Dienstag, 14. August 2012

The Dark Knight Rises

Dieser Mann leidet. Er lebt seit Jahren zurückgezogen auf seinem großen Anwesen, vernachlässigt Gesundheit und Äußeres, vegetiert ohne richtiges Ziel dahin. Auf dem Tisch liegen viele Bücher, am Fenster steht ein Linsenteleskop; sein Abendessen wird abgestellt, gebracht von einem Dienstmädchen.

Der Zuschauer ist Zeuge einer traurigen Szene, die illustriert, wohin das Befolgen der eigenen Moral (und nur dieser) führen kann. Die Gesellschaft vor den Mauern des Hauses hat er zu retten versucht, er hat sich für diese Gesellschaft geopfert, Schuld auf sich geladen und damit ein Alter Ego zum Tode verdammt. Ein Alter Ego? Nein, das existierte nie - sich selbst hat er zum Tode verdammt. Er ist sich dieser Situation voll bewusst - dennoch tut er nichts dagegen. Warum nicht?

Weil ihm zwei Dinge fehlen, die er mit allem Geld der Welt nicht kaufen kann: Eine Familie und die Befähigung zur Liebe.

Existieren dafür Handlungsanweisungen, sprich: Wie hat der Freundeskreis darauf zu reagieren, wie haben Familienmitglieder darauf zu reagieren? Gibt es dafür Regeln? Nun, wenn ich hierauf eine Antwort wüsste, wären die vorliegenden Zeilen auch in einem Anwesen mit parkähnlichem Garten und Dienstmädchen verfasst worden. Einen Rat möchte ich den hilfsbereiten Menschen dennoch auf den Weg geben: Habt Geduld, nehmt Rücksicht, verurteilt nicht.

Ausgang

Wie sich schnell herausstellt, war es kein gewöhnliches Dienstmädchen, das das Abendessen brachte, ebenso wie der Hausherr kein gewöhnlicher Mann ist. Ein kurzer Tritt gegen den Gehstock genügte, schon lag Bruce Wayne am Boden. Ein kurzer Sprung aus dem Fenster, schon hatte Selina Kyle Fingerabdrücke, Perlenkette und die Aufmerksamkeit für sich.

Dass Christopher Nolan Sinn für subtilen Humor hat, lässt er in solchen Momenten erkennen. Dass er diesen Sinn den ganzen Film über nicht verliert, nun, dazu bedarf es mitunter der Lupe. Jedenfalls dient jener (erste) dumpfe Aufprall des Protagonisten als Weckruf für dessen Beschützerinstinkt - denn Gotham City ist erneut in Gefahr und droht unterzugehen - sowie als vorläufiges Ende des Eremitendaseins.

À la James Bond bekam der Film eine großartige Eröffnungsszene verpasst - die (à la James Bond) aber nur für Kinder bis 12 Jahren geeignet ist. Seis drum, die Kameraperspektiven sind gewaltig, die Sprüche lässig ... und die Philosophie kommt in diesem Spektakel eh später. Vorher dürfen wir Zuschauer wieder einen großartigen Kurzauftritt(e) von Morgan Freeman aka Lucius Fox geniessen. Wie macht der Mann das? Selbst in Nebenrollen versprüht er ein Charisma, von dem sich viele Hauptdarsteller eine Scheibe abschneiden können. Fox begrüßt Wayne in der Firma und zeigt die in den vergangenen acht Jahren vorangetriebenen "Rüstungsprojekte". Natürlich alle streng geheim, natürlich alles an den Büchern vorbei, "ausgegliedert", wie es Fox nennt.

"The Bat" heißt das neue Spielzeug (eine Art fliegender "Tumbler"); neben dem "Batpod" dient es als Batmans Hauptfortbewegungsmittel. Doch bevor er sich darin fortbewegen kann, muss er an der eigenen Bewegungsfähigkeit arbeiten. Fox verpasst ihm dafür eine Knieschiene, die den Gehstock obsolet werden lässt. Und die Show kann beginnen.

