Samstag, 7. September 2013

Mit dem Fahrrad den Nationalpark erkunden | Sächsische Schweiz

Vor ein paar Wochen hatte ich mir den Veranstaltungsplan der Nationalparkverwaltung in Bad Schandau zu Gemüte geführt. Zielstellung damals: Ein paar interessante (Herbst)touren finden. Sofort ins Auge stach der 7. September mit dem Angebot einer geführten Radtour durch den NP, geleitet vom Chef des Referats Öffentlichkeitsarbeit & naturkundliche Bildung, Hanspeter Mayr. 10 Uhr sollte es am "Nationalparkbahnhof" in Bad Schandau losgehen,  äh, wo bitte? Im Jahr 2011 nannten der Verkehrsverbund Oberelbe und die Stadt Bad Schandau den Bahnhof in "Nationalparkbahnhof" um, damit neben einem stärkeren Bezug zum touristischen Hauptziel der Region auch ein (überregionales) Bewusstsein für die Möglichkeiten der Anreise mit den Öffentlichen geschaffen werden kann. Sympathisch klingt es allemal.


Zu zweit - perfekt

Um einen kleinen Zeitpuffer entlang der Elbe ab Dresden zu haben, plane ich die Passage der Altstadt für spätestens 8 Uhr. Jogger und Gassigänger, Inlineskater und Radfahrer bevölkern zögerlich den Radweg; immerhin sollten mich jetzt keine Rehe mehr fast um den Haufen rennen wie noch 3 Stunden zuvor. Einige Radler - speziell Mountainbiker - sind an diesem Samstagmorgen schon durchaus ambitioniert unterwegs und verlangen nicht nur einmal das Verlassen der Komfortzone. In solchen Momenten darf das "Dresdner Hauspflaster" schlicht keine Rolle spielen...

Plötzlich ist ein Rennrad neben mir, dessen Fahrer sich neugierig nach Herkunft und Ziel erkundigt. Seine Annahme, ich würde zum Klettern fahren und hätte das Seil auf dem Rücken, ist zwar naheliegend, trifft heute aber leider nicht zu. Und was treibt ihn auf die Straße? "Ich fahre bloß zum Brötchenholen, kleines Morgentraining", sprachs und bog rechts nach Meusslitz ab. Wenig später ist Pirna erreicht - diesmal von der anderen Seite.

Ausflügler streifen am Ufer entlang, die Parkplätze vor dem Bahnhof werden bereits okkupiert, einzig der Bootsanleger liegt noch verwaist im Schein der Vormittagssonne; fast meint man, er gönnt sich ein extra langes Nickerchen vor den Anstrengungen der kommenden Stunden. Zum Genuss wird der Transferabschnitt Dresden - Bad Schandau erst hinter Pirna. Der Weg scheint sich jetzt ein Versteckspiel mit der parallel verlaufenden Bahnstrecke zu liefern, taucht mal links, mal rechts derselben auf, verschwindet in Wehlen plötzlich und kommt als Rathener Weg wieder im Wald zum Vorschein. Zwei schwer bepackte Trekkingbikes streben dem Elbsandsteingebirge entgegen (da liegt die Klettervermutung wirklich nahe), Pärchen kullern einem entspannten Tag entgegen und achten wenig auf den Radverkehr, ein Mädel mit unvorteilhaft breiten Oberschenkeln schießt in Gegenrichtung vorbei. Lucky me!

Die Bastei oberhalb von Rathen.
10 vor 10 ist die erste Etappe des Tages absolviert - Zeit für einen Wechsel zu bequemerem Beinwerk. Wieviele werden wohl an der Tour teilnehmen? Wie ist die Altersstruktur? Wo geht es hin? Wie lang werden wir unterwegs sein? Ab wann kann ich die Heimfahrt antreten? Solche und andere Fragen beschäftigen mich, während die letzten Meter hinab zum Bahnhofsvorplatz warten.

Den Guide erkenne ich sofort: Trekkingrad, Nationalpark-Shirt, Packtasche mit Infomaterial. Neben ihm bevölkern die obligatorischen Ausflügler den Bahnhof, doch keine Spur von weiteren Radtouristen. "Guten Morgen!" Ich stelle mich vor und habe den Eindruck, Peter (danke dafür) ist nicht ganz unglücklich darüber, den Vormittag doch noch in der geplanten Manier ablaufen zu lassen. Er stellt mir die Route vor, informiert über Basics zum Gebiet und schon sind wir auf der Brücke, hinüber zur rechten Elbseite.

