Sonntag, 13. Oktober 2013

Beuthenfall - Häntzschelstiege - Carolafelsen - Affensteinweg

Ein Sonntagmorgen, 6.30 Uhr in Leipzig. Das Bundesverwaltungsgericht.

Die monotone Bahnfahrt hübsche ich mit einem Kapitel aus "Die Enden der Welt" (Roger Willemsen) auf, in dem der Autor gekonnt die Eigenschaften der Bewohner Sibiriens skizziert und neben den ökologischen Verbrechen im hohen Norden auch von einer die deutsch-russischen Sprachbarrieren überwindenen Zuneigung berichtet. Eine deutsch-deutsche Zuneigung anderer Art spielt sich im 4er-Abteil gegenüber ab. Der Mann ist geschätzt Anfang 70 (im Personalausweis steht eher 1946 als Geburtsdatum), trägt eine Sonnenbrille, eine kleine hellbraune Umhängetasche sowie ein Handy bei sich. Das zwangsweise mitgehörte Telefonat handelt davon, dass er in ein paar Minuten am Bahnhof ankommen wird. Er entschuldigt sich für die frühe Störung (das weibliche Gegenüber war bereits wach) und erkundigt sich nach dem Wohl der Enkel. Man kann förmlich sehen, wie er beim Vernehmen der Stimme aus dem Telefon aufblüht, ja enthusiastisch wird. Themen werden angeschnitten, die besser an den Küchentisch gehören, denn in einen Regionalexpress; vor lauter Aufregung will er gar eine Haltestelle eher aussteigen. Ich schmunzle und freue mich für ihn, bevor sich wieder Kolja und Jelena gewidmet wird.

Je näher man den Top-Destinationen (so heißt das im Touri-Sprech) der Sächsischen Schweiz kommt, desto bevölkerter wird die S-Bahn nach Bad Schandau. Ein Chariot-Kinderwagen (gibt es überhaupt noch "normale" Kinderwagen?) mit Platz für zwei Kids nebeneinander parkt neben mir im Fahrradabteil ein. Die zwei Kleinen sind mit 4-Punkt-Gurten wie im Motorsport gesichert und lernen so schon früh die Vorzüge der deutschen Institution TÜV zu schätzen. Sie sind Teil einer Gruppe Mitt- bis Enddreißiger, deren Tagesziel Rathen und die Bastei sein dürfte. Eine lustige Truppe. Allerdings mit anderen Schwerpunkten. Zuneigung die Dritte: Beide so Anfang 50, mit professionellem Trekkingequipment ausgestattet - incl. dünner Laufmütze. Ihnen nehme ich den artgerechten Einsatz ihrer Ausrüstung allerdings ab, denn sie wirken sehr fokussiert und legen auf dem Bahnsteig auch gleich ein gutes Tempo vor. Bevor sie aussteigen, kann man beobachten wie das Pärchen - offenbar unterbewusst - sich gegenseitig nacheinander die Mütze im Nackenbereich zurechtzieht. Eine unauffällige Sympathiebekundung, wahrscheinlich so tief in das gemeinsame Leben eingegraben, dass sie sie, darauf angesprochen, womöglich nicht einmal erinnern würden.

Ein Plan ist nur ein Plan

Um vom Bahnhof schnell zum Beuthenfall - dem Ausgangspunkt meiner heutigen Wanderung - zu gelangen, habe ich mich für die Mitnahme des Fahrrads entschieden. Ökonomisch betrachtet ist diese Entscheidung zweierlei: Eine klare monetäre Mehraufwendung + ein klarer zeitlicher Vorteil. Denn die 10 km Strecke bis ins Kirnitzschtal sind ohne mobilen Untersatz eine Tour für sich. Alternativ kann der Bus der Nationalparklinie 241 genutzt werden. Dieser verkehrt täglich zwischen Nationalparkbahnhof und Hinterhermsdorf, am Wochenende sowie an Feiertagen im Zeitraum 8.35 Uhr bis 19.36 Uhr (Stand: Oktober 2013) im Halbstundentakt.

[Alle Fahrpläne der Busse im Gebiet des Nationalparks Sächsische Schweiz auf einen Blick.]

Ich schließe das Rad an einem Strommast der Kirnitzschtalbahn, welche ich soeben überholt habe, an. Klares Manko der sonntäglichen Bahnverbindung hierher ist die späte Ankunftszeit mit dem Nahverkehr. Während man am Vortag schon um 7.47 Uhr in Bad Schandau eintrifft, ist das heute - bei vertretbaren Reise- und Umsteigezeiten(!) - erst 2 Stunden später der Fall. Seis drum, jetzt kann es ja endlich losgehen.