Die Showbühne betreten im ersten Teil des mit 164 Minuten ungewöhnlich langen Films die Bösewichte. Allen voran Bane (mit beeindruckender körperlicher Präsenz von Tom Hardy gespielt). Bane ist ein ehemaliger Gefangener des sich in Indien befindlichen Gefängnisses "The Pit", aus dem er von Ra's al Ghul befreit wurde. Nun plant er den Tod von 12 Millionen Menschen in Gotham City mithilfe einer Neutronenbombe. Da die ganze Person Batmans auf einem Fundament aus Rache und Vergeltung erbaut wurde, kann es Christopher Nolan auch in diesem dritten Teil seiner Saga nicht gelingen, die Motive der Protagonisten fern dieser Philosophie anzusiedeln.

Soll heißen: Die Zerstörung der Börse, die Freilassung von Schwerkriminellen, die Etablierung eines Scheingerichts mit dem ewig gleichen Urteil (Tod den Reichen und Mächtigen) ist nichts als Fassade für die Egospielchen zweier verletzter Seelen. Apropos Fassade: Die Gesellschaftstheorie zum Überleben nach der Exekution aller Eliten und Entscheidungsträger hat Bane in meinen Augen etwas zu kurz ausgeführt. Nein, im Ernst, mit einer bloßen Beseitigung der, aus welchen (teilweise berechtigten!) Gründen auch immer, Verhassten (wirklich mehrheitlich?) ist es nicht getan. Das weiß auch ein Bane. Spinnt man diesen Faden weiter, entsteht unweigerlich ein Netz mit Exempel-Muster. Aber kein Netz mit Vorreiterfunktion. Schade eigentlich. Denn eine intelligente Fortführung der Occupy-Gedanken im Film wäre den großen Ambitionen des Regisseurs würdig gewesen. Oder doch nicht?

Denn es bliebe die Funktion Batmans in dieser neu skizzierten Welt. Nun, er wäre darin arbeitslos; ein Fossil aus einer vergangenen Zeit, überflüssig, kein Dunkler Ritter mehr, stattdessen eine Plüschpuppe für die Kids oder eine Attraktion bei Madame Tussaud. Wer will das schon?! Eben. Deshalb kann ich die Fans beruhigen - es wird weitere Superhelden im Film geben. Mindestens solange, wie wir Menschen Symbole und Idole brauchen. Mindestens solange, bis wir in der Lage sind, unsere Konflikte mit Argumenten anstelle von MGs und ferngesteuerten Drohnen zu lösen.

Die Wut wächst

"Ein Sturm wird kommen" haucht Selina Kyle Bruce Wayne auf einem Wohltätigkeitsdinner ins Ohr, als dieser noch keine rechte Ahnung von seinen Gegenspielern hat. Erste Windböen peitschen ihm ins Gesicht, als durch Börsenmanipulationen seine Firma Bankrott geht und Wayne sich gezwungen sieht, die Leitung von Wayne Enterprises an Miranda Tate abzugeben. Denn ihr vertraut er und mit ihr verbringt er sogar eine Nacht am Kaminfeuer in Wayne Manor.

Bei der ersten Begegnung Batman-Bane wird Batman fast getötet und in ein ausländisches Gefängnis - The Pit - verfrachtet. Dort, so der Plan, soll er am Fernseher die Zerstörung seiner geliebten Stadt hilflos mit ansehen müssen. Der Fernseher ist überhaupt ein wichtiges Kommunikationsmittel in diesem Film, denn Fernsehkameras übertragen live Banes Rede aus dem zerstörten Footballstadion, in der er die Bevölkerung dazu aufruft, sich zu nehmen, "was ihr gehört." Außerhalb der "Insel" steht die Nationalgarde und bewacht die einzige noch intakte Brücke. Niemand darf sie überqueren, andernfalls geht die Bombe hoch. So zumindest die Drohung Banes. Und so zumindest erklärbar die brave Reaktion der Beamten auf den neuen Orderbevollmächtigten.

So düster wie die Aussichten Gothams, so düster ist die Miene Waynes in seinem Gefängnis. Man spürt einen Verlust erst, wenn einem etwas genommen wird. Sagt man. In diesem Film wird viel genommen. Freunde, Leben, Ordnung, Vertrauen, Zuversicht. Und wofür? Um die eigene moralische Überlegenheit zu demonstrieren, um Rache zu üben. Genau da werden die Parallelen zu unserer Wirklichkeit außerhalb der Kinos brutal ins Rampenlicht gezerrt. Einmarsch in Afghanistan; Foltergefängnisse; Massaker in China, im Kongo, in Liberia, in Mali, in Ruanda, in Somalia, im Sudan, in Syrien...; Abschiebungen politisch Verfolgter; gedrosselte Öllieferungen; manipulierte Wahlen...

