Sonntag, 15. Dezember 2013

Eine Harzwanderung am dritten Advent

Sie war tapfer. Weckerklingeln am Sonntagmorgen um 6 Uhr, Radfahrt, 7.20 Uhr Zustieg am neuen Tiefgleis des Leipziger Hauptbahnhofes. Das erste Tagesziel - erreicht. :-)

Umstieg in Halle (Saale).



Ankunft in Ilsenburg.

In Ilsenburg angekommen führte uns der geplante Track zuerst in Richtung Nationalparkhaus, um dort die Fotoausstellung zum Wettbewerb HarzNATUR 2013 in Augenschein zu nehmen. Nieselregen begleitete uns auf dem Weg durch dieses 9000 EW-Städtchen, dessen Lage als Ausgangspunkt für Wanderungen zum Brocken bzw. entlang des Harzer Grenzweges geradezu prädestiniert ist; mein Optimismus wurde dadurch jedoch in keinster Weise getrübt, im Gegenteil, verhießen die Wettermodelle doch stete Besserung im Tagesverlauf.





Trotzdem waren wir froh, nach sagenhaften 2,2 km Wanderweg die Rucksäcke ablegen und quasi exklusiv die Räume im obersten Stockwerk des Hauses betreten zu dürfen. An der Infotheke im Erdgeschoß schob derweil (8.30 Uhr bis 16.30 Uhr) brav ein Ranger einsamen Dienst - ein Job, um den ich ihn vor allem an jenem dritten Advent kein bisschen beneidete.



Noch bis Anfang Februar 2014 können Besucher die Bilder hier im 1. OG betrachten und als Kalender erwerben. Es lohnt sich!

Von Borkenkäfern und Luchsen

10.27 Uhr brachen wir mit geschultertem Gepäck auf, um uns entlang des Borkenkäferpfades hinauf zur Bäumlersklippe durch lichten Wald zu bewegen. Die Nationalparkverwaltung bringt dem interessierten Gast hier auf einem Rundweg die potentiell verheerenden Folgen intensiv genutzter Monokulturen nahe (erhöhte Anfälligkeit für Schädlinge, Windbruch, Artenarmut) und verdeutlicht gleichermaßen, dass diese Nutzungsform unnatürlich ist. Denn zwischen den toten Fichten wächst ein neuer, artenreicher Mischwald heran.

Blick auf Ilsenburg von oberhalb der Bäumlersklippe.



Auf dem Kolonnenweg an der Württemberger Bank.

Etwa auf halber Strecke verlassen wir den Lehrpfad in Richtung Württemberger Bank, um daran anschließend mal kurz durch das Grosse Zwisseltal an die Ecker zu gelangen. So der Plan. Komischerweise stellte sich der GPS-Track (OSM-Bezeichnung: "Fussweg") als uralter Wirtschaftspfad mit den Zusatzfunktionen Vorfluter und Standort für neuen Nadelwald heraus. Tja, ähm, peinlich, peinlich. Männer lassen sich in derartigen Situationen natürlich nichts anmerken, stapfen im Gegenteil munter durch knöcheltiefes Wasser voran und starren dabei unnachgiebig auf ihr GPS-Gerät, in der Hoffnung, der perfekte Wanderweg mit warmen Waffeln für die weibliche Begleitung möge sogleich vor ihnen erscheinen ... ER ERSCHIEN NICHT!






Dafür gerieten die 2 km zu einem partiellen Parforceritt über/unter umgestürzte Nadelbäume. Nach gut der Hälfte des Weges - wir krabbelten gerade wieder unter einer querliegenden Fichte hindurch - begegneten uns zwei Wanderfreunde in ihren 60ern und erbaten Auskunft zum weiteren Wegverlauf. "Der Weg bleibt so schlimm", entgegneten wir unisono, dabei noch nicht wissend, dass die beiden deutlich besseres Geläuf hinter sich hatten als unsereins. Tüdelü, duckunwech.




Die Ecker.
12.20 Uhr hatte uns (endlich wieder!) ein perfekter Wanderweg in seine Arme geschlossen, einzig die warmen Waffeln fehlten. Dafür meinte man, den Luchs zu wittern, während gemeinsam auf schmalem Pfad hinauf zur Rabenklippe gestapft wurde.

Das Trittsiegel des Luches (Lynx lynx) entspricht in der Form dem der Hauskatze, aber ist fast dreimal so groß. Ähnlich verhält es sich mit dem Trittbild. Der Luchs gehört zur Familie der katzenartigen Raubtiere (Felidae); Gattung: Luchse; eine Art: Luchs (Eurasischer Luchs). Mit einem Körpergewicht von 20 bis 30 kg (Kuder) - die Kätzin ist ca. 20 % leichter, einer K-R-Länge von 80 bis 120 cm und einer Schulterhöhe von 50 bis 70 cm ist der Luchs etwa so groß wie ein Golden Retriever oder Labrador. Das Fell ist gelbbraun bis rotbraun gefärbt mit schwarzen Flecken, der 12 bis 15 cm lange Stummelschwanz hat ein schwarzes Ende. Etwas besonderes sind ferner die auffälligen Pinselohren (ca. 4 cm lange Haarbüschel) sowie ein ausgeprägter Backenbart.

