Dienstag, 26. Juli 2011

Taxi industry paralysed

Norwegen, diese 385.000 km² lange schmale Landmasse im Norden Europas, verbinden die meisten Menschen mit schroffer Natur, einer geringen Bevölkerungsdichte, einer unauffälligen Demokratie, reichen Erdöl- u. Erdgasvorkommen sowie einer prosperierenden Wirtschaft, dank derer das hochindustrialisierte Land zu den (gemessen am BSP) reichsten (Liechtenstein, Luxemburg, Monaco einmal außen vor gelassen) Staaten Europas gehört.

Obwohl Norwegen zu den Gründungsmitgliedern der NATO gehört, stimmte die Bevölkerung gegen einen Beitritt zur Europäischen Union. Ursächlich hierfür mögen Befürchtungen (gewesen) sein, die eigene Souveränität in Teilen an Brüssel abtreten und lediglich als neuer Nettozahler ohne große Stimmgewalt (4,7 Mio. EW) dastehen zu müssen.
Geschadet haben diese Entscheidungen dem Land jedenfalls nicht und auch den minimalen Beitrag als NATO-Mitglied - etwa zum Einsatz in Libyen (zwei Flugzeuge) oder in Afghanistan (500 Soldaten) - dürfte die Bevölkerung mit Wohlwollen gesehen haben.

Umso brutaler wirkte da der Anschlag vom vergangenen Freitag; erst mit der Detonation einer Bombe im Zentrum Oslos und anschließend mit einem Massaker im Jugendlager der regierenden Arbeiterpartei auf einer rund 40 Kilometer entfernten kleinen Insel im Tyrifjord. Der Täter ist ein 32-jähriger Norweger, der diese Taten über einen langen Zeitraum geplant hat.

Der Kreuzzugsgedanke

Erstes Indiz dafür ist die Existenz eines 1500 Seiten umfassenden Manifests Anders Behring Breiviks. Es ist sein Versuch, die Geschichte zu wiederholen und nach "Mein Kampf" (er bewundert Hitler im Text allerdings nicht direkt) nun mit "2083 - A European Declaration of Independence" ein neues altes Zeitalter des Rassenhasses heraufzubeschwören. Das Titelblatt ziert ein rotes Kreuz - Symbol der Kreuzritter.

Zwischen 1095 und 1291 fanden die von den Päpsten propagierten Kreuzzüge statt, "um nach dem Willen Gottes Jerusalem und das Heilige Land zurückzuerobern und die morgenländischen Christen vom Joch der Heiden zu befreien. [...] Die durch ein Kreuz gekennzeichneten Kreuzfahrer verpflichteten sich durch ihr Gelübde zum Kampf für das Erbe Christi. [...] Sie erwarten als Lohn für die Kreuzfahrt neben anderen Gnaden die Vergebung ihrer Sünden." (aus: Der Große Ploetz. 34. Aufl., 1998, S. 400).

Die Christianisierung Norwegens erfolgte gewaltsam durch König Olaf II. der Heilige Anfang des 11. Jh., seine Nachfolger gründeten im späten 11. und frühen 12. Jh. Bistümer und Städte und etablierten das Erbkönigtum. Unter König Haakon IV. (1217 - 1263) schließlich kommt die Hanse ins Spiel, als nämlich deutsche Kaufleute in Bergen mit der Getreideeinfuhr beginnen. Bis ins 19. Jh. war Norwegen an Schweden und Dänemark im Zusammenhang mit dem Kalmarer Reich gebunden. Das Land blieb sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg neutral - wurde von den Deutschen aber dennoch 1940 besetzt.

Wer Norwegen heute als liberales und fortschrittliches Land einschätzt, hat gewiss Recht. Das bestätigte in den letzten Jahren auch immer wieder der Human Development Report der UN.

Der Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund beträgt etwa 11% (zum Vergleich: in Deutschland sind es 18%). Ein Ausländeranteil von 27% in der Hauptstadt belegt obendrein die Attraktivität der Lebensbedingungen - und die Herausforderungen für die Gesellschaft.
Breivik konzipierte für sich eine umfassende Theorie, um die gegebenen Fakten zu manipulieren. Er wollte/er will mit seinem Manifest einen Kreuzzug in die Vergangenheit ermöglichen.

