ja, auch um noch mehr Millionen Opfer zu verhindern - Deutschland in zwei Teile zerfallen. Der Wille des Volkes war da außen vor - denn es gab kein Volk im heutigen Sinne mehr. Es gab nur den Wunsch, sich an irgendetwas festzuhalten, einen Fixpunkt zu bekommen.

Die eine Hälfte Deutschlands bekam mit den Wirtschaftswunderjahren schließlich rasch was sie nachfragte: Wachstum und Wohlstand. Die andere Hälfte Deutschlands diente als Aufbewahrungslager für Menschen und der - sowohl unter Ressourcen- als auch Umwelt-Aspekten gesehen - Ausbeutung. Der Rest ist Geschichte. Die Wäsche ist jetzt wieder sauber. Die Lunge? Ich habe keine Ahnung.

Viele Faktoren, ein sichtbares Raubtier. Dieses Schema lässt sich ebenso auf die gegenwärtige Diskussion um Dioxin in Hühnereiern und nun gar im Schweinefleisch anwenden. Alle, deren Hirn noch nicht von BSE zersetzt ist, werden sich an den Auslöser des damaligen Skandals (zumindest wurde dieses Szenario als überraschend empfunden) erinnern: Geschredderte Schafe wurden als Rinderfutter verwendet. Tiermehl durfte als Konsequenz nicht weiter verfüttert werden und als Geschenk für diesen geschluckten Brocken bekam die Fleischindustrie auf EU-Ebene die Erlaubnis zum Handel mit ihren Abfällen. Der nächste Skandal war programmiert. Er sollte sich später Gammelfleischskandal nennen.

Aber was bleibt den Bauern? Sie müssen überleben und sind von der Gnade der großen Discounter abhängig. Desweiteren richtet sich die Höhe der EU-Agrarsubventionen nach wie vor nach der Fläche und dem Viehbestand des jeweiligen Betriebes. Ökologischer Futtermittelanbau, Umweltschutzmaßnahmen, Verbraucher(wie ich dieses Wort liebe!!!)aufklärung kommen später. Produziert wird auf Masse, schnell und billig. Industriefette sind billig, die QS-Regelung verpflichtet lediglich zur Selbstregulation, der Kunde kauft die Produkte, das Hamsterrad dreht sich.


Tierschützer versuchen nun, mit einer Anzeige als Reaktion auf die EU-Vorgabe - alle mit Dioxin belasteten Nutztiere zu keulen - einen Präzedenzfall zu schaffen. Denn noch immer gilt §17 des Tierschutzgesetzes faktisch nicht für Nutztiere. Aber ist es ein vernünftiger Grund, ein Schwein schnell zu mästen und dann für das 2-Euro-Steak zu töten?

Ich nähere mich dem punctum saliens. Was ist vernünftig? Was machen wir da eigentlich gerade und wie wird die Rückschau in 50 Jahren ausfallen?

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