Dienstag, 27. September 2011

Schneller als Makau

In einer Zeit bevor u.a. dieser Blog ins Leben gerufen wurde, gab es die schöne Tradition, mehrmals in den Sommermonaten von Leipzig aus in die Bundeshauptstadt zu radeln. Am letzten Sonntag nun fanden wir zu den good old times zurück und brachen kurz nach 7 Uhr in Richtung Nordosten auf. Wir hieß diesmal: 3 Leute mit unterschiedlichen Radfahrmotiven - aber ähnlicher Leistungsfähigkeit. Für Mitte Oktober steht die erneute Teilnahme am Zeitfahren von Hamburg nach Berlin auf dem Kalender und nicht zuletzt aufgrund dieses Events war es wichtig zu wissen, was die Beinchen so zu leisten im Stande sind.

Die meteorologischen Rahmenbedingungen hätten besser kaum sein können: schwacher Wind aus SW, Hochdruckeinfluss und Tageshöchsttemperaturen von 25°C. Entsprechend sauber verflogen die 60 Einrollkilometer bis zur Elbfähre bei Pretzsch in unter 2 Stunden. Am Ufer angekommen, sahen wir der gerade abgelegten Fähre hinterher; doch zum Glück (?!) hatte der Fährmann ein Herz für Radler, kam die wenigen Meter zurück ans Ufer und ließ uns noch mit an Bord. Ich hatte gerade einmal Zeit, um ihm die Kamera für ein Gruppenbild in die Hand zu drücken, einen Riegel einzuwerfen und schon waren wir in Mauken.


Kleine Dörfer, weite Feldflächen, lange Alleen, militärisches Sperrgebiet - ja, wir waren mitten in Brandenburg. Der Fläming-Skate kreuzte unsere Route mehrfach, ebenso das Flüsschen Nuthe, bis nach insgesamt 110 Kilometern das Städtchen Jüterbog erreicht war. Eine sorgfältig sanierte Altstadt, das Rathaus in Backsteingotik und drei noch erhaltene Stadttore prägen das Besucherbild dieses Unterzentrums im Landkreis Teltow-Fläming im positiven Sinne. Weniger positiv fallen die Hinterlassenschaften der militärischen Vergangenheit dieser Region ins Auge; so zum Beispiel zwei große leerstehende Kasernenkomplexe und ein riesiger ehemaliger Flugplatz. Auf dem Flugplatz Altes Lager findet man heute den Sitz des Drachenfliegerclubs Berlin, eine Go-Kart-Strecke, ein privates militärhistorisches Museum sowie diverse Lebenskünstler.

Und obwohl (oder gerade weil?) hier "nix los" ist, strahlt diese Landschaft eine undefinierbare Anziehungskraft, ja Gelassenheit aus. Meine Wanderung während der Flatlands im letzten Jahr mitten durch den Truppenübungsplatz etwa war trotz des Frusts (der bei so einer netten Begrüßung am Boden aber schnell "verflog") über einen nur kurzen Flug herrlich entspannend und beruhigend. Es muss an den Kiefernwäldern, am Sandboden, am Geruch der Landschaft liegen.

So oder so, diesmal hatte ich keine Zeit für ausgedehnte Spaziergänge, galt es doch, möglichst schnell nach Luckenwalde zu kommen.


Ich freute mich schon sehr auf die Hauptstraße mit Kopfsteinpflaster, als - welch Wunder - das ersehnte Gerüttel ausblieb. War das wirklich Luckenwalde? Hatten wir uns verfahren? Tatsache, Asphalt hatte das historische Geläuf abgelöst. Pluspunkt. Bei Wiesenhagen, 10 Kilometer hinter Luckenwalde, stießen wir dann auf eine weitere Streckenveränderung. Die B101 wird hier nämlich vierspurig ausgebaut, um als Südzubringer der A10 noch mehr Pkw und Lkw verkraften zu können.


Weiter nach Trebbin, Thyrow und inmitten der Ludwigsfelder Heide schließlich auf 300 Metern mit einer Brücke sowohl über die ICE-Strecke Berlin-Halle als auch über die B101. Bis zur A10 sind es jetzt nur noch 10 und bis zum Ortseingangsschild Berlins 22 Kilometer. Endspurt. 13.24 Uhr sind wir schließlich nach 6 Stunden Fahrzeit und 171 km im Gesäß am Ziel. Zumindest vorerst, denn die anschließende Fahrt ins Zentrum bot noch zwei potentiell sturzträchtige Szenen (man muss beim Linksabbiegen als Autofahrer keinen Blick auf den Radweg werfen, man muss dazu nicht einmal das Tempo unter 50 km/h absenken), bevor wir kurz nach 14 Uhr am Potsdamer Platz einem Teil der insgesamt 40.000 Starter des 38. Berlin-Marathons beim Leiden zusehen konnten.

