Mittwoch, 28. Januar 2015

The Imitation Game

Bletchley Park im Bezirk Milton Keynes, 55 Zugminuten nordwestlich von London gelegen, war im Zweiten Weltkrieg das Zentrum der britischen Kryptoanalytiker. Sie sollten dort den deutschen Funkverkehr knacken und den Kriegsverlauf zugunsten der Alliierten beeinflussen.

1939 bewirbt sich der 27-jährige Alan Turing (Benedict Cumberbatch) bei der "Governement Code and Cypher School" (GC&CS), mit dem Ziel, "Enigma" zu entschlüsseln. Dem Zuschauer wird der Protagonist hier anfangs als sehr selbstsicher und mit autistischen Zügen ausgestattet vorgestellt, gewissermaßen als ein Mensch, den man in kein Büro sperren muss, um eine Aufgabe erledigt zu bekommen. Im Gegenteil: Turing brennt seit seiner Jugend für Rätsel und dieses hier "ist derzeit das wichtigste unserer Zeit."

Ja, ich habe mich auf diesen Film gefreut. Ein bedeutender Informatiker, Mathematiker, Visionär und historisch bedeutsame Person gleichermaßen wird porträtiert. Ansehen! Wie nähert man sich einem solchen Sujet, welche Lebensstationen werden wie ausgewählt, welches Bild soll beim Zuschauer hängen bleiben?

Das Drehbuch von Graham Moore wählt eine nicht chronologische Erzählweise, versucht den Menschen Turing und sein Verhalten besser verständlich zu machen, indem sowohl die letzten Lebensjahre als auch seine Schulzeit in Dorset mit der Kernhandlung des Films - der Arbeit an der Entschlüsselung von Enigma - verwoben werden.

Dieser an und für sich gute Ansatz scheitert leider an der arg demonstrativen Szenenwahl und einmal mehr am mainstreamtauglichen Plot (inkl. der kurzen Filmlänge von 113 Minuten). Immerhin verkörpert der großartige Alex Lawther das wegen seiner Intelligenz und Introvertiertheit an der Sherborne School gehänselte junge Genie fabelhaft. Der Tod des engen Schulfreundes Christopher Morcom ist authentisch, ebenso die Traumatisierung Turings infolgedessen. Leider wird all das so schnell und ohne jeden Platz für eingehende Charakterstudien "abgearbeitet", dass ich mich im Vorschulkino wähnte. Der Satz des Freundes Christopher, auf einer Wiese in Dorset zu Alan gesagt, steht symbolhaft für die Eindimensionalität der Personen: "Manchmal sind es die Menschen, von denen man es sich am wenigsten vorstellen kann, die etwas leisten, das unvorstellbar ist." Bah, Leute, also bitte!

Teambuilding mit Äpfeln

Bis 1973 war Bletchley Park als Top Secret eingestuft. Hier arbeiteten Hunderte Experten verschiedener Wissenschaftsgebiete zwischen 1939 und 1945 an der Dechiffrierung deutscher Systeme wie Enigma und der Lorenz-Maschine, u.a. Alan Turing. Doch der Film stellt ihn als den alleinigen Codeknacker dar, verschweigt so gänzlich die wichtigen Vorarbeiten des polnischen Mathematikers Marian Rejewski. Letzterem war es nämlich bereits vor 1939 gelungen, auf Basis eines zivil vertriebenen Enigma-Modells (Modell D) und herausragender mathematischer Kenntnisse, die Verdrahtungsreihenfolge des militärischen Enigma-Modells (Modell I) zu erschließen.

Der Leiter der "Hut 8" wird dem Zuschauer indes als typischer Nerd präsentiert - wirklichkeitsfremd, nur auf seine Arbeit fixiert, stets logisch argumentierend, keinen Witz verstehend. Seine Vorgesetzten zeigt der Streifen als kaum mit der Materie vertraute Bürokraten. Doch das stimmt so nicht.