Der Lachs kehrt zurück

Wir radeln bis Prossen, wo der Lachsbach in die Elbe mündet, stoppen dort unsere Räder auf einer kleinen Brücke. Für das ungeübte Ohr - also meines - nicht auffällig, werden wir Zeuge des Rufes einer Wasseramsel, die irgendwo unter uns wohl gerade auf Jagd ist. Wer den schönen Film über die Sächsische Schweiz in der Reihe "Wildes Deutschland" gesehen hat, kann sich bestimmt noch an die Unterwasserszenen (ab 17:30 min im verlinkten Video) erinnern.



Heute erfahre ich spannende Hintergrundgeschichten rund um diesen Filmdreh in der Region, für den sich die Tierfilmer unter der Regie von Henry M. Mix mehr als zwei Jahre Zeit genommen haben.

Der Lachsbach entsteht durch den Zusammenfluss von Polenz und Sebnitz bei Porschdorf, knappe 2 km nördlich unserer aktuellen Position an der Elbe. Trotz seiner verhältnismäßig mickrigen Dimensionen ist er ein entscheidendes Puzzleteil im Wiederansiedlungsprojekt für den Atlantischen Lachs in der Elbe.

Die hiesigen Laichgewässer besitzen nämlich historischen Charakter, denn beispielsweise im 17. Jh. wurden von 1671 bis 1679 in Polenz und Sebnitz fast 1000 Lachse mit einem Gesamtgewicht von 3800 kg gefangen (vgl. Elblachs 2003). Hauptsächlich die Industrialisierung und damit einhergehende Gewässerverschmutzungen sowie der Bau von Wehren ohne Fischtreppen sorgten dafür, dass die Elblachspopulation in den Folgejahren einen steten Niedergang erfuhr. 1930 fing man für die kommenden 70 Jahre den letzten Lachs im Fluss unter uns, 1947 den letzten Elblachs bei Pirna.

Nach der Wende beginnt sich die Wasserqualität der Elbe zu verbessern, sodass im Jahr 1994 schließlich Salmo salar zum "Leitfisch der Elbfischerei" erhoben und eine "Konzeption zur Wiedereinbürgerung des Atlantischen Lachses in die Elbe und ihre Nebengewässer" erstellt wird. 1995 war es dann endlich soweit. Am 21. April wurde Wildlachsbrut aus Schweden und Irland in der Polenz ausgesetzt. Bereits 5 Jahre später können im Lachsbach Laichgruben gefunden werden! Das ist ein riesiger Erfolg für das Projekt.

Warum brauchen wir diesen Fisch? Als Zeigerart für eine hohe Gewässergüte und einen naturnahen Zustand des Ökosystems Fluss besitzt der Lachs eine große Bedeutung für die Artenvielfalt. Sein früheres Vorhandensein im Gebiet und die spätere anthropogene Extinktion haben uns den erheblichen Einfluss menschlichen Wirtschaftens auf die Natur ins Bewusstsein gerückt. Unverbaute Flüsse und sauberes Wasser sind nicht nur für den Lachs Voraussetzung zum Überleben. Doch seiner Symbolkraft ist es zu verdanken, dass zahlreiche Arten neben ihm wieder einer optimistischen Zukunft in Deutschland entgegensehen. Wir sollten uns dafür einsetzen, diesen positiven Prozess zu unterstützen und in unserem eigenen kleinen, bescheidenen Rahmen eine nachhaltige, die Umwelt respektierende Lebensweise anstreben. Jeden Tag aufs Neue.

Steckbrief Atlantischer Lachs (Salmo salar) - Biologie, Lebensraum, Gefährdung (PDF)
(Quelle: WWF)

Der Lilienstein.

Links: Die Stadt Königstein. Oben: Die Festung Königstein.

