Montag, 9. Januar 2012

Stahlgewitter

Haben wir es jetzt? Nein, offenbar immer noch nicht! Da können Tanker noch so nachhaltig zerbrechen; Laura Dekker noch so zuversichtlich zwitschern; noch so viele neue Ölfelder in der Arktis entdeckt werden; Stephen Hawking noch so laut zu seinem 70. einladen; ein früherer Mormonenbischof noch so nachhaltig ins Weiße Haus drängen; Merkel noch so deutlich in den Sarkozyschen Galopp eingreifen; Ägypten ein Jahr nach der ersten grünen Revolution noch so islamistisch werden; Russlands Opposition zwei Monate vor der "Präsidentenwahl" noch so hilflos um internationale Aufmerksamkeit bitten; Frauen, hach ja, sich noch so sehr anstrengen.

Es hilft alles nichts: Wulff bleibt bei Spiegel Online ganz oben. Und bei Spiegel Online ganz oben zu stehen, heißt (leider nicht immer) Relevanz zu besitzen. Nun besitzt der Bundespräsident zwar qua Amt Relevanz - und damit wären wir auch schon bei des Pudels ... äh, bei der Sohle des Schuhs (um mit aktuellen Bildern aus Berlin zu sprechen). Immerhin beherzigen diese vielen aufrichtigen Bürger, die da vor dem Schloss Bellevue ihren Protest kundtun, seine eigenen Worte: "Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland", und halten - wie im dortigen Kulturkreis üblich - Schuhe als Symbol der Verachtung in die Höhe (der Islamwissenschaftler Thomas Hildebrandt betont, dass dieses Verhalten nicht religionsspezifisch, stattdessen eine im ganzen Nahen Osten verbreitete Geste ist).

Einzig spannend an diesem Fall finde ich die mediale Treibjagd. Spannend und pervers. Wir loben uns, das Mittelalter durch Renaissance und Aufklärung weit hinter uns gelassen zu haben; durch Newton, Humboldt, Gauß, Darwin, Planck, Einstein ... alle bis dato geltenden Grenzen unseres Wissens verschoben zu haben; durch Demokratie und Soziale Marktwirtschaft das beste aller bisher auf der Erde versuchten Zivilisationsexperimente erleben zu dürfen...

...und dann sehe ich Ulrich Deppendorf im Fernsehen beim Versuch, ein veritables Verhör zu zelebrieren (Uli D. gastierte übrigens selbst an Ostern des Jahres 2006 bei einer VIP-Party Manfred Schmidts auf Mallorca - gemeinsam mit einem damals noch unbekannten CDU-Politiker). Wer im Glashaus sitzt, soll nicht...

Die Treibjagd ging - klarer Fall - am Sonntagabend weiter. Jauch landete mit dem Thema "Der Problem-Präsident - wie glaubwürdig ist Christian Wulff?" sogar Traumquoten. Knappe 6 Millionen Zuschauer und damit mehr als beim damaligen Besuch Schmidts und Steinbrücks.

Menschen sind Herdentiere und unsere sogenannten Leitmedien zelebrieren ihre Funktion als Hütehunde. Sie treiben die Meinungen zusammen, verdichten sie zu einem einzigen Statement - und verwandeln sich damit leider manchmal in einen Wolf, der die Herde bedroht und eben nicht leitet.

Guter Journalismus recherchiert im Hintergrund und präsentiert dann die Ergebnisse seiner Recherchen. Schlechter Journalismus mutmaßt und droht.

Warum veröffentlicht "Bild" nicht einfach die Abschrift der Mailboxnachricht? Warum steht sie stattdessen fast in Gänze im aktuellen "Spiegel"? Warum saß Diekmanns Stellvertreter bei Jauch im Studio - und warum saß er ausgerechnet neben Georg Mascolo? Warum fordert die Opposition nicht offen den Rücktritt? Warum lavieren alle um klare Positionierungen herum?

Weil sie alle wissen, dass es keinen rechtlichen Grund für einen Rücktritt gibt. Und weil sie alle wissen, dass ihnen Wulff als oberster Repräsentant ähnlicher ist, als sie es sich je hätten träumen lassen. Ah so, sie beklagen sich über das fehlende Moralverständnis Wulffs gegenüber seinem Amt? Nun, eine solche Anklage ist legitim. Aber bitte nicht in persona A. Nahles oder S. Gabriels.

Gute Nacht liebe "taz", gute Nacht liebe SPD.

PS: Wulff steht nicht mehr ganz oben (aber 22.30 Uhr hatte man gegenüber 21.05 Uhr die Headlines 2 und 3 in ihrer Reihenfolge getauscht)

Screenshot der Startseite von Spiegel Online, erste 4 Headlines, abgerufen am 09.01.12, 21.05 Uhr

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