Error

Georg Paul Hefty schreibt in der FAZ:
"Das Handeln dieses Täters ist weder politisch noch gesellschaftlich, weder religiös noch esoterisch verständlich. Die einzige Kategorie, die darauf passt, ist Wahnsinn."
Mit Wahnsinn umschreibt der Volksmund psychische Störungen und die Wissenschaft hat dafür sechs klare(?) Kriterien parat:
  • Leiden und fehlangepasstes Verhalten (eigenschädliches Verhalten)
  • Irrationalität
  • Unvorhersagbares Verhalten, Kontrollverlust
  • Unkonventionelles Verhalten (von allgemeinen Maßstäben abweichend)
  • Moralisch inakzeptables Verhalten
  • löst beim Beobachter Unbehagen aus
(nach: Zimbardo (1995): Psychologie. 6. Aufl., S. 609)

Das Problem dieser Kriterien liegt nun darin, dass keines für sich alleinstehend eine notwendige Bedingung einer psychischen Störung ist. Wie verfährt man also? Nun, es werden mehrere Klassifikationssysteme angewandt, mit der Zielstellung, Störungen als graduelle Unterschiede zwischen Menschengruppen aufzufassen.
Ich möchte inmitten dieses kleinen Psychologie-Exkurses im folgenden nur kurz auf die drei häufigsten Persönlichkeitsstörungen hinweisen.

a) Narzisstische Persönlichkeitsstörung
  • übertriebenes Gefühl der eigenen Bedeutung
  • Erfolgs- und Machtphantasien
  • Sehnsucht nach Anerkennung und Bewunderung
  • Probleme in zwischenmenschlichen Beziehungen
  • Empathiemangel

b) Zwanghafte P.
  • aufgabenorientierter Perfektionismus
  • übertriebene Fixierung auf die Arbeit bis hin zum Ausschluss jeglichen Vergnügens
  • autoritär anderen gegenüber - aber selbst nicht auf Anordnungen hörend
  • beschäftigen sich gern mit Regeln, Rollen, Trivialitäten - übergenau und egozentristisch
  • große Angst vor Fehlern

c) Antisoziale P.
  • Verletzung der Rechte anderer und die Zurückweisung sozialer Normen
  • Gesetzesbruch, Kriminalität
  • fehlendes Schamgefühl
  • fehlendes Verantwortungsgefühl
  • "Soziopathen"
(nach: Zimbardo (1995): Psychologie. 6. Aufl., S. 614)

Weitere Links:
Liste der psychischen und Verhaltensstörungen nach ICD-10 in der Wikipedia
Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information | ICD-10, F60-F69 (Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen)

Bis auf die letztgenannte P. sind übrigens alle höchst umstritten und manche Fachvertreter stellen gar das ganze Konstrukt der Persönlichkeitsstörungen in Frage. Psychologie eben.

Eine liberale Gesellschaft

Erstaunlich war für mich die Festnahme des Täters. Von anfänglichen Startschwierigkeiten der norwegischen Einsatzkräfte einmal abgesehen (ein Hubschrauber befand sich in Wartung, zwei weitere trafen verspätet am Treffpunkt ein; zuerst war kein passendes Boot vorhanden), verlief die weitere Aktion vorbildlich. Vorbildlich für ein demokratisches Land. Denn man erschoss den Täter nicht einfach (und behauptete später, in Notwehr gehandelt zu haben), sondern nahm ihn, den sich Ergebenden, fest - das Risiko einer versteckt am Körper getragenen Bombe mag dabei wohl die größte Angst ausgelöst haben.

Was bis zu diesem Zeitpunkt, was 90 ewig lange Minuten vorher geschah, mag man sich nicht ausmalen. Die Augenzeugenberichte sprechen eine grauenhafte Sprache. Man ist erneut verstört angesichts der Unberechenbarkeit und Grausamkeit des menschlichen Handelns.

Und man ist verstört ob der eigenen Hilflosigkeit, dem Ausgeliefertsein. Wir vertrauen anderen täglich. Dabei verlässt man sich einerseits auf die Erfahrung, andererseits auf die gesellschaftliche Kontrolle. Die meisten Menschen sind übersichtlich strukturiert und folgen einfachen Handlungsmustern. Sie stehen unter sog. sozialer Kontrolle und sind harmlos; hegen allenfalls Groll, wenn ihnen der Parklplatz vor der Nase weggeschnappt wird. Gefährlich sind diejenigen, die sich dank ihrer Intelligenz unentdeckt im Schwarm bewegen können.
"As for girlfriends; I do get the occasional lead, or the occasional girl making a move, especially now a day as I'm fit like hell and feel great. But I'm trying to avoid relationships as it would only complicate my plans and it may jeopardize my operation."
(Anders Behring Breivik)
Sicherlich bedeutet nicht jeder soziale Rückzug die Planung eines Amoklaufs, aber er gibt Anlass zum Nachdenken. Wenn wir alle ein bisschen weniger egoistisch und ein bisschen mehr empfänglich für das Tun unserer Umwelt werden - ein persönliches Lob kann Berge versetzen -, Feedback und Bestätigung geben, in den besten Momenten Bedürfnisse blind erkennen, dann, ja dann ist dies schon alles in unserer Macht stehende.
"Die Antwort auf Gewalt ist mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Menschlichkeit. Aber nicht mehr Naivität."
(Jens Stoltenberg)

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