Sonntag, 27. November 2011

Gedanken zum 1. Advent

Ich habe ein wenig in meinem Archiv gekramt und dabei festgestellt, dass mein Denken sich jetzt so mit Mitte, Ende zwanzig (*hüstel*) nicht mehr wirklich wird ändern.

Am 20. Dezember des Jahres 2010 hieß es in diesem Blog:
"Sieh nicht, was andre tun, / Der andern sind so viel, /
Du kommst nur in ein Spiel, / Das nimmermehr wird ruhn. /
Geh Gottes Pfad, / Lass nichts sonst Führer sein, / So gehst Du recht und grad,
Und gingst Du ganz allein.
(Christian Morgenstern)

Was für ein netter, wohltuender Kontrast. Dabei ist das Gedicht hochaktuell, auch und gerade in diesen Zeiten mit 10-m-plus-x langen Schlangen an den Kassen. Wer einfallslos oder nicht in der Lage ist, sich in die Gedanken- und Lebenswelt eines zu Beschenkenden zu versetzen, der schenkt gerne Gutscheine.
Gutscheine für Bücher, Gutscheine für Karstadt, Gutscheine für ein Sportgeschäft. Hatte ich Wellness-Gutscheine schon erwähnt?"
Aber ist dieser von Morgenstern geschilderte Umstand schlecht? Pah, nein, im Gegenteil - ich liebe diesen Kopf mit jedem Tag, mit jedem neuen Buch, mit jeder neuen Zeitungs,- mit jeder ansprechend gefüllten Webseite - ja (und vor allem anderen!), mit jedem neuen guten Gespräch immer mehr. Disziplin war damals ebenso Gegenstand des Beitrags und Disziplin soll es auch heuer wieder sein. BTW: Gutscheine haben wir kürzlich trotzdem (es ging sogar auf meine Initiative zurück) verschenkt. I wo, nicht irgendwelche. Sympathisch spezielle - ganz im Staubkornschen Sinne eben. ;-)

"Warum nur?" "Warum passiert das uns?" "Hätte man es verhindern können?" "Hoffentlich geht das jetzt gut aus!" Fragen und Hoffnungen wie diese verlassen uns meist unkontrolliert, reflexartig, als erste Antwort auf eine Situation, deren Ausgang nicht selten ungewiss ist.
Sie alle kennen diese Gedanken und Sie alle haben sofort die verschiedenartigsten Bilder im Kopf parat. Dabei spielen wir alle täglich mit unserem Schicksal. Ja, wir spielen damit und sind undiszipliniert.

Oder gehen Sie immer brav bei grün über die Ampel, ach, vielmehr noch, kann man sagen: Sie ... halten das Tempolimit in der 30er-Zone stets ein ("da kommt schon kein Kind zwischen den Autos vorgelaufen"); haben gar kein Auto; haben ihren Impfstatus auf dem empfohlenen Stand; fahren stets mit Fahrradhelm und nie ohne Licht; haben eine Impfung gegen Hirnhautentzündung und nach dem Spaziergang durchs Grüne stets einen Blick für Zecken am Körper; hatten noch nie ungeschützten Verkehr; ernähren sich vegetarisch; kennen ihr Blutbild; kennen Vorerkrankungen und deshalb potentielle Gesundheitsrisiken (auch für die eigenen Kinder) in ihrer Familie; riestern; rauchen nicht; sind Bausparer; trinken keinen Alkohol (homöopathische Dosen ausgeschlossen); leben in einem stabilen sozialen Netzwerk (denn gut funktionierende soziale Beziehungen sollen die Gefäße schützen - Schoki auch - und NEIN: Ich meine ausdrücklich keine feste 24/7-Beziehung zum Schreibtisch); schauen vor dem Abbiegen, Einscheren, Überholen immer und ohne Ausnahme in den Rückspiegel (kann ja ein Mietwagen sein); haben keine aufgeschobenen finanziellen Verpflichtungen; haben keine Kinder, die ein Elternteil nur auf Geheiß des Amtsgerichts sehen dürfen; haben einen Lebensplan für die nächsten 10 Jahre; haben Sport in ihren Alltag integriert; wollen die eigenen Grenzen nur im (scheinbar?!) kalkulierbaren Rahmen unserer modernen Zivilisation und unter Nutzung der damit zur Verfügung stehenden Annehmlichkeiten austesten; besitzen eine Immobilie; besitzen Visionen; besitzen Vorbilder; suchen nicht mehr nach dem Sinn des Lebens, sondern leben das Leben in möglichst perfekter Übereinstimmung mit Ihren persönlichen Ansprüchen - streben wenigstens danach; sind respektierter und geliebter Teil EINER FAMILIE; werden von einem Partner geliebt; lieben Ihren Partner; haben schon mindestens einmal in Ihrem Leben die eigenen Bedürfnisse (und damit meine ich nicht den ausgefallenen Kneipen-/Mädelsabend!) zugunsten anderer zurückgestellt; sind in Ihrem Beruf anerkannt und geachtet; werden um Rat gefragt; desinfizieren immer ihre Hände vor Betreten und nach Verlassen einer Krankenhausstation?

