Montag, 17. Februar 2014

Kurzurlaub im Bayerischen Wald

Während ich vor einem Jahr noch durch winterliche Heimatgefilde tigerte, auf der Suche nach Überraschungseiern in Baumhöhlen, stand dem nun das denkbar interessantere Ausflugsprogramm gegenüber. Ein Kurztrip in Begleitung.

Tag 1

Wenn man schon auf den Pkw für den Weg von A nach B angewiesen ist, sollte man sich mindestens um Mitfahrer bemühen.

Sprachs und erhielt am Vortag gleich zwei Anrufe potentieller Interessenten unserer Tour in die Hauptstadt der Oberpfalz. Pünktlich um 8.25 Uhr rollten wir bei stürmischem Südwind (ich schätze, der hat locker 1 l mehr auf 100 km gekostet) auf die A 38 und wechselten später über zur A 9. Rein zufällig verließen wir bei Berg kurz die Autobahn, um am gleichnamigen Rasthof den Beinen und der Blase etwas Bewegung zu gönnen; im Juni 2011 machten wir hier zuletzt Station - damals mit den eindeutig ökologischeren Fortbewegungsmitteln.

Das soll nicht heißen, dass ich den Anlass der aktuellen Reise bzw. deren Transportmittel weniger wertschätze. Im Gegenteil: Ich liebe das Autofahren. Einzig der aktuell unverhältnismäßig hohe Preis und die bisher schlicht nicht vorhandene Notwendigkeit des regelmäßigen Zurücklegens mittellanger Strecken lässt in der Garage noch ein E-Mobil vermissen.

Unterbrochen von kurzen Regenschauern verflogen die drei Stunden auf dem Asphaltband bei gutem Radioprogramm (Bayern 3 - was sonst?!) ohne erwähnenswerte Zwischenfälle. Der Gast auf der Rückbank las die meiste Zeit über ein Buch, meine Gedanken kreisten größtenteils um die bisherigen Erlebnisse entlang dieser Nord-Süd-Magistrale:

- diverse Österreichurlaube
- Schulabschlußfahrt nach Italien
- erste Skiübungen in Berchtesgaden
- erste Höhenflüge an der Hochries
- Erwerb des Pilotenscheins
- unvergessliche Flugreisen
- Beinaheunfälle, Unfälle, Abschleppen im Schneesturm

Am Rande der Regensburger Altstadt finden wir einen ruhigen und kostenlosen Parkplatz, gute fünf Laufminuten vom Jakobstor entfernt. Es ist Markt auf dem Bismarckplatz vor dem Stadttheater, zahlreiche Händler bieten ihre Waren feil und werden von Touristen sowie Einheimischen umschwirrt. Eine Unterscheidung zwischen den letztgenannten Gruppen fällt insofern schwer, als dass bei dem herrlich sonnigen und ungewöhnlich milden Wetter an diesem Februartag ein jeder gern durch die Straßen schlendert und die Atmosphäre aufzunehmen gewillt ist.

"kAffé dAdA".
Unser erstes festes Ziel innerhalb der Stadtmauern ist weniger hochkultureller, als viel mehr esskultureller Natur: Das vegan/vegetarische Restaurant "kAffé dAdA" in der Rote-Löwen-Straße 11 am Arnulfsplatz. Speziell wegen der Veggie-Burger hat es uns hierher verschlagen, denn wenn schon Burger dann bitte auch mit akzeptablen Zutaten. Die typische Klientel aus Studenten und anderen, im Idealfall kritisch ihr eigenes Konsumverhalten reflektierenden Menschen, nahm jetzt zur Mittagszeit Platz an den quadratischen Tischen. Ein Fensterplatz, ein Stadtmagazin und ein hier nicht genauer benanntes Wochenmagazin versüßten uns die - einziges Manko des Etablissements - lange Wartezeit in den Mittagsstunden am Wochenende. Und die Burger? Lecker! Aber zu klein für mich - logisch.

Zu neuen Ufern

Der Weißgerbergraben leitet uns ab 13.45 Uhr hinunter zum Donauufer, das wir via liebesschloßübersähter Brücke hinüber zur Insel Oberer Wöhrd hinter uns lassen. Einer ambivalenten Wohnsituation sehen sich die Anrainer der hiesigen Badstraße ausgesetzt; beneidenswert in Zeiten von Niedrigwasser und bedauernswert in Zeiten von Hochwasser. Ebenso ergeht es den Bewohnern der zwei anderen Donauinseln: Unterer Wöhrd sowie Stadtamhof. Dafür ist die Wohnlage prächtig, entdeckt man auf Schritt und Tritt neue Kleinode, liebevoll gestaltete Gärten, ruhige Wege und Wiesen in Wassernähe.