Bruce Wayne scheint am Ende. Er hat seinen getreuen Freund Alfred Pennyworth verloren, als er beschloß, erneut das Batmankostüm überzustreifen. Denn Alfred hatte sich stets nichts sehnlicher gewünscht, als diesen kleinen großen Bruce, dessen Vormund er früher war, einmal mit einer Familie fröhlich und ausgelassen am Tisch eines Cafés sitzen zu sehen und zu wissen: Er hat es geschafft, er braucht mich jetzt nicht mehr. Es mag gut sein, dass ein Teil von Waynes Wut sich aus genau dieser Erkenntnis heraus speist. Aus der Erkenntnis, ein Leben lang von Alfred abhängig zu sein und durch dessen Kündigung nun einen enormen Verlust zu verspüren. Einen Verlust, den er sich vorher nie vorzustellen vermochte.

Jedenfalls befähigt diese Wut zu ungeahnter, schier übermenschlicher Stärke. Nicht nur funktioniert die Rekonvaleszenz, er kann sogar dem unterirdischen Gefängnis über einen hohen Schacht entkommen (diese Szene erscheint in Anbetracht ihrer ganzen unlogischen Umgebung schon wieder nachvollziehbar), nein, er findet sogar Zeit, unbemerkt seinen Tag mit brennendem Pulver an einer Brücke in Gotham anzubringen. Commissioner Gordon tritt nach dem Scheingericht und der Verurteilung zum Exil nämlich gerade auf das brüchige Eis des Flusses, als vor ihm eine Magnesiumfackel landet. Er zündet sie und brennt eine auf den Schnee gelegte Lunte an. Tata, ganz großes Kino! Das übergroße Batmanlogo fackelt an der "Portalstütze der weltbekannten Brooklyn Bridge" (special thanks an meinen Lektor M.R.) und Hans Zimmer gibt seinem Soundtrack die Sporen.

Subtil ist anders, aber humorvoll ist diese Szene allemal. Unaufhörlich steuert der Film nun seinem Ende entgegen. Und wie so oft gibt es einen "Endkampf" zwischen Gut und Böse.
Come on, Mr. Nolan, daraus hätten Sie mehr machen können. Okay, eine Massenschlägerei vor der Wall Street hat Stil - noch dazu im Schneegestöber - ist in ihrer Realitätsferne aber einfach nur peinlich. Occupy-Anleihen hin oder her. Hier zeigt sich die Stärke/Schwäche vieler Blockbuster: Eingängige Handlungsstränge mit einer Überraschung 10 Minuten vor Filmende.

[Ob es irgendwann mal komplexe Sozialdramen aus dem Arte-Nachtprogramm hierher schaffen?]

Die Überraschung werde ich an dieser Stelle selbstverständlich für mich behalten, denn ich empfehle einen Filmbesuch.

Helmut Schmidt werden die Worte, "Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen", nachgesagt. Trotz allem ist Nolans Vision sympathisch; überdeckt unser Durst nach Superhelden doch den Appetit auf Selbstregulation. Nicht der Ruf nach mehr Staat ist hilfreich, sondern der Ruf nach mehr Miteinander und mehr Kooperation. Diesen Ruf hat der Beamte der Nationalgarde an der Brücke im Film noch nicht vernommen. Auf Flehen und Betteln "Robins", doch ein paar Kinder aus der Stadt entkommen zu lassen (Kinder wirken als Symbole der Hilflosigkeit immer), reagiert er mit der Sprengung der Brücke - was gleichbedeutend mit dem Abschneiden des letzten verbliebenen Fluchtweges ist. Strikte Befehlstreue kann positiv und negativ sein. Aber wann ist der eine, wann der andere Fall angezeigt? Wann entscheide ich richtig? Wann entscheiden wir richtig?

Und können wir unsere Fehler nachträglich korrigieren? Der Film sagt Ja und packt die Antwort obendrein auf einen Datenträger. Und vielleicht gibt es ihn ja wirklich - diesen USB-Stick zur Löschung sämtlicher Einträge über mich in den weltweiten staatlichen und privaten Datenbanken.

The Dark Knight Rises

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