Der Wald muss sich wandeln

Eine topographische Karte dient dem Exkursionsleiter als Medium für den nächsten thematischen Schwerpunkt unserer Exkursion. Wer sich die TK 25 der Waldfunktionen des hiesigen Gebietes anschaut, wird schnell die Vielfalt der gesetzlichen Schutzgebietsklassen erkennen. Diese spezielle thematische Karte erfasst nur solche Waldflächen, die über das normale Maß hinausgehende "besondere Schutz- und/oder Erholungsfunktionen erfüllen" (vgl. Staatsbetrieb Sachsenforst 2010, S. 6). Wann ist das der Fall? Nun, um diese Frage zu beantworten, werden Parameter aus den Bereichen Boden, Wasser, Luft, Landschaft, Kultur und Erholung gewichtet und bei Vorliegen einer besonderen Funktion qua Gesetz unter Schutz gestellt.

Beispiele für besondere Funktionen sind:

Quelle: Staatsbetrieb Sachsenforst, Faltblatt Waldfunktionskartierung (PDF)
Wir radeln entlang der Elbe durch einen winzigen Teil des FFH "Elbtal zwischen Schöna und Mühlberg" (4300 ha) unterhalb der Ortschaft Ebenheit. Den Biber sehen wir leider nicht, doch ich bekomme den Beweis seines Vorhandenseins gezeigt und vernehme mit Staunen, dass der eifrige Nager und Landschaftsgestalter es bereits bis in die sächsische Landeshauptstadt geschafft hat. Der folgende Kartenausschnitt zeigt, dass wir uns hier außerhalb des NP Sächsische Schweiz befinden:

Quelle: Waldfunktionenkarte 1:25000 auf Basis der TK 25. Staatsbetrieb Sachsenforst 2010, S. 67
Die Gründe hierfür sind einmal die Ortschaft Ebenheit selbst, daneben Flächen von Privatwald, deren Besitzer nicht enteignet werden sollten. Denn ein Nationalpark dient speziellen Schutzzwecken und muss daher gewissen Kriterien genügen. Er muss weitgehend unzerschnitten sein, naturräumliche Alleinstellungsmerkmale besitzen, innerhalb seiner Grenzen überwiegend vom Menschen unbeeinflusst oder nur wenig beeinflusst und in der Lage sein, einen Zustand zu erreichen, der einer natürlichen Dynamik entspricht. Drei Schutzzonen mit differenzierten Regelungen sollen die hohen Anforderungen an diesen Status gewährleisten, bzw. zielgerichtet zu deren Realisierung beitragen: Naturzone A, Naturzone B, Pflegezone.

Die Kernzone ist Teil der Naturzone A und umfasst gegenwärtig 23,1 % der NP-Fläche, was 21,6 km² entspricht. In ihr spielt der Mensch nur die Rolle des Gastes, nicht die des Gestalters. Die Natur ist sich selbst überlassen - Stichwort: natürliche Dynamik. Mittelfristig wird angestrebt, den Anteil der Kernzone auf 75 % anzuheben, was internationalen Standards für Nationalparks entspräche. Bis es jedoch soweit ist, müssen zahlreiche Vorarbeiten geleistet werden, deren jeweiliger Ausgang keineswegs in allen Fällen sicher prognostiziert werden kann. Ein ganz wichtiger Aspekt ist in diesem Zusammenhang das Thema Waldumbau.

Unser Weg aus dem Elbtal hinauf zur zweiten Landschaftsstufe führt durch einen Wald, der auf den ersten Blick unverdächtig daherkommt. Dem Fachmann fallen jedoch sofort die darin eingestreuten Parzellen mit Fichtenmonokulturen ins Auge. Innerhalb von 400 Jahren hat sich der Anteil der Fichte im Gebiet des heutigen Nationalparks von 2 % um 1600 auf fast 50 % im Jahr 2000 gesteigert. Dagegen sind Eiche und Buche stark, die Weißtanne fast bis zur Ausrottung dezimiert worden. Der Wald wurde genutzt, weil es ihn gab. Das Wort "Nachhaltigkeit" kannte man damals nicht, geschweige denn seine Bedeutung. Zur Ehrenrettung unserer altvorderen Waldbauern muss ich einschränkend hinzufügen: Im Rahmen einer Subsistenzwirtschaft war und ist dieser selektive Eingriff kein Problem. Der Bedarf ist schlicht zu gering, um größere Schäden in der Artenzusammensetzung zu bewirken. Erst die oben erwähnte Industrialisierung und mit ihr einhergehend u.a. steigende Nachfrage nach bestimmten Holzarten führte zu dieser radikalen Veränderung der ursprünglichen Buchen- und Eichenmischwälder hin zu einer Waldgesellschaft, in der die Weißtanne fast ausgestorben ist.
Zur Geschichte der Weißtanne in den sächsischen Mittelgebirgen

