Dienstag, 30. Juni 2015

10 Milliarden - Wie werden wir alle satt?

Machen wir uns nichts vor: Viele Menschen glauben von sich, richtig zu handeln, korrekt zu leben, fair zu kaufen. Und dem Rest ist es einfach scheißegal?
Nun, leider ist die letztgenannte Aussage unter anderem auf einen Teil meines privaten Umfeldes zutreffend - und sowas schmerzt ganz besonders. Filme wie der aktuelle von Valentin Thurn gehören nicht nur in den Schulunterricht, nein, sie gehören in jeden Haushalt und in jedes Wohnzimmer, liefern sie doch wertvolle Argumente pro nachhaltige Ernährung und kontra unverantwortlichen Lebensmittelkonsum. Wie aber schafft man ein Bewusstsein für das eigene Tun im regionalen und globalen Kontext, wenn das Gegenüber beispielsweise mit Aussagen à la "Kommt doch hinten raus!", angesprochen auf CO2- und Feinstaubemissionen seines Pkw, retourniert?

Meine Antwort mag erstaunen: Unbeirrt den eigenen Weg weiterverfolgen - Vorbild sein. Denn was einst mit der Übernahme von grünen Inseln - Rasenflächen, die nicht im 7-Tagesrhythmus gemäht werden - in der hiesigen Nachbarschaft begann, muss beim an Schönwettertagen (immerhin!) praktizierten Fahrradeinsatz für den 10 km-Arbeitsweg lange kein Ende finden. Insofern bin ich zuversichtlich, die Welt durch das eigene Vorleben und (Vor)schreiben ein winziges Stück besser machen zu können.

Teil meiner, Teil unserer Mission, ist die stete Bereitschaft, dazuzulernen, eigene Standpunkte zu hinterfragen, scheinbare Fakten nicht als Dogmen auf den Thron zu heben.
So hält es auch der vorliegende Film, der dort anknüpft, wo "Taste the Waste" aufhört.

"Der Verlust unserer Esskultur fängt aber nicht erst bei der Verschwendung an, er beginnt bereits bei der Erzeugung auf dem Feld. Wenn die Nahrungsmittel von immer weiter her kommen, dann wird auch der Blick darauf erschwert, wie sie erzeugt wurden. [...] Es war also ein regelrechter Auftrag von meinem Publikum, dass ich jetzt "10 Milliarden – Wie werden wir alle satt?" gedreht habe. Schon bei der Recherche wurde mir klar, dass es ein Unbehagen gegenüber den industriellen Methoden der Lebensmittelproduktion und -verteilung gibt, und zwar überall auf der Welt. Und dass immer mehr Menschen versuchen, eine neue Landwirtschaft aufzubauen, die Mensch und Natur respektiert."
(Valentin Thurn)

Dem Regisseur und Drehbuchautor aus Köln ist die Problematik, dass nach wie vor 805 Millionen Menschen auf diesem Planeten an Hunger und Unterernährung leiden, bewusst. Laut den aktuellen Daten wird die Lage in 14 Ländern als "sehr ernst" eingestuft, darunter vor allem Vertreter aus Schwarzafrika südlich der Sahara (WHI-Wert: 18,2).

Während wir in Mitteleuropa der Werbung für Billigfleisch nicht entrinnen können, verhungern andernorts Bauern, weil ihre Ernte gerade durch ein Hochwasser vernichtet wurde. Standen Ausmaß und Dauer dieses Hochwassers eventuell in Verbindung mit dem - ebenfalls maßgeblich durch Industrieländer verursachten - Klimawandel? Haben mein SUV auf dem Discounterparkplatz und mein Schweinenacken aus dem Angebot im Einkaufswagen etwas mit darbenden Bauern in Bangladesch zu tun? Die kurze Antwort: Ja!

Thema Saatgut

Der Film erhält über weite Strecken seine Struktur durch die Aneinanderreihung unterschiedlicher Themenkomplexe, deren jeweiliger Gegenstand einmal aus industriell konventioneller, einmal aus kleinbäuerlicher Sichtweise lokaler Produzenten geschildert wird. Welche Thesen der Regisseur jeweils für besser (= für nachhaltiger) hält, geht unmissverständlich aus der verwendeten Bildsprache und dem Schnitt hervor.