Über den Dietrichsgrund führt der breite Waldweg zunächst hinauf zum Bloßstock, während vor mir ein "Wanderer" mit Stöcken und langen Schritten dermaßen Tempo bolzt, dass ich schon beginne, die 8 kg auf meinem Rücken zu verfluchen. Mit dabei sind nämlich die Kameraausrüstung, das Stativ, 3 Liter Getränke, Verpflegung, Wechselklamotten, ein Glas geheimen Inhalts. Verda***** Dr***! Erhobenen Hauptes stehe ich schließlich unterhalb der 90 m hohen, lotrecht abfallenden Nordwand dieses Felsens in den Affensteinen - und bin wie jedes Mal schwer beeindruckt. Denn neben der schieren Größe ist es die Tatsache, dass erste Sicherungshaken für Kletterer so in etwa 8 m Höhe beginnen, das mich schaudern lässt.

...Bloßstocks.
Die Nordwand des...


Ein Überhang an der Nordwand des Bloßstocks.

















Die Frage nach dem Weg zur Häntzschelstiege entreißt mich meiner Träume und führt zurück in die Gegenwart. Ich bitte die beiden, mir zu folgen und gemeinsam winden wir uns über die Holzstufen unterhalb der Westwand zum Einstieg. Von den Sandsteinen tropft das Wasser, denn erst in der letzten Nacht haben die Regenfälle aufgehört. Die Füße rutschen beim Versuch Halt zu finden immer wieder ab, einzig die Finger können sich an einer schmalen Leiste halten und so das Erreichen des ersten metallenen Tritts ermöglichen.

Ein dickes Stahlseil hilft auf den nächsten Metern und bietet die Möglichkeit, sich zu sichern. Nachdem diese interessante Passage überwunden ist, geht es auf einer etwa 45° geneigten Felswand über Metallklammern bis zum Aussichtspunkt auf halber Strecke. Wir erreichen letzteren sicher; meine Frischlinge staunend, ich etwas enttäuscht. Von den 3,5 Stunden prognostizierten Sonnenscheins ist nämlich (noch) nichts zu sehen, zu dicht wabern die Nebel-/Wolkenschwaden durch das Tal.

Die Brosinnadel.



Brosinnadel und Falkenstein (im Hintergrund).


Sein Auge blickt durch den Sucher einer Vollformat-Nikon mit montiertem Grau-Verlaufsfilter. Mir schießt sofort der Name eines National Geographic-Fotografen durch den Kopf, der mit seiner Frau durch die Welt reist und Landschaften in zeitlos schönen Bildern festzuhalten versteht. Das Alter könnte passen, die Begleitung könnte passen, die Ausrüstung könnte passen. Ich frage ihn direkt. Nein, er ist es nicht. Hmm, ich schaue zu Hause nach und sehe, dass "er" mit einer Leica-Ausrüstung unterwegs ist. Das Gesicht hingegen, mit Bart zwar, aber ... na ja am Sonntag in einer Woche bin ich bei einem Vortrag meines Kandidaten. Dann werde ich sehen, ob die beiden bloß ihre Ruhe haben wollten. ;-)

Wobei, von "Ruhe" ist momentan nicht gerade zu sprechen, denn mit mir tummeln sich 10 Personen auf diesem kleinen Fleckchen Erde und wollen die Sicht - oder das, was davon übrig ist - auf Brosinnadel, Falkenstein und Wildenstein erleben. Der erwähnte Filter verdeutlicht die aktuellen Lichtverhältnisse: Eine um ihre Existenz kämpfende Wolkendecke oben und vom letzten Regen noch feuchter Herbstwald unten. Diese Mischung bietet dem Geduldigen ganz eigene Fotogelegenheiten. Ich sehe mich einmal mehr im Zwiespalt meiner Ansprüche. Wie soll ich die geplante Tagestour schaffen, wenn ich hier ein, zwei Stunden warten muss? Wie soll ich überlegte Bilder machen, wenn ich Trailrunning betreibe? Bei der Natur- und Landschaftsfotografie diktierst du nicht das Setting, nein, du findest es. Oder nicht. Viel Erfahrung, Geduld, auch Wissen sind nötig, um zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Trotzdem ist der Erfolg keineswegs sicher, kann die erhoffte Lichtstimmung ausbleiben, kann die Kreativität fehlen. Flexibilität und ein hohes Maß an Gelassenheit sind deshalb unerlässliche Eigenschaften guter Naturfotografen. Ich bin dafür wohl zu hektisch, will zuviele Sachen parallel machen und kombinieren. Auf der Strecke bleibt zwangsläufig die Qualität.

