Sonntag, 20. April 2014

Auge um Auge | Out of the furnace

Abschaum, purer menschlicher Abschaum zwingt den einfachen Stahlarbeiter Russell Baze (Christian Bale) dazu, sich den eigenen Werten auf ungeahnte Weise stellen zu müssen. Wir befinden uns im Nordosten der USA, im sogenannten "Rust Belt", im Fernsehen laufen Wahlkampfveranstaltungen. Hier leben die beiden Brüder Baze in einem Provinzkaff, dessen fast einzige legale Möglichkeit der ehrlichen Arbeit jene in besagtem Stahlwerk ist. Doch Rodney Baze Jr. (Casey Affleck) will nicht wie sein Bruder und ihr mittlerweile im Sterben liegender Vater in dieses Werk, dessen Tage ohnehin gezählt sind - der Globalisierung und billiger Stahlimporte aus Übersee sei Dank.

Rodney geht zur Army, in den Irak. Und kommt verändert wieder. Russell übersieht unter Alkoholeinfluss ein Auto beim Ausparken, rammt es ungebremst und tötet zwei Insassen. Im Gefängnis wird er zusammengeschlagen, hier lernt er die Regeln und Fähigkeiten, um in dieser Art Wildnis zu Überleben. Während seiner Haft stirbt der Vater - er verpasst dessen Beerdigung. Was geht in einem Menschen vor, der soviel Leid erfahren muss? Woran orientiert er sich? Was gibt ihm Halt? Was verhindert ein Durchbrennen der Sicherungen? Regisseur Scott Cooper lässt der Kamera Zeit für lange Einstellungen; nur leider nicht immer in den richtigen Szenen. Die Szene beispielsweise, als Russell nach der Haft von seinem Bruder abgeholt wird und sie gemeinsam das Grab des Vaters besuchen ist so aufwühlend, ist so symbolhaft für den ganzen Film, dass man sie nicht lang genug zeigen kann. Oder der Treff mit der (Ex-)Freundin Lena (Zoë Saldaña), ebenfalls nach Haftentlassung. Sie stehen gemeinsam auf einer Brücke im Ort, Russell und Lena, schauen sich in die Augen und wissen beide, dass es so für sie die einzige Chance auf ein Überleben in der Gegend war. Dass Lena jetzt mit dem Ortspolizisten Chief Wesley Barnes (Forest Whitaker) zusammen ist. Und doch, Lenas Geständnis, von Barnes schwanger zu sein, und die offensichtlich schwer abgerungene Freude Russells, jäh in Tränen erstickt, gehen unmittelbar ins Zuschauerherz. So muss Kino sein. Authentisch, ernsthaft, mitreißend.

Wir erleben den wirtschaftlichen Niedergang einer ganzen Gegend und ihrer Bewohner. Jeder Strohhalm wird ergriffen, um an ein wenig Geld zu kommen, die derartigen Angebote verschieben sich in den illegalen Bereich. Da werden traumatisierte Kriegsheimkehrer für brutale Straßenkämpfe missbraucht, auf ihre Wut gewettet, auf ihren Sieg hohe Summen gesetzt. Verlieren sie dann, gewinnen nur wenige. Harlan DeGroat (Woody Harrelson) ist einer dieser Gewinner unter Verlierern. Ein drogenabhängiges, eiskaltes Arschloch ohne eine Spur von Skrupel. Rodney gerät in dessen Dunstkreis, obwohl es der ansonsten nicht sehr rechtschaffende John Petty (Willem Dafoe) zu verhindern sucht. In manchen Arschlöchern steckt halt doch ein guter Mensch. Ein letzter Kampf soll Wettschulden begleichen, einen letzten Kampf will der kleine Bruder noch machen. Es wird in der Tat sein letzter Kampf.

Viel Zeit vergeht, die Kamera begleitet Russell ins Stahlwerk, bei der Renovierung des väterlichen Hauses, bei den Besuchen auf der Polizeiwache. Nichts. Keine Fahndungserfolge. Keine Täter.

Man erinnert sich an den Begriff der Bruderliebe und an die Einstellungen zu Beginn der Geschichte. Der große half dem kleinen Bruder trotz schmalen Budgets finanziell so gut er konnte, er hielt ihn aus Schwierigkeiten raus so gut er konnte, er liebte ihn so gut er konnte. Jetzt ist der kleine tot. Jetzt ist der Job des großen weg. Jetzt sind er und sein Onkel die einzigen Verbliebenen der Familie in dieser ansonsten gottverlassenen Gegend. Zeiten der Unsicherheit, der Vakanz sind es, die uns dazu bringen können, völlig neue Wege einzuschlagen. Russell sticht ins Wespennest und will an die Königin gelangen. Das gelingt auf leider allzu simple Weise. Doch hier sei dem Regisseur verziehen, setzt dieser doch einen besonderen Fokus auf die Psyche seiner Hauptdarsteller. DeGroats Psyche folgt trotz aller Anarchie im äußeren Umfeld klaren Prinzipien. Insofern finden hier am Filmende zwei - so unterschiedlich sie auch leben - auf unheimliche Art und Weise füreinander Verständnis aufbringende Männer auf einem verfallenen Fabrikgelände zueinander. Beide sind geborene Jäger. Doch während der eine jedes Wild ohne zu zögern erlegt, versucht der andere nur dann zu Jagen, wenn es unausweichlich ist. Man sagt, unsere wahre Natur lernen wir erst in Extremsituationen kennen. Nun, Russell Baze' Leben ist eine permanente Extremsituation, deren logische Fortsetzung dieser Showdown ist. Wir sollten uns den eigenen Gefühlen stellen. Und wir sollten sie hinterfragen. Wir müssen uns an Werten orientieren, damit wir nicht im Abschaum untergehen.

Auge um Auge (Original: Out of the furnace) lohnt einen Besuch im Programmkino. Seiner großartigen Darsteller, seiner Geschichte und seiner herzzerreißenden Szenen wegen.

Auge um Auge | Out of the furnace

Keine Kommentare: