Sonntag, 19. April 2015

39. Stadtwerke Leipzig Marathon - ein Erlaufungsbericht

  • 9.057 Starter auf Strecken zwischen 4 km und 42 km,
  • 2.827 Anmeldungen für den Halbmarathon,
  • 772 Anmeldungen für den Marathon,
  • 531 Männer und 86 Frauen erreichen das Ziel auf der längsten Distanz,
  • Sieger wird ein Äthiopier aus Leipzigs Partnerstadt Addis Abeba in 2:21:53 h,
  • Siegerin eine Deutsche aus Leipzig in 2:57:35 h.

Fünf Jahre ist es her, dass ich selbst erstmalig im Startbereich dieser Veranstaltung Aufstellung bezog, vier Jahre liegen jene Eindrücke schon wieder zurück.

In der Zwischenzeit ist abseits der Laufstrecke viel passiert, u.a. ein Ereignis in dessen Folge sich meine Sicht auf verschiedene Lebensbereiche verändert hat. Unsere Zeit ist begrenzt, wir müssen mit der eigenen Persönlichkeit Frieden schließen, mit ihr zusammenarbeiten, sie respektieren. Wir müssen unsere Ziele klar benennen und dafür aktiv eintreten. Was ich will? Nun, dieser Blog ist ein großes Puzzlespiel. In unregelmäßigen Abständen erscheint ein neues Stück, das zu einem der vorherigen passt. Irgendwann bilden diese Teile ein großes Ganzes, das sich das Leben des Autors nennt.

Vor den Läufern starten die Inlineskater.


Livemusik an vielen Stellen neben der Laufstrecke.


Nach der Teilnahme am Muldentaler Städtelauf und dem 10 km-Test in Dahlen fühlte ich mich bereit, mindestens meine persönliche Bestzeit aus 2009 zu bestätigen (noch heute habe ich keine Ahnung, wie das damals ohne Training gelingen konnte).

Jonny, ich folge dir ... ein kurzes Stück

Zeitläufer helfen dabei, Ziele zu erreichen. Sie geben Unerfahrenen Orientierung hinsichtlich der richtigen Tempogestaltung, sie lenken durch lockeres Plaudern ab. Ich stelle mich erneut am Schild für die 2:59 h auf, zwei Pacemaker (einer als Backup) scharen mindestens 20 ambitionierte Läufer (keine Frau) um sich, sie tragen weiße Shirts mit grünem Aufdruck der Wunschzeit ihrer braven Gefolgschaft. Man ist hier der Startlinie sehr nah, sieht die Favoriten unmittelbar vor einem stehen und auf den "erlösenden" Schuss warten. Ich weiß nicht recht, ob es 10.01 Uhr für mich ebenfalls eine Erlösung darstellt, als wir Am Sportforum starten und an der Marschnerstraße nach links abbiegen, trotzdem will ich solange wie möglich Teil dieser illustren Gruppe bleiben. Wer weniger als 3 Stunden für einen Marathon benötigt ist entweder ein Trainingsfetischist, ein begnadetes Naturtalent oder beides. Aus der Grundlagenausdauer heraus können viele einen Marathon finishen, doch erst gezieltes Training befördert dich vom 95 %-Club in den 5 %-Club.



Tekalegn Tebelu Abebe aus Leipzigs Partnerstadt Addis Abeba siegt später in 2:21:53 h.


Synchron...

Juliane Meyer gewinnt die Damenwertung nach 2:57:35 h.

Hier...

...nähert sich der Autor...

...im Pulk der 2:59 h-Pacemaker...

...dem persönlichen Streckenfotografen. VIELEN DANK DAFÜR!

Warum ich dabei sein will? Weil man sein Potenzial ausschöpfen sollte. In möglichst allen Bereichen.

Im Vorfeld erhielten die Freunde Kenntnis von meiner Teilnahme; ich freue mich darauf, einige von ihnen am Straßenrand zu sehen. Auf Höhe des Völkerschlachtdenkmals bei Kilometer 7 entstehen die ersten Aufnahmen, der Autor bemerkt davon nichts. Na ja, beschäftigen tut mich jetzt eh etwas anderes: Die am Morgen angebrachten Kinesiotapes baumeln locker unterhalb meines linken Knies. Nach dem HM hatte ich dort leichte Schmerzen und deshalb heute die Befürchtung, das Problem könnte sich erneut einstellen. Glücklicherweise tut es das nicht, dafür wird es andere, blutige geben.

Robert Hayler (AK 75), ältester Starter im Feld, wird nach 5:05:19 h finishen.

Bei Kilometer 10 (42:13 min) biegt man nach rechts auf die Zwickauer Straße ab, folgt ihr bis zur Semmelweisstraße. Die Wasserstelle bei Kilometer 13 - ich denke, ich bin im falschen Film! -, die Wasserstelle bei Kilometer 13 wird von der Bundeswehr betreut! Uniformierte reichen in Kampfmontur und Einweghandschuhen Wasserbecher, das "Karriere-Mobil" dieses Vereins beschließt die bizarre Szenerie, aus den Boxen dröhnt "Atemlos" von Helene Fischer. Fehlt nur noch "Wuschi" (Harald Schmidt) in Lederjacke, lässig aus einer tieffliegenden Transall winkend. Andererseits: Womöglich ist das Gefährt der Truppe auch bloß hier an der Brücke kollabiert und man wollte sich ein wenig nützlich machen. Nützlicher als Afghanistan ist das allemal.