Potsdamer Platz



"Hopp, Schwyz!"




Beim Blick in die Abendnachrichten bereute ich unsere späte Abfahrt zwar - denn wie oft im Leben kann man schon live bei einem Marathon-Weltrekord dabei sein -, gelungen war der Tag im großen und ganzen aber trotzdem. Congratulations an Patrick Makau! Während diese Jungs eifrig an Sub-2h knabbern, werde ich in 2012 eifrig an Sub-3h knabbern.

Vom Potsdamer Platz aus ging es anschließend über den angrenzenden Leipziger Platz, die Französische Straße und den Werderschen Markt zum Schloßplatz. Wow. Wir standen vor Schloßplatz und Berliner Dom auf der Museumsinsel, blickten etwas skeptisch auf die Humboldt-Box (nach Eigenwerbung "Berlins innovativster Ausstellungsort") und verstanden die Anziehungskraft der Metropole ein klein wenig besser. Vor uns: Eine prächtige Liegewiese in Berlin-Mitte mit zum Schlendern einladenden Holzbohlenwegen, politischen Sprüchen am Straßenrand und Menschen unterschiedlichsten Alters und sozialer Stellung einträchtig beim Sonnenbad. Das allein wäre noch nichts besonderes; besonders war, das Auswärtige Amt im Rücken, die Spree zur Rechten, die Berliner Staatsoper in 500 Metern Entfernung und gleich dahinter die Humboldt-Universität zu haben.


Museumsinsel mit Berliner Dom, Altem Museum und Humboldt-Box (v.r.n.l.)

Berliner Dom

Globalisierungsfreunde

Humboldt-Box - ohne Kommentar


Genug der Träumerei und zurück auf den Boden der Tatsachen: Ich habe Hunger! Diese Story fällt übrigens auch wieder unter die Rubrik "autosuggestive Bewusstseinsbeeinflussung", denn während ich mich bei anderen Touren gut mit der Bordverpflegung durchschlagen kann, wurde dem Magen an diesem Sonntag bereits im Vorfeld signalisiert, in Berlin etwas anderes als weiche Molkeriegel gereicht zu bekommen. Tja, und nun forderte er mich heraus. Mit Dürüm Döner und Standard Döner in der (großen) Satteltasche rollten wir von Osten kommend gemächlich auf der Straße Unter den Linden in Richtung Brandenburger Tor, genossen Gruppenkuscheln auf dem Pariser Platz, genossen intensiveres Gruppenkuscheln auf Ebertstraße und vor dem Reichstag, bevor wir uns (ohne Gruppenkuscheln) am Spreebogen auf einer ausgesprochen tollen Wiese niederließen. Hier, mit Blick auf den Charité-Campus, das Regierungsviertel, die Spree, den Hauptbahnhof, schlägt also das repräsentative Herz Deutschlands. Gleich nebenan (150 m) in der Kita des Deutschen Bundestages war sicher schon alles bereit, wenn der Nachwuchs unserer Volksvertreter am Montag wieder im Hause erscheint und am Bundespressestrand (200 m) entstand vielleicht gerade die taz-Schlagzeile von morgen.

Two and a half men
Später dann, im Bahnhof, erfuhren wir noch das fleischgewordene Mitteilungsbedürfnis einer zeitgemäßen Zeitgenossin um die späten 50er Jahre am eigenen Leib. Sie wollte uns ihr Wochenend-Ticket anbieten, was nett war, dummerweise hielten wir zu diesem Zeitpunkt aber bereits das eigene in Händen. Anyway, normalerweise wäre die Konversation jetzt beendet gewesen. Denkste. Sie erzählte aus ihrem Leben, frug nach unseren Wahlvorlieben "Aber nicht die Linke?!" und Broterwerbstätigkeiten. Angesprochen auf ihren schönen "Wir sind Papst"-Button am Revers hatte ich in ein Bienennest gestochen. Okay, ich hab schon immer davon geträumt, von einem Engel bekehrt zu werden. Allerdings hab ich mir diese Engel altersmäßig immer so im Bereich Mitte 20 vorgestellt, sportlich, schulterlange Haare, gerade auf dem Heimweg vom Marathon (Top 10 ihrer Altersklasse), leicht verschwitzt... Wenn solch ein Engel dann allerdings tatsächlich streng katholisch wäre ... ähm ... "wir müssen, leider, sorry, unser Zug fährt ab. Nein, nicht der Zug nach Leipzig; wir fahren jetzt spontan nach Hamburg - ciao."


* 192 km
* 442 hm
* 6:15 h Netto
* 9:32 h Brutto

Der Link zur Strecke: klick.

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