Große Agrarkonzerne wie Monsanto oder Bayer CropScience beherrschen den globalen Saatgutmarkt. Ihnen ist daran gelegen, dass Bauern jedes Jahr aufs Neue für die Bestellung ihrer Felder das gentechnisch veränderte Hybridsaatgut erwerben müssen, denn keimungsfähige Samen produzieren solche Sorten aus dem Labor nicht. Das Kapitel stellt Hochtechnologie und über Jahrtausende angesammelte Erfahrung gegenüber, indem es den Zuschauer vom Hightechbau des Saatgutforschungszentrums in Gent auf ein Reisfeld nach Indien mitnimmt. Dort wächst, falsch, dort wuchs Hybridreis. Der bringt höhere Erträge als die alten Sorten, ist aber nicht resistent gegen temporäre Überschwemmungen, wie sie für Regionen im Monsungebiet normal sind. Dumm gelaufen für die Bauern, gut gelaufen für die Industrie. Die Lösung für das Dilemma lag und liegt in alten Sorten - im Beispiel verwaltet von Kusum Nistra, Leiterin der örtlichen Saatgut-Bank. Ihren "Schatz" hegt sie in Tonkrügen - Reissorten für (fast) alle Umweltbedingungen. Und: keimfähig!

Thema Düngemittel

"Ohne Mineraldünger geht es nicht", verkündet Prof. Andreas Gransee, Forschungsleiter bei Kali + Salz AG, stolz vor einem Berg Natriumchlorid. Dabei weiß er es im Prinzip besser, die Vorräte sind nämlich beschränkt und bei der gegenwärtigen Düngepraxis gelangen maximal 50 % der Nährstoffe an die Feldpflanzen, der Rest wird äolisch verfrachtet oder mit dem Niederschlag in die Vorfluter ausgewaschen.

"Der Mineraldünger wurde vor über 150 Jahren in Deutschland erfunden. Der Chemiker Justus von Liebig fand heraus, dass sich Nährstoffe für Pflanzen in Bergwerken abbauen lassen. Es entstanden gigantische Minen, um unter Tage den Dünger für die Landwirtschaft über Tage zu fördern. Das und die Erfindung des Stickstoffdüngers, der in Fabriken synthetisch hergestellt wird, war die Grundlage für industrielle Landwirtschaft, wie wir sie heute kennen. [...] 150 Jahre lang hat hier der Bergbau seine Abfälle abgeladen. Der künstliche Berg türmt sich über 200 Meter in die Höhe. Er wird noch hier sein, lange nachdem die Kalivorräte in 50 Jahren zu Ende gegangen sein werden. Auch der Phosphatdünger geht noch in diesem Jahrhundert weltweit zur Neige. Und das dritte der wichtigsten Düngemittel, Stickstoff, wird mit viel Energie und Erdgas hergestellt. Und das gibt es auch nicht endlos, wie wir wissen. Wir stehen also, über kurz oder lang, vor dem Ende des Kunstdüngerzeitalters. Wie aber können wir dann noch die Weltbevölkerung ernähren?"
(Valentin Thurn, Voice-over | Schulmaterial, S. 36)

Erneut schneidet der Film hart von einer anthropogenen Mondlandschaft (Kalihalde) ins scheinbare Paradies. Wir besuchen einen Biobauern in Deutschland und lernen natürliche Stickstoffquellen kennen. Geringere Produktivität im Bioanbau (verglichen mit konventioneller Landwirtschaft), dafür nachhaltige Produktion. Ist das ein Rezept für alle Menschen? Der Film bezieht erneut klar Position: Wir müssen unsere (Erste-Welt-)Ernährungsweise überdenken.

