Freitag, 30. März 2012

Karl May - auf der Suche nach dem Leben

Ich habe mir während der Arbeit an diesem Beitrag zum 100. Todestag Karl Mays eine Zeitmaschine gewünscht. Eine Zeitmaschine, um mich selbst in den Neunzigern besuchen und fragen zu können, warum ich 21 Bücher dieses sächsischen Autors gelesen habe; denn dieses Wissen könnte heute zu einer Art Freud'scher Eingebung führen und mich mir selbst ein Stück näherbringen. Unter dieser Annahme könnte es aber genauso möglich sein, dass der damals deutlich jüngere Autor dieser Zeilen darauf keine Antwort weiß.

War es der über Generationen gewachsene Konsens, gar eine legislaturperiodenüberdauernde und nie ausgesprochene politische Maxime(?), der deutschen Jugend via May anscheinend typisch deutsche Werte vorzuleben? Stehen Winnetou und Old Shatterhand stellvertretend für das (unbewusst?) gewünschte Außenbild einer Nation im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert? Dienen seine Figuren besonders gut als ideale Vorbilder junger Erwachsener? Wollte May aufklärerisch wirken? Waren es bloß die Neugier und der Wunsch, an fremde Orte zu reisen (wenn auch nur gedanklich) und dort Abenteuer zu erleben, die May zum Verfassen seiner Reiseromane veranlassten - Abenteuer, die Millionen Leser gleichermaßen faszinierend fanden (und bis heute finden)? Oder geht es in Mays Schaffen vielmehr um den persönlichen Versuch des Autors, eine gerechtere, eine bessere, ein von ihm verstandene Welt zu kreieren? Eine Welt, in der er Erfolg hat und das Ende der Geschichte ganz allein bestimmen kann? Eine Welt, die ihn so respektiert, wie er ist? Ja, eine Welt, die ihn gerade deshalb liebt, weil er so ist wie er ist?

Wahrscheinlich sollte ich auch in diesem Fall nicht zu tief nach einem versteckten Sinnschatz suchen, mich stattdessen der Schaufel entledigen, durch den Wald spazieren und an Aussichtspunkten den Blick weg von den Bäumen hin zur Ferne schweifen lassen. Dumm nur, dass die Schaufel mit meiner Hand verwachsen ist.

Von Ernstthal nach Zwickau

Karl May wurde am 25.02.1842 im erzgebirgischen Weberstädtchen Ernstthal geboren. Chemnitz liegt ein paar Kilometer weiter östlich, Ernstthal ist heute mit Hohenstein zu einer Gemeinde verschmolzen und grenzt im Norden direkt an die A4. Es ist auch 170 Jahre später kein optimaler Startplatz für eine Weltkarriere als Schriftsteller (oder was auch immer). Aber existiert so ein Platz denn überhaupt - kann er außerhalb unserer Phantasie existieren?

Ärmlich und hart war das Leben damals, brachte die Arbeit an den heimischen Webstühlen doch zu wenig zum Leben und zuviel zum Sterben ein. Die sich rasch entwickelnde Industrialisierung tat ihr übriges, die Handwerker vollends um Lohn und Brot zu bringen. (--> Weberaufstand)
"Ich bin im niedrigsten, tiefsten Ardistan geboren, ein Lieblingskind der Not, der Sorge, des Kummers." (Walther 2002, 17)
Der spätere Bestsellerautor kannte Hunger und Krankheit, er kannte Ausbeutung und Machtmissbrauch aus schmerzlicher eigener Erfahrung. Und hätte seine Mutter nicht das Glück gehabt, an zwei fähige Ärzte in Dresden zu geraten, so wäre der junge Karl möglicherweise dauerhaft erblindet. Manche Biographen übertragen der Großmutter einen Gutteil Verantwortung dafür, dass aus einem armen Jungen ein weltweit bekannter Geschichtenerzähler werden konnte. Die Oma nämlich las ihm - dem noch stark sehbehinderten Vierjährigen - mit großer Geduld Märchen vor und trug dadurch unbestritten dazu bei, die Leere vor dem inneren Auge mit Leben und Farbe zu erfüllen.