"Der wahre Wert eines Menschen ist in erster Linie dadurch bestimmt, in welchem Grad und in welchem Sinn er zur Befreiung vom Ich gelangt ist."
(Albert Einstein)
Im gut körperbreiten Kamin geht es dank Seilführung und Metallleitern zügig nach oben - doch Obacht: Einmal nicht aufgepasst und man stürzt in die Tiefe. Ich empfehle Einsteigern/Sicherheitsbewussten deshalb das Mitführen eines Klettersteigsets zur Selbstsicherung vor allem im oberen Teil der Häntzschelstiege. Wer diese Vorsichtsmaßnahmen berücksichtigt, bekommt den Kopf frei für eine ganz besondere Szenerie. Die einzige Gefahr besteht jetzt darin, sich unsterblich zu verlieben. In den Sandstein, in die herbstbunten Wälder, in die spärliche Vegetation auf den Felsriffen, in die Vielfalt der Landschaft.

Passt?
Passt!




















Zwei Wanderer erreichen das obere Ende der Häntzschelstiege.

Anno 2013.
Anno 2011.









800 Meter wandert man nach Verlassen der Häntzschelstiege auf dem Langen Horn entlang bis man zum Abzweig in Richtung Carolafelsen gelangt. Die Sonne tut sich gegen 12 Uhr noch immer schwer im Kampf mit der sich hartnäckig in den Tälern haltenden Feuchtigkeit, mein Optimismus bleibt gedämpft. "Ein hohes Maß an Gelassenheit" ist mir aktuell nicht gegeben, da sich sämtliche Tagesplanungen in Luft aufzulösen scheinen - wenn es doch die Wolken dem nur gleichtun würden.


Wenigstens menschelt es auf dem Aussichtspunkt. Und wie. Mich deucht, alle Familien im 5 km-Radius versammeln sich hier, um die Mittagsbrote zu verzehren und gemeinsam auf die ersten Sonnenstrahlen des Tages zu warten. Nun gut, baue ich halt mein Stativ vor den anderen auf und warte mit ihnen zusammen auf besseres Licht. Ein Ehepaar in den 50ern sitzt zwischen Kamera und der Nordwestachse hinüber zum Falkenstein, sie wirken auf mich irgendwie vertraut, ja beruhigend. Ich frage, ob sie in den Vordergrund mit einbezogen werden dürfen und erhalte keinen Einwand. Der Gewinn eines Fotowettbewerbs führt uns zum Thema Filtereinsatz und ihrer Frage, ob ich denn einen Polfilter einsetze. "Der ist in der Kameratasche" entgegne ich, wissend, dass man bei diesen diffusen Sonne-Wolken-Vegetations-Kontrasten mit Filter bessere Ergebnisse erzielt. Etwas beschämt schleiche ich über 2 Felsbrocken zurück zum Rucksack und montiere das Teil an der 35 mm-Festbrennweite.


Blick vom Carolafelsen zum Falkenstein.



Hmm, und welche Einstellung ist jetzt die beste? Vielleicht habe ich obgleich dieser Frage eher eine Scheu, den Filter einzusetzen. Es gibt objektiv betrachtet die perfekte Einstellung für die gegenwärtigen Bedingungen, nur wie kann ich sie messen? Während das linke Auge durch den Sucher schaut, drehen die Finger meiner rechten Hand am Filter. Bin ich mit dem Ergebnis zufrieden, setze ich die Kamera auf Hochformat und schieße ein paar Panoramen. Geschlagene 1:20 h werden wir hier gemeinsam verbringen und darauf warten, dass die Sonne den Weg in das Tal der Wilden Hölle findet und die Felsen entlang der Oberen Affensteinpromenade aus dem Griff der Wolken befreit.