"Schon bei der Recherche wurde mir klar, dass es ein Unbehagen gegenüber den industriellen Methoden der Lebensmittelproduktion und -verteilung gibt, und zwar überall auf der Welt. Und dass immer mehr Menschen versuchen, eine neue Landwirtschaft aufzubauen, die Mensch und Natur respektiert. Allerdings habe ich mich gefragt, ob das nicht eine romantische Vorstellung ist, die an der harten Realität scheitern muss. Wie sollen wir denn alle ernähren, wenn die Bevölkerung weiter wächst? Und mit dieser Fragestellung bin ich prompt auf die Rhetorik der Agrarkonzerne reingefallen. Das ist mir erst auf meiner Reise so richtig klar geworden, vor allem in den Entwicklungs- und Schwellenländern Thailand, Indien, Malawi und Mosambik.

Dort ist es offensichtlich, dass es nichts bringt, wenn wir einfach nur mehr Lebensmittel erzeugen. Die Menschen müssen auch einen Zugang zu den Lebensmitteln haben. Wir aus den Industrieländern sind üblicherweise in einem Wachstumsdenken gefangen. Einem Kleinbauern aus der Dritten Welt hingegen ist völlig klar, dass es Wachstum gibt, von dem er gar nichts hat, oder sogar Wachstum, das ihm schadet."
(Valentin Thurn)

Thema Tierhaltung

In Deutschland wurden in 2012 (Daten aus dem Fleischatlas 2014, S. 21)
  • 29.000 Ziegen,
  • 530.000 Gänse,
  • 1.085.000 Schafe,
  • 3.244.000 Rinder,
  • 25.460.000 Enten,
  • 37.700.000 Puten,
  • 58.350.000 Schweine,
  • 627.941.000 Hühner geschlachtet.

Der Pro-Kopf-Verbrauch rangiert hierzulande bei 60 kg Fleisch (USA: 75 kg) im Jahr. Um diesen Hunger zu stillen, werden weltweit jährlich rund 320 Millionen Tonnen produziert - bleibt der Trend, dann steigert sich die Zahl auf mindestens 470 Millionen Tonnen bis 2050.
Der Fleischhunger hat dramatische Folgen; allein um das Futter zu produzieren, werden immer größere Flächen benötigt.  70 % der globalen Agrarflächen dienen schon heute dem Anbau von Futtermitteln für Tiere (16 Millionen Hektar für Soja). In Europa wird fast die Hälfte der Weizenernte an Masttiere verfüttert, global sind die Zahlen beim Verbrauch von Getreide insgesamt nur unwesentlich kleiner.

Weltweite Schlachtungen 2011 | Fleischatlas 2014, S. 19 | FAOSTAT

Die globale Nachfrage nach Fleisch ist ungleich verteilt. Während in den Industriestaaten teilweise eine Stagnation festzustellen ist, boomen die asiatischen Länder. Gesteigerte Einkommen sorgen dort dafür, dass immer mehr Menschen einen "pseudo-westlichen Lebensstil" anstreben: Mit Mercedes, Auslandsreisen und Steak auf dem Teller. Eine sich komplett tierfrei ernährende Menschheit ist Illusion und - nur mal gemessen am Angebot von Insekten - auch nicht zielführend. Nein, tierisches Protein darf auf den Tellern landen, die Frage ist nur: Welches und wie wird es "erzeugt". Der Film kritisiert die Option Massentierhaltung unmissverständlich am Beispiel eines Schlachtbetriebes für Hühner in Indien. Der Vorstandsvorsitzende von "Sugana Chicken" ist stolz darauf, dass sein System dem westlichen hinsichtlich des Fleischoutputs bereits jetzt überlegen ist. Die Inder haben sich einfach deutsche Betriebe zum Vorbild genommen und den Besatz verdoppelt bis verdreifacht. Was dieser Inder nicht erwähnt: Eine Umweltkatastrophe droht, wenn jetzt auch noch die Inder Billigfleisch aus der Massentierhaltung wollen. Und schon sind wir beim größten Dilemma: Was gibt uns Europäern das Recht, kluge Ratschläge zu erteilen, wenn wir selbst Massentierhaltung praktizieren, die natürlichen Grundlagen überanspruchen, einen keineswegs nachhaltigen Lebensstil pflegen?!