Alle Fragen mit Ja beantwortet? Wow (das Riestern verzeihe ich)! Weiblich, Mitte zwanzig? Ja? Mir wird unheimlich. Moment, auch die Fragen 27, 28? ... keine Angst, ich warte während des Semikolonzählens ... Ja? Okay. Dann dafür weiterhin alles Gute und eine schöne Vorweihnachtszeit - zeig ihm (oder ihr), was er/sie Dir bedeutet. Ganzjährig.

So, Zeit, den Entstehungsort dieses Postings zu lüften. Es ist der Wartebereich einer großen Klinik, vor Station 8. Während mir noch Wortfetzen wie:
"Das wird ooch schonn widder, aber das dauert seine Zeit." oder "Iss schon gut, dass'ses operiert hamm." aus Gesprächen am mit 3 Personen im Alter zwischen 50 und Ende 50 besetzten Nachbartisch in den Ohren liegen, warte ich auf die Rückkehr unseres Patienten aus dem OP.

Ein Familienmitglied ist Ende der Woche gestürzt und hat sich dabei den Oberschenkelhals gebrochen. Eine OP war unvermeidlich - trotz der damit (notgedrungen!) in Kauf genommenen Risiken. Im Bekanntenkreis wird von Krankenhauskeimen berichtet, infolgedessen die Betroffenen in Quarantäne geraten und dann wie Aussätzige dem Tod entgegensehen. Einsamkeit ist für Menschen am schlimmsten. Oder mindestens genauso schlimm wie Durst, Hunger und Schmerzen.

Wir fahren das Bett gemeinsam ins Zimmer. Ich am Fußende, die blonde Krankenschwester am Kopfende. Er atmet tief und regelmäßig, hat einen kleinen Beutel mit Blut neben dem soeben geflickten rechten Bein liegen. Die Augen sind etwas geschwollen und ruhen fast unbewegt in einem Meer aus Tränenflüssigkeit. Aber ich kann ihn nach der Vollnarkose bereits wieder ansprechen und - erleichtert - feststellen, dass er meinen Namen kennt. Meine linke Hand streicht seine Haare zum Scheitel, die rechte zieht die Decke über die freiliegende Schulter. Mehr kann man im Moment nicht tun. Ich werde noch bis zum Abendbrot bleiben.

Der erste Advent, mein ganz privater erster Advent, ist schon fast wieder vorbei. Was habe ich verpasst, draußen, in der Welt der scheinbar Gesunden und Fitten? Verpasst habe ich eine, sicher mit spannenden Momenten und guten Gesprächen gespickte, DHV-Jahreshauptversammlung in Bamberg, ein (ich kann nur die letzten 3 Jahre als Referenz heranziehen) tolles Abendbuffet, eine coole Liveband, ein kleines Radprojekt. Aber was heißt schon "verpasst"? Wir alle verpassen jeden Tag etwas. Und das ist auch gut so. Denn Körper und Geist sind untrennbar verbunden und müssen stets gemeinsam an Ort und Stelle sein.

Das wäre dann übrigens Punkt 33, den man mit Ja beantworten sollte. Nein, falsch: den man mit Ja beantworten muss. Und noch was: Disziplin muss nicht bedeuten, dass man keinen Spaß mehr zulässt. Aber das wissen Sie eh schon.

Schönen 1. Advent allen Leserinnen und Lesern & einen besonders herzlichen Gruß an meine treuen "Follower". Passt auf euch auf und spielt nicht mit eurem Leben.

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