Samstag, 28. März 2015

200k Freestyle

Nach dem 8. März verbrachte ich heute wieder über 7 Stunden auf dem Rennrad, denn der Audax Sachsen startete offiziell in die neue Brevet-Saison. Beginnend mit 200 km im März steigert sich die Tourenlänge fortan monatlich über 300 km im April und 400 km im Mai bis auf 600 km im Juni.

Termine Audax Sachsen 2015
Unser 600er-Brevet anno 2011

Seit ich mit K. zusammen bin, ist meine Motivation zu Sport allgemein und zu Wettkampfsport im Speziellen zurückgekehrt. Ich freue mich auf Trainingseinheiten, ich suche seltener nach Rechtfertigungen für die Teilnahme an derartigen Veranstaltungen; ich will einfach besser werden und mich mit anderen messen. Man kann nicht ewig vor sich selbst davonlaufen.

Ab 5.45 Uhr wird...

...sich nicht mehr in die Federn gekuschelt, stattdessen der Wecker ausgeschaltet und der Weg in die Küche angetreten. Die Anreise zum Startort Bennewitz misst auf neu geplanter Route 40 km, ruhige 75 Minuten dürften zur Erwärmung ausreichen. Das Thermometer verharrt träge bei 5 °C, der Himmel zeigt leichte Auflockerungen, doch die Sonne kann man nur erahnen, während sich die gestern neu aufgezogenen Contis mit dem Asphalt des Leipziger Südraums anfreunden und aus dem MP3-Player das Hörspiel "Der Schwarm" den Fahrer gedanklich zu Neuronencomputern und manipulierten Tieren befördert. Meine Zehen warten auf die "Erwärmung" vergeblich, ihnen zuliebe hätte man die Neopren-Überschuhe ruhig aus dem Schrank holen können.

8.04 Uhr wird mein Rad an das Geländer vor der Sporthalle gelehnt, werden die zahlreichen Bikes der heute wieder über 50 Teilnehmer begutachtet. Wilde Mischungen sind das, vom Highend-Carbonrenner über das Trekkingrad mit Rohloffnabe bis zum klassischen Randonneur, bestehend aus Stahlrahmen und baumelnder Stofftasche unter dem Sattel. Typischerweise tragen die Fahrer letztgenannter Drahtesel Trikots, die mit ihrem P-B-P-Logo in etwa sagen: "Hey, Kleiner, es zählt der Wille, nicht deine lächerliche Carbonfelge." Ihr wissendes Lächeln zeugt von großer Erfahrung. Denen macht schon lange niemand mehr etwas vor, weder auf der Straße, noch abseits derselben.



Das Bike von Olaf "die Wade" Hilgers.

Ein typischer Randonneur (mit Gepäck für 600 km).

Ein hochmoderner Randonneur.


Ich bin heute hier, um D. ein Stück zu begleiten. Für ihn sind 200 km eine Herausforderung, insofern versuche ich psychischen Beistand zu leisten - und Windschatten. :-)

Außerdem starten zwei weitere Freunde in die Brevetsaison, wie gewohnt mit vollständigen Anmeldeunterlagen und gelben Kontrollkarten im Gepäck. Ein Brevet, zu deutsch "Prüfung", sieht die Zurücklegung einer definierten (Marathon)Radstrecke mit einem Bruttoschnitt von mindestens 15 km/h auf öffentlichen, nicht abgesperrten Straßen vor. Unterwegs müssen an vom Organisator festgelegten Checkpoints Stempel gesammelt und Zwischenzeiten notiert werden. Meist sind es Tankstellen oder Discounter, von denen der Teilnehmer seine Beglaubigungen erhält. Sind die Stempelkarten voll, werden sie gesammelt und später als Beweis der "Tauglichkeit" nach Paris gesandt, denn nicht wenige wollen heuer wieder an Paris-Brest-Paris teilnehmen, der Sehnsuchtsveranstaltung jedes echten Randonneurs: 1.200 km durch Frankreich, organisiert vom Audax Club Parisien im Vierjahresrhythmus.

Der Autor am Gaudlitzberg.
Der Start erfolgt pünktlich 8.30 Uhr, ich packe hastig meine Kamera in den Rucksack und setze 8.31 Uhr der ersten Startwelle hinterher. Nach 5 Minuten frage ich mich, warum da kein Rennradfahrer vor mir zu sehen ist? Ich habe eine 35 angeschlagen, man muss jetzt andere sehen! Okay, rechts ran, mal schnell auf die Zettel gucken. Diesmal hatte ich nämlich keinen Track im Vorfeld erhalten, mich stattdessen blind darauf verlassen, im Feld mit D. mitschwimmen zu können. Falsch gedacht. Man ist in Gegenrichtung unterwegs, nach Torgau. Toll! Wenden, Volllast, durch Wurzen, am Basaltbruch vorbei, weiter nach Lüptitz. In Kleinzschepa schließlich habe ich D. eingeholt, jetzt sind auch die Füße wieder warm. Wir sammeln in den Hohburger Bergen die ersten Höhenmeter, gleich hinter dem Waldstück befindet sich der Gaudlitzberg.