[Nach Hans Wollschläger litt Karl May unter einer, Ophthalmia pustularis genannten, Infektion, die sich in einem Bläschenausschlag der Bindehaut äußert und durch Schleim- und Eiterfluß zu einer Entstellung der Augen führt. Wird sie nicht behandelt, führt sie unweigerlich zur Erblindung.
William E. Thomas führt das Leiden auf Vitamin A-Mangel infolge einer Mangelernährung zurück. Bekannt ist, dass May nicht operiert, stattdessen auf rein diätetischem Wege behandelt wurde - was ein gutes Indiz für Thomas' These und Beleg für eine sehr entbehrungsreiche Kindheit wäre.]

Auch die Schulzeit in der Ernstthaler Volksschule war kein Genuss. Schon gar nicht bei diesem Vater. Denn Heinrich August May wollte partout nicht, dass der einzige Sohn ebenfalls Weber wird; Karl May sollte den Zugang zu Höherem erhalten. Was auf den ersten Blick eine ehrenwerte Einstellung ist, verwandelt sich auf den zweiten jedoch in ein Kolorit aus überzogenen Erwartungen und der Kur eigener Minderwertigkeitskomplexe. So musste May Jr. neben dem Exerzieren für den Vater ganze Bücher abschreiben, Geigen-, Klavier- und Orgelunterricht nehmen sowie Sprachen lernen. Das Geld dafür verdiente er in einer Gastwirtschaft, die eine kleine Leihbibliothek einschloss. Es waren deren Bücher, die ihn von einem Sieg des Guten und von sozialer Gerechtigkeit träumen ließen - zentrale Pfeiler in all seinen späteren Werken.

Zum Volksschullehrer sollte der spätere Sucher des Schatzes im Silbersee ab 1856 in Waldenburg/Sachsen ausgebildet werden. In einer Zeit, in der die Obrigkeit besonders streng den liberalen Gedanken auf dem Fuße war und Fächer wie Geographie, Geschichte, Philosophie und Naturkunde entweder ganz aus dem Lehrplan gestrichen oder zu einem unbedeutenden Teil desselben degradiert wurden (fast wie heute).

Unterricht im Sinne einer allgemeinen Bildung gab es nicht, die strenge Schulordnung unterband jeden Freigeist im Ansatz. May beugte sich den Vorgaben und nahm verschiedene Stellen als Lehrer an. Bis, ja bis er die vom Zimmergenossen seiner damaligen Unterkunft regelmäßig geliehene Uhr in den Weihnachtsferien mit nach Hause nahm. Absicht oder nicht: Der Besitzer alarmierte die Polizei, Karl May kam für anderthalb Monate ins Gefängnis in Chemnitz. Es war dies der letzte Nagel im Sarg der Lehrerkarriere. In seinem späteren Werk "Weihnacht" wird er auch jene Zeit Revue passieren lassen.

Ihm schien, niemand sei gewillt ihm eine Chance geben, stets hatte man etwas gegen seinen Charakter oder andere Befindlichkeiten. Und was macht man, wenn offenbar alle legalen Türen versperrt sind? Man öffnet die illegalen. Als falscher Augenarzt, als falscher Kupferstecher, als falscher Musiker erschlich er sich diverse Annehmlichkeiten. Diese Tour endete schließlich 1865 in Leipzig mit Verhaftung wegen Pelzdiebstahls und Verurteilung zu 4 Jahren Gefängnis - von denen er dreieinhalb absitzen musste - in Zwickau.

Von Zwickau nach Waldheim

Auf diese Zeit in seiner Autobiographie zurückblickend, wird May sie als gewinnbringend würdigen und gar von Honoraren sprechen, die er als Verfasser von Manuskripten während seiner Tätigkeit als Verwalter der Gefangenenbibliothek nach der Entlassung angeblich einstrich. Phantasie und Wirklichkeit scheinen in diesem Charakter untrennbar verbandelt und es drängt sich der Verdacht auf, May litt unter einer schizophrenen Persönlichkeit, gar unter Paranoia.

Wollschläger verortet seine psychologischen Deutungsversuche zu anfangs in einer Liebesversagung durch die Mutter: "Wie häßlich diese beiden Kleinen sind." (Wollschläger 2004, 203). Tatsache ist, dass von 13 (!) Geschwistern Karl Mays lediglich 4 Schwestern älter als 20 Jahre wurden und eine Schwester noch vor Mays Genesung an den Masern erkrankte.