Als wir nach Kilometer 15 auf den Schleußiger Weg einbiegen wiederholt sich das Prozedere aus 2010:

"[...] links weiter auf den Schleußiger Weg. Ich bin jetzt leider allein unterwegs, denn an der vorangegangenen Getränkestelle wollte ich nicht wieder die Hälfte verschütten und stattdessen auch mal einen kompletten Becherinhalt in den Magen befördern, habe aber noch Sichtkontakt. Sowas macht man doch nicht Christian, es sei denn, du willst sprinten, um Anschluss halten zu können. Will ich nicht."
(2010)

Diesmal beende ich die erste Runde nach 1:30:41 h - die Schritte werden unaufhaltsam schwerfälliger. Das ist die gerechte Strafe für all jene, denen Läufe über 20 Kilometer im Vorfeld schlicht zu langweilig sind. Die Pace bricht massiv ein, man bewegt sich nur noch im Joggingtempo vorwärts. Meine Freundin wird mir zwei Tage nach diesem Lauf lächelnd ihre min/km des Halbmarathons unter die Nase reiben und dabei darauf hinweisen, dass i c h zwischen Start und Ziel sukzessive über eine Minute mehr für den Kilometer benötigte. Ja, ja...



Verwundet

155 von 772 geben vorzeitig auf, ich sehe in Rettungsdecken Gehüllte auf dem Gehweg liegen, ich sehe Laufende, ich bin allein. Die zweite Runde mutet zwischenzeitlich an, als ob man hier entweder souverän führt oder souverän lost. Keine Mitläufer weit und breit, sporadische Anfeuerungen am Wegesrand. Es ist für meinen Geschmack ziemlich warm (15 °C im Schatten) und ich beschließe, an jeder (an fast jeder!) Wasserstelle einen halben Becher zu nehmen. Das Gel meiner Supporterin und Startplatzsponsorin wird zuerst runtergespült, zuvor hatte ich meine Packung Dextro vom Hauptsponsor trocken verschlungen. Kann man machen, muss man aber nicht. A. steht mit seiner Kamera erneut am Völkerschlachtdenkmal - ich wirke wenig enthusiastisch. ;-) Vielen Dank für deine Aufnahmen! Die definitiv beste Streckenparty findet in Marienbrunn an der Probstheidaer Straße statt: Kids stehen Spalier, um die Läuferinnen und Läufer abzuklatschen; eine kühle Dusche aus dem Wasserschlauch sorgt aus luftiger Höhe für Erfrischung; Livemoderation; Musik; ein Heer von Zuschauern; Motivationssprüche aus Kreide auf der Straße. Coole Sache!

"Was jetzt an der Fanmeile Marienbrunn abgeht, ist unbegreiflich. Ich glaube, wir Sachsen sind Partylöwen. Mir fällt da eigentlich nur ein Vergleich ein: Berlin-Marathon, Kilometer 28, Wilder Eber. [...] Noch eine Frage stellt sich: Was für Drogen nehmen eigentlich die Leipziger? Dass sie heute in solch großer Anzahl an der Strecke vertreten sind, mag sicher auch am Wetter liegen. Aber wie sind die denn drauf? Noch nie habe ich so oft meinen Namen vom Streckenrand her gehört. Ja, der steht auf der Startnummer, aber das tut er woanders auch. Immer wieder höre ich Günter, Günter lauf, Günter du schaffst es. Ich habe aber auch einen schönen Namen!"
(Günter Schmidt)


Wie locker flockig...

...sieht das...

...beileibe nicht aus.

Als ich von der Richard-Lehmann- auf die August-Bebel-Straße abbiege fällt mein Blick auf den rechten vorderen Schuh. Der Stoff hat sich rötlich gefärbt, eine Blutblase muss sich gebildet und entleert haben. Das schmerzt, keine Frage, fast größer sind die Beschwerden jedoch in der rechten Leistengegend. Drei Stufen mit einmal nehmen? Aktuell unmöglich. 11 Kilometer stehen mir noch bevor; 11 Kilometer, auf denen ich von einigen Gruppen überholt werde; 11 Kilometer, die richtig schwer fallen; 11 Kilometer, die kein Ende nehmen wollen; 11 Kilometer, von denen ich den letzten nicht allein laufen muss, denn M. joggt nebenher.




Heuer bleibt die Uhr bei 3:23:40 h stehen (Platz 93 Gesamt, Platz 17 AK). Zufrieden? Ja.

"Das Massagezelt ist überaus winzig - wenn man den mir bekannten Guts-Muths-Rennsteiglauf zum Vorbild nimmt - mit 6 Liegen bei einer aus 3 Leuten bestehenden Warteschlange aber scheinbar doch ausreichend bestückt."
(2010)

(Leider sind nur vier Liegen da für gegen 13.50 Uhr sechs Wartende.)

"Kurze Zeit später vermisse ich das Beißholz an der Liege, denn, auf dem Bauch liegend, ahmt mein Kopf die Bewegungen eines Blinkers nach, an dessen zugehörigem Haken gerade angebissen wurde. Auuuuuuaaaaaaaaaaaaaaaa!!! Nach Aussage des Masseurs werde ich die Wohltat morgen spüren. Gut, ich vertrau dir."
(2010)

(2015 massiert mich ein Mädel, aber es stimmt: Am Folgetag zeigen sich die Waden in besserer Verfassung, der Schmerz in der Leiste wird länger anhalten.)

Leipzig Marathon

Warum Marathon?

Der Laufbericht von Günter Schmidt auf marathon4you.de

© alle Fotos: A. Lochmann. Danke dir!

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