Mittwoch, 25. März 2015

Von einer die will, aber nicht mehr kann

Es ist Sonntagabend und ich mache mich auf zum Bahnhof. Neben dem Fahrkartenentwerter werde ich von einer Frau Mitte 50 angesprochen, wohin meine Reise gehen soll und ob ich vielleicht gegen ein kleines Entgelt gemeinsam mit ihrer Abo-Karte reisen möchte. Ich will, die eigenen Versuche, bisweilen noch gültige Tickets an den Mann/die Frau zu bringen, sofort präsent. Wir nehmen im Fahrradabteil Platz, denn wie meiner, so hat auch ihr Lastesel zwei Packtaschen zu bieten. Schon am Bahnsteig fiel mir auf, dass sie für die aktuellen Temperaturen (ca. 8 °C) sehr warm angezogen ist. Jetzt im Zug legt sie die dicke schwarze Winterjacke nicht ab, auch den Schal - bis auf Ohrenhöhe geschlungen - behält sie an.

Ich bin neugierig und in Anbetracht der temporären Verbundenheit gespannt auf das Gespräch mit Hansi. Früher berufstätig als Optikerin, konnte sie mit fortschreitender Arthrose den Job schließlich nicht mehr machen; denn im Hinterzimmer sitzen und Glasrohlinge an Brillenfassungen anpassen mag vor Jahrzehnten den Hauptteil der Arbeit im Geschäft ausgemacht haben, heute jedoch gehört noch wesentlich zeitintensiver das Kundengespräch, verbunden mit "stundenlangem Stehen im Laden vor den Brillenauslagen", unweigerlich zur Berufsbeschreibung. Das Versagen der Gelenke war nicht die alleinige Ursache für den Verlust der Selbständigkeit, hinzu kamen ein Schwinden der Sehkraft, Schwindelgefühle und Konzentrationsschwächen. Die Frühverrentung als einzige Alternative? Ein Ausweis mit einer Prozentzahl drauf und viel Zeit bestimmten plötzlich den Alltag von Hansi. In Sachsen-Anhalt, ihrer Heimat, beträgt die Beschäftigungsquote für Schwerbehinderte 3,8 %, im Bundesdurchschnitt liegt sie bei 4,6 %.

Sie ist kulturell interessiert, ziemlich fix im Kopf und noch immer neugierig. Wie aber reisen, wenn das Geld ständig knapp ist und sich als unmittelbare Folge dessen die Mobilität auf den heimischen Tarifverbund des Regionalverkehrs beschränkt? Die Antwort lautet: Mit Genügsamkeit, Fahrrad und Optimismus. So hatte sie an diesem Sonntag die Seen im Süden von Leipzig erkundet, nur zwei und maximal im zweiten Gang, weil "die Knie sonst zu sehr schmerzen", trotzdem war sie körperlich aktiv.

Das Gespräch wird schnell sehr privat, ich berichte aus meinem Leben, von meiner Arbeit, meinen Wünschen. "Ziele?", fragt Hansi plötzlich. Äh, so einige, allerdings weiß ich nicht, ob diese "Ziele" tatsächlich sinnvoll sind, bzw., besser, ob deren Legitimation meinen strengen Prüfkriterien standhält. Sie schaut mich an und sagt: "Wenn ich könnte, würde ich jeden Tag Sport machen, mich so richtig verausgaben. Ich möchte so gern, allein der Körper ist nicht mehr dazu in der Lage." Mein Blick schweift über unsere Räder zum Fenster, die Kleinstädte ziehen vorbei, die Sonne wird in 40 Minuten untergehen, ich denke über ihre Worte nach.

Ja, wenn ich könnte, würde ich jeden Tag Sport machen, ... lernen, ... bereisen, ... bauen. Ich kann. Was also hindert mich?!

PS:

Liebe Hansi,

ich wünsche dir von Herzen, dass du noch viele Radtouren unternehmen kannst. In diesem Jahr und in den folgenden. Wir sehen uns wieder, das sagt zumindest meine innere Stimme.

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