Leider fanden just während unseres Besuches umfangreiche Sanierungsarbeiten an der historischen Bausubstanz statt, sodass das fotografische Auge eine Träne verdrücken und improvisieren musste. Wir werden nach Beendigung derselben wiederkommen und dann den neuen alten Glanz dieses Wahrzeichens begutachten.



Die Altstadt Regensburgs gehört mit der Insel Stadtamhof seit acht Jahren zum UNESCO-Weltkulturerbe und ist mit letzterer durch die 1146 vollendete Steinerne Brücke verbunden. 16 Bögen queren auf circa 320 Metern Länge die Donau dreimal.

Die Steinerne Brücke.






Der Stadtkern hat sein vorwiegend mittelalterliches Gepräge bewahrt, empfängt uns bereits auf der Goliathstraße mit engen Gassen, Kopfsteinpflaster, individuellen Torbögen und romantischen kleinen Läden. Der Dom Sankt Peter ist eine kreuzförmige Basilika mit Hauptchor und zwei Nebenchören. Das Langhaus entstand in der ersten Hälfte des 14. Jh., der Südturm wurde 1341 begonnen. 1525 stellte man die Arbeiten ein. Im frühen 19. Jh. begann unter F. von Gärtner die puristische Restaurierung: Dachreiter, Querhausgiebel und Turmabschlüsse sind neugotische Ergänzungen.


Der Dom Sankt Peter in Regensburg.






Charakteristisch für Regensburg sind die Patrizierhäuser mit den Geschlechtertürmen, die zwischen dem 12. und 14. Jh. entstanden und unseren kleinen Stadtbummel optisch beschlossen. Sie zeugen von der Zeit, als die Stadt am nördlichsten Punkt der Donau zur wohlhabendsten und bevölkerungsreichsten Süddeutschlands aufstieg (1245 bis 1810 Freie Reichsstadt). 1810 erfolgte auf Druck Napoleons die Vereinigung mit Bayern und damit das Ende als Freie Stadt. Die sich anschließende "Degradierung" zur Provinzstadt hielt bis zur Mitte des 20. Jh. an und wurde erst durch die relativ späte Universitätsgründung (1967) sowie bedeutende Firmenansiedlungen (z.B. Bosch, Siemens Hausgeräte, Deutsche Telekom, AREVA, Continental, Toshiba) überwunden.








Auf dem Haidplatz (I).

Auf dem Haidplatz (II).

Kurz nach 16 Uhr hieß es Abschied nehmen, sind doch (oder gerade?) bei kurzen Ausflügen die Zeitpläne meist auf Kante genäht. Rathausplatz, Haidplatz, Ludwigstraße und abschließend wieder der Bismarckplatz leiten uns zurück zum Ausgangspunkt. Der Versuch, ein Brot zu erwerben, endet mit der prompten Rückgabe eines harten Etwas, das man bei Restaurierungsarbeiten mittelalterlicher Gemäuer gewiss besser verwenden kann als für unsere Verpflegung am Folgetag. Es war dies eine Premiere der ganz eigenen Art.




Tag 2

Wir haben gut geschlafen - bewacht von einem Rothirsch - und fahren 9.40 Uhr mit der Oberpfalzbahn nach Lam. Wenn man schon Kurtaxe zahlt, erwarte ich auch eine sichtbare Gegenleistung; die freie Nutzung des ÖPNV gehört dazu. Bereits im Vorfeld wurden diverse Wanderideen am Rechner entworfen, geändert, verworfen. Heute nun sollte es zum Großer Arber gehen, dem mit 1455 m NN höchsten Berg des Bayerischen Waldes. Regenwolken hüllten die umliegenden Gipfel in Dunst, als wir vom Ein-Gleis-Bahnhof aus die Schwarzeckstraße unter die Wanderschuhe nahmen. Einen zugegebenermaßen eher uncoolen großen Regenschirm in Händen haltend, stapften wir angenehm flott der Schneegrenze entgegen. Zwei Einödhöfe, ihren Namen am Rande des dunklen Waldes alle Ehre machend, waren die letzten Zeichen menschlicher Siedlungen.