Diese Baumart wächst in Sachsen an der nördlichen Grenze ihres natürlichen Verbreitungsgebietes, denn vor allem in den Bergwäldern zwischen 400 m und 1000 m auf einer gedachten Linie Vogesen - Karpaten fühlt sie sich wohl. Kennzeichen sind flache Nadeln, welche an der Spitze leicht eingekerbt sind und auf der Unterseite 2 weiße Längsstreifen tragen, ferner aufrecht stehende Zapfen, die nicht abfallen, sondern sich an den Zweigen bei Samenreife auflösen (Fichtenzapfen hängen an den Zweigen und fallen im Reifestadium zu Boden). Bis ins 17. Jh. ging es den Weißtannen in Sachsen gut, doch das sollte nicht so bleiben. Eine Bestandsaufnahme von über 60 Jahre alten Exemplaren ergab in den 1990er Jahren sachsenweit 2000 Bäume (davon etwa 1000 im Elbsandsteingebirge). Zum Vergleich: In den 1950 Jahren gab es noch etwa 48.000 Weißtannen (!).

Massive Nadelschäden durch jahrzehntelange Immissionsbelastungen (SO2) dieser noch verbliebenen Population erschwerten obendrein die natürliche Vermehrung. In den zwei Jahrhunderten davor führten insbesondere Übernutzungen der Waldbestände durch rasches Bevölkerungswachstum (Bergbau, Industrialisierung), Bodenverarmung durch Nährstoffentzug (Waldweide), Fichtenmonokulturen (schnell wachsendes Bau- und Feuerholz), Kahlschlag und unzureichender Jagddruck zum Niedergang der Weißtannenbestände. Seit der politischen Wende forciert der Freistaat Sachsen ihre Wiederansiedlung - mit Erfolg. Neupflanzungen erfolgen aus Dürre- und Witterungsschutzgründen (gegenwärtig mehrere 10.000 Bäume jährlich) stets unter einem Teil des alten Waldbestandes, welcher später sukzessive ausgelichtet wird. Eine große Bedrohung junger Bäume geht vom Schalenwild aus, das ganz "wild" auf das frische Grün reagiert. Erhöhter Jagddruck und Vergrämungsmaßnahmen sind da gegenwärtig die Abwehrmittel der Wahl.

Linktipp: Champion Trees in Sachsen
Eine geglückte Wiederansiedlung

Ein Hauch Toskana liegt in der Luft, als wir die Kreuzung Kirchweg - Kaiserstraße erreichen (Fotos dieser Region werden bei hoffentlich besseren Lichtverhältnissen im Herbst nachgeliefert). Der imposante Lilienstein vor uns zieht zuverlässig die Ausflüglerscharen an, deren direkter Weg von Königstein über Ebenheit hier herauf führt. Interessenten an einer solchen Wanderung gelangen mit der Bahn bequem bis Königstein und von dort per Fähre hinüber zum anderen Elbufer. Uns interessieren weniger die Herden Zweibeiner als viel mehr die Geschwindigkeitsrekordhalter innerhalb der Avifauna: Wanderfalken.



Eine nobelpreiswürdige Entdeckung markierte den Anfang vom Ende zahlreicher Greifvogelpopulationen weltweit: Der Schweizer Paul Hermann Müller entdeckte 1939 die lethale Wirkung von DDT auf Insekten und sorgte in den Folgejahren für einen wahren globalen Absatzboom dieser Chemikalie. Sowohl das US-Militär als auch das Deutsche Reich setzten den Wirkstoff erfolgreich gegen die Anopheles-Mücke, den Kartoffelkäfer, Läuse und andere Schädlinge ein. Doch in den 1950er-Jahren erkannte man in den USA die schädigende Wirkung von DDT auf Vögel und rief damit eine Widerstandsbewegung auf den Plan. Die Bedrohung des Wappentiers Weißkopfseeadler war ein wichtiges Argument der amerikanischen Verbotsbefürworter; es sollte nach langem Kampf aber erst in den 1970er-Jahren zu einem landesweiten Verbot der Ausbringung dieses Insektizids in der Landwirtschaft kommen. Ähnlich wie in den USA führten die katastrophalen (Neben)wirkungen des Giftes auch in Europa zu Verboten. Mit Inkrafttreten der Stockholmer Konvention vor 9 Jahren sorgte man endlich dafür, den DDT-Einsatz strikt auf die gezielte Bekämpfung krankheitsübertragender Insekten (insbesondere zur Malariaprophylaxe) zu beschränken.