Kann man einer Mutter Vorwürfe machen, die 10 eigene Kinder beerdigen musste und sich nun sehr enttäuscht über die äußerliche Entstellung von zwei der Überlebenden äußert? Kann man die Verzweiflung und den Schmerz nachempfinden, den es bedeuten muss, diesen Sohn ohne Augenlicht aufwachsen zu sehen? Man kann das alles nicht. Man kann der Mutter nur größte Anerkennung für diesen Lebensmut in trostloser Umgebung zollen.

Es dauerte nicht lange und die Gerichte hatten einen neuen Fall zu bearbeiten. Jemand hatte sich als Polizist ausgegeben, hatte Kaufleute bestohlen und auf der Flucht Passanten mit einer Waffe bedroht. Karl May war wieder unterwegs. Der Urteilsspruch lautete auf 4 Jahre Zuchthaus in Waldheim - Häftlingsnummer 402. Wir wissen nicht, was ihm während dieser Haftzeit durch den Kopf ging, wir kennen aber den Fortgang der Geschichte: Es sollte der (vorletzte) Haftaufenthalt gewesen sein. Wie groß der Anteil der drakonischen Anstaltsführung an der späteren Läuterung des Verurteilten war, bleibt auf ewig Spekulation. Klein kann er aber nicht gewesen sein, denn "das oberste Waldheimer Prinzip" bestand aus "Demütigung und Vergeltung" in Form von Sprechverboten während der Arbeitszeit, Einzelhaft und Stockschlägen bei Ungehorsam. Ein Jahr wird Karl May in Isolierhaft verbringen. (vgl. Heermann 1988, 96f)

Von Waldheim nach Freiburg i. Br.

Ab der Mitte des 18. Jh. stieg die Produktion von Büchern und Heften rasant an. Es gründeten sich Lesegesellschaften, immer mehr Leihbüchereien eröffneten und es bedurfte eines ständigen Nachschubs an Unterhaltungs- und Trivialliteratur. Mays erster Verleger jedenfalls - Heinrich Gottlob Münchmeyer - bezeichnete den eigenen Verlag als "Schundverlag". (Walther 2002, 56)

So oder so, 1875 erschien die erste Erzählung des neuen Redakteurs Carl Friedrich May mit dem Titel "Die Rose von Ernstthal". Eigene Produktionen folgten für diverse Wochenblätter ebenso wie Aufsätze und Gedichte. Man könnte seine damalige Arbeit im (aller)weitesten Sinne mit der eines heutigen Freien Journalisten vergleichen, der sich (durchaus auch wissenschaftliches) Faktenmaterial aneignet und dieses in leicht verständlicher Form unter die Leute bringt.

Der Durchbruch vor dem Durchbruch erfolgte noch im Herbst 1875 mit einer Veröffentlichung im Deutschen Familienblatt, die den Titel "Aus der Mappe eines Vielgereisten" trägt. Darin geht es erstmals um Indianer und Westmänner ... und um eine Person mit Namen Winnetou.
1877 trennt sich May von Münchmeyer und schreibt fortan für wechselnde Auftraggeber. Eher amüsant kann der Umstand seiner (nun wirklich) letzten Haftperiode genannt werden. Denn damals war eine Denunziation als "Socialdemokrat" (Walther 2002, 72) noch mit Strafe verbunden - ein Umstand, der den Protagonisten 1879 für 3 Wochen einsitzen ließ.

1882 kommt Karl May noch einmal mit Münchmeyer in Kontakt, wird für einen in hundert Heften erscheinenden Roman jedoch nur lächerlich gering entlohnt. Die Liste seiner Verleger ist lang und zu einem gewissen Teil auch von Betrügereien und Fälschungen nicht frei. Trotzdem war es eine wichtige Zeit für den Autor, machte sie seine Arbeiten doch weit über die sächsischen Grenzen hinaus bekannt. Es sollte 1891 der Jungverleger Friedrich Ernst Fehsenfeld sein, der Karl May schließlich anbot, dessen Erzählungen in Buchform herauszubringen.

Die Weltkarriere mit bis heute 200 Millionen verkauften Exemplaren (davon 50% in Deutschland) war nicht mehr aufzuhalten.

Teil 2: Karl May und ich

Verwendete Literatur:

HEERMANN, Christian (1988): Der Mann, der Old Shatterhand war. Berlin
WALTHER, Klaus (2002): Karl May. München
WOLLSCHLÄGER, Hans (2004): Karl May. Grundriß eines gebrochenen Lebens. Göttingen

Links:

Karl-May-Stiftung
Karl-May-Gesellschaft

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