Oberhalb von 800 Metern ging alsbald der Regen in Schnee über und wurde der Weg mit einem Mal richtig winterlich. Ich war ganz glücklich darüber, einfach nur einer Linie auf dem GPS folgen zu müssen, denn längst nicht alle Wandermarkierungen waren sofort erkennbar und längst nicht jede Abzweigung im tiefen Schnee als solche zu lesen. Spaß machte es trotzdem, wähnten wir uns bis zum Waldwiesmarterl (1139 m) doch als einzige "Verrückte" bei diesem Wetter hier draußen.










Das Waldwiesmarterl am 12-Tausender-Wanderweg "Kaitersberg-Arber-Hochtour".



Überhaupt: Ohne meine liebe Begleitung wäre ich mit großer Wahrscheinlichkeit nie im Leben an diesen Ort gekommen. Die Möglichkeit, solche Erlebnisse unmittelbar teilen und nicht bloß in Form eines Tagebuch- bzw. Blogeintrages verarbeiten zu können, weckt(e) meine Lebensgeister und öffnet(e) die Augen für ergreifend Nahes und doch so Fernes.
"Überwiegend unbefestigte Wanderwege und -steige, auf dem Kaitersberg felsiger Steig (festes Schuhwerk und Trittsicherheit erforderlich). Zwischen Mühlriegel und Heugstatt eine beschwerliche Kammwegvariante und eine bequemere Forstwegvariante über Schareben. Zahlreiche steile Auf- und Abstiege."
Hätte ich mich im Vorhinein mal etwas mehr mit der Materie befasst. Der Kammweg auf etwa 1200 Metern Höhe ist im Winter nämlich kein Zuckerschlecken. Besagte Schutzhütte am Waldwiesmarterl diente uns 12.15 Uhr als praktischer Unterschlupf für eine verdiente Brotzeit, als plötzlich Stimmen zu uns drangen.

Drei perfekt ausgestattete Wanderer (Gamaschen, wasserdichte Hosen, Trekkingstöcke...) erkundigten sich nach dem nächsten Abzweig ins südlich gelegene Terrain. "Keine Ahnung" lautete meine ehrliche Antwort, waren wir doch froh, inmitten der Schneelandschaft unsere eigene Route nicht zu verlieren (bis jetzt zumindest). Optimistisch, den Weg zu finden, setzte die kleine Gruppe denn ihre Tour fort - und spurte dabei den Tiefschnee für uns. Erst war ich darüber unglücklich, denn Fotos mit unberührtem Schnee vor einem sind einfach schöner, doch schon nach ein paar hundert Metern änderte ich meine Meinung. Die spürbare Zeitersparnis durch Trittsiegel sowie eine markierte Wegstrecke waren nämlich viel mehr wert als ein paar Fotos für, ja, für wen eigentlich?








Eine gute Stunde lang kraxelten wir über Felsen und unter tiefhängenden Fichtenzweigen hindurch, dabei nie einen Blick ins Tal erheischend, denn die Winterlandschaft hüllte sich in dichten Dunst mit Sichtweiten von circa 60 Metern. Wir mussten eine Entscheidung treffen. Entweder den Plan durchziehen (bis zum Großen Arber) und für den Rückweg auf ein Taxi angewiesen sein (denn 16.36 Uhr fuhr der letzte Bus) oder den Plan ändern, vorzeitig ins Tal absteigen und dafür Frust, Gehetze, Stress vermeiden.







Eine erfolgreiche Fahrt per Anhalter, einen unzumutbaren Tetra Pak-Glühwein im Dorfgasthof von Lam und eine Bahnfahrt später beendeten wir den Tag 18.30 Uhr in der Sauna. Wie es sich gehört völlig ungestört...