"In reality, Turing was an entirely willing participant in a collective enterprise that featured a host of other outstanding intellects who happily coexisted to extraordinary effect. The actual Denniston, for example, was an experienced cryptanalyst and was among those who, in 1939, debriefed the three Polish experts who had already spent years figuring out how to attack the Enigma, the state-of-the-art cipher machine the German military used for virtually all of their communications. It was their work that provided the template for the machines Turing would later create to revolutionize the British signals intelligence effort. So Turing and his colleagues were encouraged in their work by a military leadership that actually had a pretty sound understanding of cryptological principles and operational security. As Copeland notes, the Nazis would have never allowed a bunch of frivolous eggheads to engage in such highly sensitive work, and they suffered the consequences. The film misses this entirely."
(Christian Caryl)

Und dann noch Keira Knightley. In der Rolle der Joan Clarke (ab 1944 die stellvertretende Leiterin der "Hut 8") arbeitet sie gemeinsam mit Turing an der Entschlüsselung von Funksprüchen der deutschen Kriegsmarine, insbesondere zum deutschen U-Boot-Verkehr im Atlantik. Sie tritt in den Filmplot als verspätete Kandidatin für einen Einstellungstest der britischen Regierung, bei dem es um die Rekrutierung weiterer Kryptographie-Talente geht. Clarke wurde historisch verbrieft nicht von Turing für den GC&CS angeworben, die platonische Beziehung der beiden beruht derweil auf Tatsachen. Hier wird auch erstmalig der Nerd-Mantel ein wenig gelüftet und die durchaus zu zwischenmenschlichen Regungen befähigte Natur des zentralen Charakters offenbar. Man muss es als kleine Revolution ansehen, dass eine Frau zu damaliger Zeit mit derart geheimen Projekten in Berührung kam. Dass Großbritannien diesbezüglich den Deutschen trotzdem nicht voraus war, zeigt die Nebenszene bei Clarkes Eltern. Die drängen sie - mit Mitte 20 im besten Heiratsalter - zu einer schnellen Verlobung, andernfalls soll sie wieder zu den Eltern ziehen. Damit sie bleiben kann, beginnt der homosexuelle Turing eine platonische Affäre mit Clarke, verschweigt seine Homosexualität aber gegenüber den anderen Kollegen.

Turings Biographen beschreiben ihn als Menschen, der Andere mitreißen konnte und insbesondere zu Kindern einen guten Draht hatte. Obendrein pflegte er zu ihm sympathischen Menschen eine freundschaftliche Beziehung. Dass die Auflösung der platonischen Verlobung deshalb tatsächlich so barsch erfolgte wie hier gezeigt, ist schwer vorstellbar.

"Das war die leichte Aufgabe"

Nachdem die Turing-Welchman-Bombe funktionierte und die deutschen Botschaften abgehört werden konnten, öffnet der Film dem Zuschauer die Augen für die konkrete Tragweite dieses Erfolges.

[Die erste voll betriebsfähige Turing-Welchman-Bombe wurde ab August 1940 eingesetzt. Eine Entschlüsselung dauerte etwa 15 Minuten - ein Wert, den man später durch Erhöhung der Drehzahl der Trommeln auf etwa sechs Minuten drücken konnte.]

Denn ab jetzt musste man gegenüber den Deutschen das Wissen über ihre nächsten Schritte verschleiern. So konnte man beispielsweise keinen Bomberverband zu einem deutschen U-Boot-Konvoi dirigieren, weil die Deutschen dann sofort den Braten gerochen hätten. Stattdessen wurde mit Vorliegen der deutschen Funksprüche Tag für Tag auf Basis statistischer Berechnungen entschieden, welche Schritte der Alliierten bei den Deutschen keinen Verdacht wecken. Das muss man sich vorstellen! Da sitzen Menschen am Rechentisch und entscheiden anhand von Wahrscheinlichkeitswerten, wer beim nächsten Angriff Unterstützung erhält und wer nicht. Eine perverse Arbeit. Leider gab es zur Beeinflussung des Kriegsgeschehens keine effektivere Alternative. Exemplarisch wird die extreme moralische Herausforderung an einem Mitglied aus Turings Team dargestellt, dessen Onkel auf einem Versorgungsschiff leitender Offizier ist. Der dazugehörige Verband wird von den Nazis in Kürze versenkt. Man hätte diesen Mann retten können - nur zu welchem Preis?