In der 1970er-Jahren galt der Wanderfalke in der DDR als ausgestorben, speziell im Elbsandsteingebirge ab 1972. Es ist neben dem DDT-Verbot zu großen Teilen dem Deutschen Falkenorden (DFO) zu verdanken, dass wir heute diesen eleganten Jäger der Lüfte u.a. hier am Lilienstein wieder jagen sehen dürfen. Man wagte dort nämlich 1974 ein Experiment: Die Zucht junger Wanderfalken in Gefangenschaft. Skeptisch wurde das Projekt nicht nur vom Deutschen Vogelschutzbund beobachtet, machte man dort doch fälschlicherweise die Falkner selbst für einen Gutteil des Rückgangs der freilebenden Population von Falco peregrinus (und nicht DDT) verantwortlich. Entgegen aller Vorbehalte zog man nach den avisierten 15 Jahren Projektlaufzeit ein positives Fazit: (West)Deutschlandweit siedelten sich ausgewilderte Wanderfalken an. Die politische Wende brachte schließlich auch die Wende für die hiesigen Bestandszahlen. Von 1989 bis 1996 wurden sowohl am Lilienstein als auch in anderen Teilen der Sächsischen Schweiz insgesamt 77 Jungfalken erfolgreich ausgewildert.

Nicht zuletzt ein gestiegenes Bewusstsein in der Gesellschaft für die Anliegen des Naturschutzes, seine Sinnhaftigkeit und nachhaltigen Absichten führten in Kombination mit der engagierten Nationalparkverwaltung und den Erfahrungen zahlreicher Vogelfreunde zu einer seit den 2000er-Jahren stabilen Population von heute 23 Brutpaaren auf dem Gebiet der Sächsischen und Böhmischen Schweiz.

Im Keller

Wer die Liliensteinstraße noch nicht kennt, sollte sie unbedingt auf seine Reise-To-do-Liste setzen - sooo schön! Hier oben auf der "Ebenheit" kann das Auge gar nicht genug bekommen von einer mit Abwechslung geradezu verschwenderisch um sich werfenden Landschaftsszenerie. Kleine Feld- und Wiesenflächen schmiegen sich ein in das Gefüge aus Wald, Felsen, hügeligem Relief und einer im Tal mäandernden Elbe. Den perfekten Ort, um all das auf sich wirken zu lassen finden aufmerksame Leser im unten verlinkten Track oberhalb des Örtchens Waltersdorf.



Bastei und Rathen.
Hinter der letztgenannten Siedlung verlassen wir die heute doch von Ausflüglern recht stark befahrene S 163 und winden uns über einen nicht wirklich rennradtauglichen Waldweg hinab zur Waltersdorfer Mühle im Polenztal. Sofort bemerkt man die Veränderungen im Mikroklima, denn hier unten am Grund dieses Sohlentales fühlt man sich wie im Keller. Es ist feucht und kühl, zahlreiche Farnarten wachsen entlang der Felshänge, einige davon sind Vertreter seltener Arten.