Tag 3

Yihaaah, ich liebe es! Am Vormittag trudelten Anmeldungen für die inserierte MFG gen Heimat ein, dazu schien die Sonne und versprach gute Fotobedingungen für das Tagesziel. Pünktlich ausgecheckt, 11.35 Uhr Ankunft im Skigebiet. Die freien Parkplätze neben uns füllten sich quasi im Sekundentakt und als ich nach vielleicht zwei Minuten zum Pkw zurückrannte, um den digitalen Wanderführer zu holen, standen bereits weitere sechs Fahrzeuge nebenan. Von Dänemark über - logisch - ganz Ostdeutschland bis zu den tschechischen Nachbarn reichte die Kfz-Kennzeichen-Bandbreite. Sie alle strebten den Liften entgegen, um sich im Anschluß mehr oder weniger gekonnt zurück zum Ausgangspunkt zu schwingen. Wir strebten dem Gipfel entgegen - 416 Höhenmeter über und 3,1 Laufkilometer vor uns. Die Routenplanung erfolgte live. Im unteren Bereich mit Querung von zwei Skipisten, ab der Hälfte des Weges unter Nutzung von Wanderwegen. Man glaubt es nicht, aber hier am Großen Arber finden auf einer astreinen FIS-Piste tatsächlich seit 1976 Slalom- und Riesenslalomwettbewerbe um den Skiweltcup statt.







Wettbewerben der anderen Art dienen die zwei riesigen Kuppeln am Rande des Gipfelplateaus. Unter den Radomen versteckt sich nämlich Funktechnik für die NATO.
"Kontinuierliche Luftraumüberwachung im zugewiesenen Luftraum zur frühzeitigen Erkennung einer Bedrohung aus der Luft ist die Kernaufgabe des Einsatzführungsbereiches 1 (EFB 1). Damit wird ein unverzichtbarer Beitrag zur Gewährleistung der Unversehrtheit unseres Luftraumes, auch vor dem Hintergrund möglicher terroristischer Aktivitäten geleistet."
(Quelle: www.grosser-arber.org)
Ich mag diese heroische Überzeugung von der Richtigkeit des eigenen Handelns. Fast wie bei Kleinkindern.

Da wir keinen Herzschrittmacher tragen, durften wir den Gipfel betreten und uns von elektromagnetischer Strahlung bombardieren lassen.


Hinweisschilder auf dem Großen Arber.









Eines der zwei Radome auf dem Arber-Gipfel.


Das Skigebiet am Großen Arber.

Wer ebenfalls im Winter auf eigene Faust hier herauf wandern möchte, dem empfehlen wir unbedingt die Nutzung der Rodelpiste. Unbedingt für den schnellen Weg ins Tal, vor allem aber für einen schönen Aufstieg ohne schlechtes Gewissen, die Skifahrer beeinträchtigt zu haben.





Stairway to (skiing-)heaven.




Nach 15 Uhr treten wir unsere Heimreise an und steuern dem ersten Mitfahrer in Weiden i.d. Oberpfalz entgegen. George stammt aus Jamaika, lebt seit anderthalb Jahren in Deutschland - und spricht kein Wort deutsch. Sein Bruder hat hier geheiratet und wohnt in München, hat ihn quasi "nachgeholt". Wo George arbeitet konnten wir nur ungefähr erfahren, von einer Recyclinganlage war die Rede. Liebste Floskel des sympathischen Kerlchens war "too much", entsprechend wurde sie in jeden zweiten Satz eingebaut. Die Steuern sind "too much", die Spritkosten sind "too much", die Bürokratie ist "too much", der Winter ist "too much". Das waren so Momente, in denen ich sehr gut nachvollziehen kann, warum man sich bereits am Vormittag mit einem Joint und einer Flasche Rum am Strand niederzulassen gedenkt. Anyway, er hat den Schritt gewagt, lebt tausende Kilometer entfernt von seiner Heimat in einem fremden Land und versucht, hier Fuß zu fassen. Das verdient Respekt. Mittelfristig möchte George jedoch wieder in seine Heimat zurückkehren. Nicht nur wegen den dort unbekannten Wintern.

Die zweite MFG lasen wir bei Schleiz auf. Lukas ist Physiker und auch sonst nicht auf den Kopf gefallen; ich konnte mich prächtig mit ihm unterhalten. Wobei, der Autor dieser Zeilen bekam zu hören, seinen Gesprächspartner nie ausreden zu lassen. Ähm, danke. Dennoch vergingen die Kilometer bis in die Pleißenstadt viel zu schnell, hatten wir längst noch nicht die Aspekte der Energiewende zufriedenstellend beackert. Seis drum, wir waren wieder gesund zu Hause angekommen und tragen einen sich stetig vergrößernden gemeinsamen Erfahrungsschatz durch unser Leben. Viel mehr habe ich mir nie gewünscht. Obwohl, dieses Dinkelrisotto mit Champignons sollten wir demnächst mal...

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