Erneut ringe ich mit mir, schwindet mein Zeitpolster doch rapide. Der Affensteinweg hinüber zum Hinteren Raubschloss, die Marienhöhle, die Bärenfangwände warten. Doch wenn ich aufbreche und kurz nach Verlassen des Carolafelsens plötzlich die Sonne durchbricht, wird mein Ärger groß sein. Ähnlich ergeht es meinen zwei Gesprächspartnern; auch sie wollen aufbrechen, bleiben jedoch in froher Erwartung noch etwas länger sitzen. Eine Gruppe Freunde mitsamt der Kinderschar lässt sich jetzt im Halbschatten der Birke vorn an der Felskante auf drei Decken nieder. Sie haben "Wurstkekse" dabei, ein Gebäck, von dem ich bis heute annahm, es würde nur im "Fressnapf" erhältlich sein. :-) Anyway, die Harmonie in der Truppe ist schön anzusehen - persönlich erkenne ich mich aber eher ein paar Meter weiter links (ohne Salami, versteht sich!) wieder:

Ein (Selbst)Porträt.



Es naht der Abschied, leider. Gern hätte ich noch mehr über ihr Leben, über ihre Kinder, über ihre Fotopassion erfahren. Wie sie so da sitzen, er berührt mit der linken Hand sanft ihren linken Arm, bekomme ich Lust auf eine Zeitreise. Allein die Richtungswahl - Vergangenheit oder Zukunft - kann ich im Moment nicht beantworten. Auf Wiedersehen. Und bitte schreibt mir an die genannte E-Mail-Adresse (ich vergaß leider, die eure zu notieren...).


Edit (23.10.13): Eva hat mir geantwortet und zwei schöne Fotos mitgesandt. Hab mich sehr gefreut, da die Hoffnung auf eine Nachricht nicht mehr groß war. Vielen Dank & alles Gute!

Der Autor weiß nicht so recht, was er von diesem Licht halten soll. (© Eva-Marie Ebert)
Man kann stillstehen trotz Positionsveränderung und man kann vorankommen, ohne seinen Standort zu wechseln. Ich gleite ab ins Philosophische, während der Affensteinweg unterhalb des Kleinen Wintersteins beschritten wird. 1,5 km entfernt in nördlicher Richtung thront der Neue Wildenstein mit dem Kuhstall über dem herbstlich gefärbten Tal, ein Anblick, der mir bis zum Rübezahlturm erhalten bleibt.

Rechts: Der Neue Wildenstein mit dem Kuhstall.

Oben das Felsriff, unten die hohen Fichten der feuchten Täler.


Ein Telefonat unterbricht den Strom der Gedanken, am anderen Ende der Leitung ist eine nette weibliche Stimme. Leider muss ich ihre Anfrage negativ beantworten ... werde zukünftig sonntags am Kartenschalter wohl etwas pokern. Zurück im Hier und Jetzt stehen der Abstieg ins Tal und eine weitere Entscheidung bevor. Über den Königsweg gelange ich binnen einer Stunde zurück zur Kirnitzsch, über die Zeughausstraße geht es weiter nach Osten. Meine Essensvorräte sind noch unangetastet, meine Wasservorräte sind noch unangetastet. Ich sollte vernünftig sein, mich für 15 Minuten in die Nachmittagssonne setzen und ein wenig geniessen. Das Tagesziel ist schließlich so oder so nicht mehr erreichbar.

Ausblick vom Affensteinweg.


Hüllenlos.
Gefallen.




Zurück am Bloßstock sitze ich an derselben Stelle, an der damals M. saß. Ich trete die Zeitreise in die Vergangenheit an und suche nach Antworten, während sich mein Körper ganz profan über die verdiente Kalorienzufuhr freut.







Unten im Tal quere ich die Straße hinüber zum Beuthenfall. Das ganze Gelände macht einen traurigen Anblick, denn von der im 19. Jh. hier ansässigen Gaststätte sind nur noch verfallene, beschmierte Gebäude übriggeblieben. Hinter einem offenen Bauzaun verbirgt sich der Namensgeber schüchtern, fast meint man, er will mit dem aktuellen Ambiente nichts zu tun haben. Der Name geht angeblich zurück auf eine in früheren Zeiten hier betriebene Wildbienenzucht in Beuten - künstlichen Behausungen für Bienenvölker.

Idyllisch...

...oder? Die verfallenen Gebäude am Beuthenfall vermitteln einen trostlosen Eindruck.

Bunter Herbstwald oberhalb von Bad Schandau.

Bad Schandau. Im Hintergrund: Die Schrammsteine.

Bis zum nächsten Mal, Sächsische Schweiz.

Die Dresdner Altstadt aus der Bahnperspektive.
DIE STRECKE


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