Das Polenztal steht dank der Arbeit zweier Vereine zum Sächsischen Heimatschutz schon seit 100 Jahren unter Naturschutz. 1940 schuf man das NSG Polenztal mit einer Fläche von damals 91 ha, im Jahr 2002 hatte sich dessen Fläche auf 371 ha erweitert. Es wird charakterisiert als ein "Sohlental mit windungsreichem naturnahem Fließgewässer, Grünland, teilweise vorhandenen Übergängen zu Niedermoorstandorten, Talhängen mit Felsbildungen [...] sowie verschiedenen Waldgesellschaften." Die besondere Schutzwürdigkeit resultiert aus den hier vorhandenen Auwaldresten, "Grünland unterschiedlicher Ausprägung (Bsp.: Märzenbecherwiesen), Ahorn-Eschen-Schlucht- und Hangwäldern, Buchenwäldern sowie gefährdeten Fisch- und Fledermausarten (Bsp.: Mopsfledermaus) und einem Fischottervorkommen." (vgl. FFH-Gebietsdaten 163)

Was sich nach purer Idylle anhört, zeigt in der Realität deutliche Schattenseiten. So ist die Einwanderung gebietsfremder Pflanzenarten (Neophyten) ein nicht unerhebliches Problem im Nationalpark. Drei Hauptarten stehen aufgrund ihrer stellenweise dominanten Vorkommen vor allem in den Bach- und Flusstälern im Fokus der Forschung: Das Drüsige Springkraut (Impatiens glandulifera), der Japanische Staudenknöterich (Reynoutria japonica) und der Schlitzblättrige Sonnenhut (Rudbeckia laciniata).

Schutzbauwerk vor treibenden Baumstämmen ...
Die Neophyten besetzen meist innerhalb kurzer Zeit freiwerdende Lebensräume (z.B.: brach fallende, vormals landwirtschaftlich genutzte Flächen; Uferbereiche; Schwemmflächen) und verdrängen die dort standorttypischen einheimischen Arten. Die Zuwanderer nutzen dabei diverse Strategien, um sich gegenüber einheimischer Konkurrenz durchzusetzen: ungeschlechtliche Vermehrung, enorme Samenproduktion, Zoochorie, sehr schnelles Wachstum u.a.m.


... bei Hochwasser in der Polenz.
Die Nationalparkverwaltungen auf sächsischer und böhmischer Seite unterscheiden sich in ihrem Vorgehen gegen die weitere Ausbreitung dieser Arten. Während man auf böhmischer Seite stellenweise zur chemischen Keule greift, wird auf sächsischer Seite vorrangig auf die Selbstheilungskräfte der Natur und eine aus naturschutzfachlicher Sicht sinnvolle Bewirtschaftung gesetzt. Die rechtzeitige Mahd (vor der Samenreife), Beweidung sowie die Unterstützung einer naturnahen Waldentwicklung (Sukzession) sind die Mittel der Wahl. Brachliegende Flächen müssen in das Naturschutzkonzept einbezogen werden - das kostet viel Überzeugungsarbeit. Denn Privatbesitzer sind ein wichtiger Teil der Problemlösung; auch auf ihrem Grund kann die Anlage von Gehölzstreifen, kann die Mahd zu bestimmten Zeiten nicht ausfallen. Im Pflegebereich des Nationalparks werden ferner gebietsfremde Baumarten wie Roteiche und vor allem Weymouthskiefer gezielt gefällt.

Fazit: Erst wenn sämtliche Akteure die Vernetzungen und Abhängigkeiten der einzelnen Lebensräume und ihrer jeweiligen Arten verstehen - UND DANACH HANDELN -, leistet der Mensch tatsächlich einen nachhaltigen Beitrag für die Naturentwicklung. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg.



Quellen:

Informationen zu FFH-Gebieten in Sachsen [abgerufen am 07.09.2013]

Nationalpark Sächsische Schweiz [abgerufen am 07.09.2013]

Sächsische Schweiz Initiative: Die Geister, die wir riefen... – Neophyten in der Sächsischen Schweiz. Heft Nr. 22 (November 2005). [abgerufen am 07.09.2013]

Staatsbetrieb Sachsenforst: Waldfunktionenkartierung. Grundsätze und Verfahren zur Erfassung der besonderen Schutz- und Erholungsfunktionen des Waldes im Freistaat Sachsen. Pirna 2010. [PDF, abgerufen am 07.09.2013]

Sächsische Landesanstalt für Landwirtschaft: Der Elblachs ist zurück. Dresden 2003. [abgerufen am 07.09.2013]

Vollständige Gebietsdaten der FFH-Gebiete Teil 5 (145-174) [PDF, abgerufen am 07.09.2013]

WWF: Artenporträt Atlantischer Lachs. Hamburg 2007. [PDF, abgerufen am 07.09.2013]

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