Unser nach dem Wolf größter einheimischer Jäger unterliegt dem Jagdrecht, hat aber in Deutschland keine Jagdzeit (ganzjährig geschont). Dafür setzte man bis ins 19. Jh. diesem Wildtier derart erbarmungslos zu, dass es in Mitteleuropa ausstarb. Im Elbsandsteingebirge beispielsweise zeugt ein Luchsstein vom letzten 1747 in Sachsen erlegten Exemplar. Die Gründe dafür sind ebenso simpel wie unverständlich: Die Jäger sahen in ihm einen Konkurrenten um das Wildbret. Ganz ähnlich lauten gegenwärtig die Argumente gegen die Ausbreitung des Wolfes in Deutschland.
Tamino aus Finnland (auch alle weiteren Bilder).

Vorgeschobene Gründe wie die angebliche Gefährdung des Menschen oder seiner Nutztierbestände (ja, okay, ungeschützt sind Schafherden nunmal leichte Beute!) dürfen dabei von der Mehrheitsgesellschaft in keinster Weise für den Stein der Weisen gehalten werden. Sonst wird es bald wieder einen Stein für den letzten in Deutschland geschossenen Wolf geben. Im 21. Jh.




Im Jahr 2000 startete man im Harz ein Projekt zur Wiederansiedlung des Luches in Deutschland.
"Zwischen Sommer 2000 und Herbst 2006 wurden im Nationalpark Harz insgesamt 24 Luchse (9 Männchen und 15 Weibchen) in die Freiheit entlassen. Alle ausgewilderten Tiere sind Gehegenachzuchten aus europäischen Wildparks, die vor der Freilassung in einem vier Hektar großen Auswilderungsgehege im Nationalpark in den neuen Lebensraum eingewöhnt worden waren.

Die Nationalparkverwaltung Harz führt die Erfolgskontrolle des Luchsprojektes durch. Inzwischen liegen aus nahezu allen Teilen des Mittelgebirges Luchsbeobachtungen vor. Einzelne Tiere können auch bereits etliche Kilometer außerhalb des Harzes beobachtet werden. Im Sommer 2002 gelang erstmals der Nachweis von wildgeborenen Jungtieren im Harz. Seither kam in jeder Saison Nachwuchs zur Welt.

Bleibt die Entwicklung so positiv, sind daher keine weiteren Auswilderungen nötig."
(Luchsprojekt Harz)
[Der Luchs in anderen Gebieten Deutschlands / der Schweiz]

Das Luchsgehege an der Rabenklippe ist ein Schaugehege, dessen zwei Bewohner nie in Freiheit gelebt haben und es auch nie werden. Pamina, die Kätzin, wurde am 20. Mai 2005 im Tierpark Perleberg geboren und verbrachte ihr erstes Lebensjahr neben Berlin auch im Saarland. Als Jährling fand sie schließlich hier eine dauerhafte Bleibe.

Tamino, der Kuder, wurde am 3. Juni 2005 im Wildpark Ranua in Finnland geboren. Ursprünglich für das Harzer Auswilderungsprojekt vorgesehen, reiste er ebenfalls als Einjähriger an. Seinem Lebensabend sieht er nun gemeinsam mit dem Weibchen als Gehegeluchs entgegen.

Der Ruf eines Luchses zur Paarungszeit:






Was für ein Leckerbissen...


13.45 Uhr brachen wir nach leckerer Rast mit Keksen, Obst und meinen obligatorischen Schnitten auf zum nächsten Teilabschnitt, dessen Ziel Eckertalsperre lautete. Auf knappen 6 Kilometern führte uns ein schöner Wanderweg (mit zwei kurzen Crosslaufeinlagen) vorbei an Schneezungen und einem rauschenden Fluss zur ehemaligen deutsch-deutschen Grenze, die sich hier mitten durch die Talsperre zog.












Die Staumauer der Eckertalsperre von Westen.

Infos zu Hochwasserschutz und Trinkwasserversorgung.

Sich heute im Jahr 2013 an der DDR-Grenzsäule auf der Staumauer umarmen zu dürfen ist eine Tatsache, die glücklich, die sehr glücklich macht. In historischer, politischer und persönlicher Hinsicht.


Bildquelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Eckertalsperre

Über den Dielenweg und später einen Teil des Kolonnenweges traten wir schließlich den Rückweg nach Ilsenburg an, zugegebenermaßen nicht sehr traurig über den verpassten Summit des Tages. Tiefe Wolken hüllten nämlich auch am Nachmittag den Brocken noch in ein weißes Gewand, sodass die Absicht, Mondaufgang und Sonnenuntergang im Panorama zu erfassen, heute eh nicht in die Tat umzusetzen gewesen wäre. Glücklicher Nebeneffekt: Wir konnten es etwas ruhiger angehen lassen, sehr intensive Gespräche führen und einen von Wolken unverstellten Blick auf den fast vollen Mond werfen. Wie gern hätte ich jetzt die Pause-Taste gedrückt. Wie gern.


Der Brocken im Wolkenkleid.

Panorama vom weihnachtlichen Stadtzentrum Ilsenburgs.

Die Wanderstrecke

28 km | 1005 hm


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