Weitergegeben haben die Briten keine geheimen Enigma-Informationen an die Sowjets. Das tat der Spion John Cairncross (Allen Leech), welcher für den MI6 mit in Bletchley Park arbeitete. Der Film stellt es aber so dar, dass der MI6 Cairncross bewusst anheuerte, weil es "gut ist, wenn die Sowjets ein paar hilfreiche Informationen erhalten." (Mark Strong als Stewart Menzies)

Das entspricht ebenso wenig der Wahrheit (Cairncross wurde erst 1951 enttarnt) wie die propagierte Geschichte, das Wissen um Alan Turings Homosexualität hätte Cairncross als Druckmittel gegen seine eigene Enttarnung eingesetzt. Damit unterstellen die Macher Turing nicht weniger als die Deckung eines Spions, was gleichbedeutend mit Landesverrat ist. Schwachsinn!

[Die Entschlüsselung der Enigma rettete geschätzten 14 Millionen Menschen das Leben und verkürzte den Krieg um zwei Jahre.]

An apple a day, keeps the oestrogen away

1952 verurteilte der englische Staat, zu dessen Verteidigung der Mann maßgeblich beigetragen hat, Turing wegen seiner Homosexualität. Er hatte die Wahl zwischen Zuchthaus und Hormontherapie und entschied sich aus Gründen der Arbeit an seinen Projekten für die zwangsweise Gabe weiblicher Sexualhormone.

Der Film datiert nicht nur Turings Verurteilung um auf 1951, er macht obendrein den Fehler, einen Wohnungseinbruch mit Ermittlungen zum Spionageverdacht gegen ihn in Verbindung zu bringen. Tatsächlich brach ein Freund seines damaligen "Partners" Arnold Murray in das Haus ein, woraufhin Turing Anzeige erstattete und die Fakten geschickt manipulierte, um keinen Verdacht bezüglich seiner sexuellen Orientierung zu wecken. Geholfen hat es leider nichts.

Im Abspann heißt es: "Nach einem Jahr verordneter Hormontherapie, beging Alan Turing 1954 Selbstmord." Die Hormontherapie dauerte von 1952 bis 1953 - endete folglich ein Jahr vor Turings Tod am 7. Juni 1954.

Gewiss war diese Demütigung durch den englischen Staat erbärmlich - genauso wie für alle anderen davon Betroffenen!!! - und gewiss litt Turing stark unter den körperlichen Beeinträchtigungen der Hormone. Ihm wuchsen Brüste, eine Depression entwickelte sich, vom ehemals erfolgreichen Marathonläufer blieb nicht mehr viel übrig als ein matter Schatten im Pyjama. In der letzten Szene kommt Joan Clarke aus Schottland zu Besuch nach Cambridge. Sie bringt den gleichen Poesie-Spruch, den schon Christopher brachte: "Manchmal sind es die Menschen, von denen man es sich am wenigsten vorstellen kann, die etwas leisten, das unvorstellbar ist." Die gekünstelte Wirkung ist dieselbe.

Da schimmert er wieder durch, dieser stereotype Blick auf die "Schwulen". Schwach, verletzlich, abgeschottet sollen sie sein, hilfsbedürftig und irgendwie nicht so richtig lebensfähig. Dass Turing ein lebhafter, starker und durchsetzungsfähiger Mann war, wird (bewusst?) verschwiegen. Schade.

Mit einem letzten Blick auf seinen Computer (von den Autoren mit dem frei erfundenen Namen "Christopher" tituliert) schaltet Turing das Licht im Zimmer aus und verschwindet in der Dunkelheit. Ein zwiespältiger Kinostreifen geht zu Ende, der das Potenzial der Geschichte nicht annähernd auszureizen versteht und mit Falschaussagen obendrein unnötig das Bild eines beeindruckenden Mannes ins Plakative verzerrt. Der Zuschauer weiß nach dem Verlassen des Kinosessels nicht, ob er hier einen Menschen kennengelernt hat oder einer Fiktion aufgesessen ist. Dieser Turing-Test endet ohne Ergebnis.

PS: Im Jahr 2009 bedauerte der damalige britische Premier Gordon Brown Alan Turings Verfolgung aus sexuellen Motiven und würdigte posthum dessen Arbeiten zur Beeinflussung des Kriegsausgangs. Am 24. Dezember 2013 wurde Turing dann endlich durch ein besonderes Gnadenrecht des Königshauses, ein sogenanntes Royal Pardon, begnadigt.

PPS: Turings Computer und was daraus wird.

The Imitation Game

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