Sonntag, 23. Juni 2013

Sonntagshügel

Heute ist wieder einer dieser Tage, an denen sich Bauchgefühl und Vernunft nicht auf einen Nenner einigen können. Gewiss wäre es angebracht, einmal zum Brunch zu laden, einen gemeinsamen Nachmittag am Ufer der gefluteten Tagebaurestlöcher zu planen, weniger allein zu unternehmen.

Doch im Moment fühlt es sich so einfach besser an. Das mag mit zunehmend auseinanderklaffenden Erfahrungswelten zusammenhängen (ganz sicher!), das mag mit moralischen Ansprüchen zusammenhängen (sicher!), das mag mit persönlichen Veranlagungen zusammenhängen (wahrscheinlich!). Am heutigen Tag hätte ich ihr obendrein wieder eine Geburtstags-E-Mail schreiben können - so wie im letzten Jahr. Aber wozu sich erneut an der richtigen Formulierung, am passenden Zitat abmühen, wo man doch nicht mal eine Antwort erhält.

Raus mit dir

Bei sportlichen Windbedingungen mit 40er Böen und einem 20 km/h-Mittelwind aus W ließ ich mich auf den ersten 30 Kilometern bis zur Mulde bei Großbothen verblasen. Zwischen Sermuth und Podelwitz hatte sich die Freiberger Mulde während des Juni-Hochwassers ihr ganzes Auengebiet zurückerobert und Felder sowie Kreisstraße bis zum Waldrand überflutet. Allerhand angeschwemmter Unrat staute sich am Hindernis Leitplanke, kleine Seen auf landwirtschaftlichen Nutzflächen mit darauf jagenden Graureihern schlossen sich dahinter bis zum jetzt wieder friedlichen Fluss an.

Zwischen Sermuth und Podelwitz



Ich fühlte mich gut und dachte mehr über potentielle Fotomotive als über die Höhenmeter nach, während ich von Brösen über Bockwitz nach Zschirla fuhr. Schon von weitem konnte man den Kirchturm der letztgenannten Gemeinde erkennen, wie er sich erfolgreich gegen das allmächtige Grün rundherum zu behaupten schien. In Beinahequerfeldeinmanier erreichte ich wenig später Commichau und mit diesem Dorf die beispielhafte Idylle jener Region. Wenn man an einem Freitagabend von Grimma aus einen Abstecher ins Muldental unternimmt meint man fast, die Gespräche in den Pkw belauschen zu können.

A) "Endlich daheim, jetzt zwei Tage nur für uns." "Oh ja."
B) "Für wann hattest du Sabine und Peter morgen eingeladen?" "Ich möchte nämlich vorher nochmal mit Erhard in den Wald und eine Fuhre Holz holen."
C) "Ohne dieses Haus hier draußen hätte ich mich nie gefunden." "Ich dich aber wesentlich einfacher."
D) "Weißt du, was mir Tim heute zum Frühstück gesagt hat?" "Mama, wann machen wir wieder ein großes Fest im Garten?"



Dorfkirche von Zschirla
Das Pendeln zwischen der "Großstadt" und deren Umland ist nicht nur harten ökonomischen Belangen geschuldet. Mindestens gleichbedeutend wenn nicht gar schwerer wiegen die Faktoren Konzentration, Lebensqualität und Reduktion. Als ich ein paar Jahre in einem Hochhaus gelebt habe, war es stets die größte Freude, am Freitag oder Samstag wieder aufs Land flüchten zu können. Lesen unter Bäumen auf eigenem Grün; absolute Stille beim Arbeiten mit geöffnetem Fenster; Nachbarn, die nicht hinter der nächsten Wand ihren Fernseher plärren lassen; Grillen mit den alten Schulfreunden. Ich habe es geliebt; und ich liebe es noch immer.









In den Dörfern wurde gegrillt, an den Kaffeetafeln laut gelacht, Katzen stromerten träge von einem Schlafplatz zum nächsten. Die weite Welt mit ihren komplexen Problemen schien fern.