Ich hab dich :-).

Der Kurs weist nach Norden, durch die 5.000 EW-Gemeinde Mockrehna mit einem markanten Detail an ihrer Kirche (im Gebälk des Turmes steckt seit dem 18. Jh. das angebliche Beil der Sagengestalt "Pumphut"), das NSG Presseler Heidewald- und Moorgebiet und Dommitzsch bis zur ersten Elbquerung hinüber nach Prettin bei Brevetkilometer 46. Man steht als Dokumentator immer unter Stress, ständig läuft man Gefahr, Details zu verpassen, zu viele Dinge laufen gleichzeitig an getrennten Orten ab. Daher ist es sinnvoll, sich die wahren Meister dieses Genres der Fotografie zum Vorbild zu nehmen und danach zu streben, mit wenigen, dafür umso aussagekräftigeren Bildern die Essenz der jeweiligen Situation zu extrahieren. Ich bin weit von einer Meisterschaft entfernt, habe jedoch schon gelernt, dass nicht der Füllgrad des Speicherchips entscheidend für eine gute Reportage ist. Nein, entscheidend ist die Offenlegung des Kerns der Geschichte.

Fährmann hol über

Zweimal werden wir heute die Räder auf schwimmenden Untersätzen über den größten Fluss Sachsens transportieren, einmal die Fähre nur knapp verpassen.

Die Elbfähre bei Prettin.

Achtung, Rutschgefahr!
 
Wo ist der Fehler?



Das Jahresziel der Randonneure: P-B-P.


Sattel...koffer. :-).


In Ostelbien, einer historisch verbürgten Landschafts- und Regionenbeschreibung radeln wir nunmehr zu fünft (vier Männer, ein Mädel) Richtung Südosten. Im kleinen Ort Großtreben-Zwethau werde ich auf den ältesten vollständig erhaltenen Ringofen Deutschlands aufmerksam gemacht. Von 1861 bis 1865 erbaut, ist dieser Hoffmannsche Ringofen gewissermaßen der steinerne Beleg für die Effizienz der Handwerkskunst im frühen 19. Jh. Infolge der frequentiellen Nutzung mehrerer miteinander in Verbindung stehender Brennkammern wurde die Hitze des Feuers nicht nur für den eigentlichen Brennvorgang genutzt, sondern u.a. gleichzeitig die Abwärme fertiger Ziegel in den Produktionszyklus eingebunden (Erwärmung der Zuluft -> schnellere Abkühlung der gebrannten Ziegel -> Trocknung der Rohlinge). Das Ergebnis waren eine bis dato unerreicht gleichbleibend hohe Qualität der fertigen Ziegel, hohe Produktionszahlen sowie eine boomende Ziegelindustrie.



Das ehemalige KZ Lichtenburg in Prettin.

Immer wieder passieren wir Windmühlen, immer wieder neu verlieben wir uns in die frisch asphaltierten Straßen, denen zum Glück größtenteils der alte Obstbestand erhalten geblieben ist. Es geht also doch! Meine Form ist gut, wenngleich ich innerlich schon Probleme habe, zu verstehen, wie meine Mitfahrer mit "5 Kilometern Arbeitsweg am Tag" derartig schnell unterwegs sein können. Zumal der eine noch eben eine Zigarette durchgezogen hat?! Hm, entweder Naturtalente oder in 50 Kilometern breit. Heute werde ich das nicht überprüfen können, denn schon bald nach der Rolandstadt Belgern verlasse ich die offizielle Strecke, um mit einer hügeligen Nord-Süd-Durchfahrung der Dahlener Heide meinen Heimweg anzutreten. In Grimma wollen vor 16 Uhr die Startunterlagen für unseren ersten gemeinsamen Halbmarathon am Folgetag abgeholt sein und zu Hause wartet noch Arbeit im Grundstück auf mich.

Die Elbfähre bei Belgern.

Die Meute ist schon drüben...


...und diese muss jetzt warten. Ätsch.

Der Roland zu Belgern - mit goldenen Kronjuwelen.

So klingt gegen 15 Uhr nach exakt 202,7 km in 7:25 h ein erlebnisreicher Samstag mit der Hoffnung aus, beim Muldentaler Städtelauf am Folgetag keine allzu schweren Beine zu haben.


Audax Sachsen
Paris-Brest-Paris

Die Strecke

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