Komplexe Probleme schienen die zwei auf der Wiese zwischen Lastau und Koltzschen auch nicht zu haben. Ihr Wagen parkte brav am Rande des von mir genutzten Feldweges, während sie sich ihren Trieben hingaben. Zwei Rennräder anstelle des Autos und man könnte sowas einen perfekten Sonntagnachmittag nennen.





Brücke der ehem. Muldentalbahn, kurz vor der Lastauer Sägemühle




Sedimente im Zulauf der Lastauer Sägemühle
Die kurze Abfahrt zur Rinnmühle wurde viel zu schnell von den Mühen des Gegenhanges nach Hermsdorf verschluckt, an dessen Ende man in 3 km Luftlinie bereits Ceesewitz sehen konnte. Wunderschön. Die einen sprinten auf Ortsschilder, die anderen "jagen" Pferdekutschen. Dummerweise bog meine Kutsche kurz vor dem Zugriff nach links ab, sodass ich die Punkte für das grüne Trikot sausen lassen musste.


Unterhalb von Koltzschen


Rochlitz war erreicht und mit der Stadt erneut Bilder von Flutschäden. Die Sportfreunde Rochlitz hat es nach 2001 wieder besonders hart getroffen - deren ganzes Vereinsgelände incl. des Vereinsheims wurde ein Opfer der Fluten. In Anbetracht dieser Naturkräfte und den düsteren Prognosen hinsichtlich der Eintrittswahrscheinlichkeit solcher Extremereignisse in diesem Jahrhundert muss man sich fragen, warum die Politik nicht viel aktiver an der Gestaltung einer nachhaltigen Gesellschaft mitwirkt. Eine nachhaltige Gesellschaft baut nicht höhere Flutschutzmauern oder schickt Bundeswehrhelikopter zum Sandsacktransport. Nein, eine nachhaltige Gesellschaft minimiert ihren ökologischen Fußabdruck durch intelligente Lebensführung und intelligente Technologien, unterstützt andere Gesellschaften uneigennützig mit ihrem Know-how und trägt so zu einem lebenswerten Jahrhundert für alle Menschen auf diesem Planeten und nicht nur für die "Auserwählten" in den reichen nördlichen Industriestaaten bei.

Uferschäden in Rochlitz hinter Sportplatz und Stadtbad

Uferschäden in Rochlitz - neben der B 175
43 + 32

Bei Wechselburg rollte ich ziemlich flott auf ein weiteres Rennrad auf und begann kurzerhand ein Gespräch. Der Familienpapa kam aus Chemnitz und befand sich auf dem letzten Schenkel einer 80er-Runde, die er sich für heute Nachmittag freikämpfen konnte. Wo ich meinen 1,5 l-Flaschenhalter her hätte wollte er wissen. Ich hatte den damals im 0815-Radladen erstanden und meinte lapidar, dass ich unterwegs gerne unabhängig von Versorgungspunkten aka Supermärkten oder Tankstellen bin. Sein Alter schätzte ich auf etwa 40 und lag somit nah bei den korrekten 43 Lebensjahren meines Gesprächspartners. Er fuhr etwa 15 kg Übergewicht durch die Gegend und hatte entsprechend Gesprächsaussetzer, als wir entspannt den kurzen Anstieg hinauf nach Cossen wegkurbelten. Es verdient Anerkennung, sich an einem Sonntag sportlich zu betätigen, um dadurch seiner Gesundheit einen Dienst zu erweisen. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Deshalb begleitete ich ihn mit hinaus aus dem Muldental, bevor ich wieder kehrt machte und den Lenker in den Gegenwind stemmte.

Das Göhrener Viadukt



Kurz vor Kitzscher wurden einem dieser altertümlichen Fahrräder mit Verbrennungsmotor die Grenzen aufgezeigt und kurz hinter Kitzscher wurde eine Zeitreise unternommen. Jedenfalls kam mir der Gedanke beim Anblick des Senior-Bikers auf Höhe des Sportplatzes von Thierbach. So könnte ich mit 75 Jahren auch unterwegs sein. Sofern der Autor dieses Lebensjahrzehnt erreicht.


150 km | 5:42 h | 1667 hm

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