11 Lektionen über Fleisch und die Welt | Fleischatlas 2014, S. 8 f.

Gewiss kann Fleisch umweltschonender hergestellt werden: Ökologisch, nicht-industriell, im kleinbäuerlichen Rahmen. Vertrieben wird es lokal und regional. Dasselbe gilt für das Thema Futtermittel. Sojaplantagen sind Monokulturen und mitverantwortlich für den globalen Bodendiebstahl (Stichwort "Landgrabbing"), allein sie sind beim gegenwärtigen Verbrauch an tierischen Proteinen (auch hierzulande!) unverzichtbar. Ohne Futterimporte bricht das System zusammen. Ohne Futtermittelimporte fehlen die Billigfilets im Discounter. Der Filmtitel "10 Milliarden" weist auf die Zukunft, auf die nächsten Jahrzehnte. Doch schon jetzt heute das System der globalen Nahrungsindustrie in großen Teilen nicht nachhaltig. Was also gibt es für Alternativen zum bloßen Mantra: Wechsel hin zu vegetarischer Ernährung oder zumindest weitestgehender Verzicht auf Fleischmahlzeiten?

  • Pflanzenfabriken (Vorteil: Hohe Produktivität auf geringer Fläche | Nachteile: hoher Energieverbrauch, teure Lebensmittel)
  • Gentechnisch veränderte Tiere (Vorteil: Extrem schnelles Wachstum | Nachteile: Verbrauch tierischen Proteins als Futtermittel, Kreuzungen -> ein Teufelskreis!)
  • In-vitro-Fleisch (Vorteile: Nutzung von Stammzellen -> kein Töten nötig, kein Landverbrauch | Nachteile: Teuer, ineffizient, ungeeignet im globalen Maßstab)

Dass der Film das Kapitel Spekulation mit Lebensmitteln nicht ausklammert, zeigt seinen ganzheitlichen Ansatz. Am Beispiel der weltgrößten Agrarbörse in Chicago wird deutlich, warum es u.a. Kleinbauern so schwer haben, sich neben den Großkonzernen mit ihren Gütern am Markt zu etablieren. Denn die Spekulation auf steigende Preise verknappt Lebensmittel künstlich, führt zu extremen Preisschwankungen sowie im schlimmsten Fall wie 2008 und 2011 zu globalen Nahrungskrisen.

Thema Transition Towns

Unabhängig sein von globalen Märkten, regional nachhaltig Wirtschaften - das ist das Prinzip der hier schon vorgestellten Idee des Engländers Rob(ert) Hopkins.

Er gilt als der Papst eines Modells, das im Kern nicht neu ist, jedoch zunehmend neu entdeckt wird. Denn was in deindustrialisierten, vornehmlich vom Agrarsektor geprägten Ländern nie anders war, verbreitet sich seit einigen Jahren erfolgreich von einer südenglischen Kleinstadt ausgehend in den reichen Industriestaaten (aktuell 479 Kommunen und Initiativen weltweit): Lokal/regional produzieren, lokal/regional konsumieren. Es fallen die Stichworte Regionalwährung, nachhaltige Landwirtschaft, Gemeinschaft, Nachbarschaft, Unabhängigkeit. Die Transition Town-Bewegung ist eine Absage an das ewige Wachstums-Matra und weist mit ihren unzähligen kleinen Projekten definitiv in die richtige Richtung. So sieht gutes, so sieht nachhaltiges Leben aus. Korrektur: So kann es auch aussehen. Urbane Landwirtschaft, Solidarische Landwirtschaft und Projekte wie die "Essbare Stadt" sind Spielarten dieser Kernidee.

Fazit: Engagierte, an der Thematik interessierte Zuschauer lernen nicht viel Neues. Aber der Film zeigt anschaulich Sackgassen und schildert Alternativrouten auf unserer Landkarte. Auf unserer Landkarte, die hoffentlich in eine Zukunft ohne Massentierhaltung und Nahrungsmittelspekulanten führt! Anschauen!

"Die Lösung der ganz großen Probleme liegt ganz offenbar im Kleinen. Gerade in Afrika und Asien, wo die Bevölkerung am schnellsten wächst, können die Kleinbauern mehr aus dem begrenzten Land herausholen. Vor allem aber sorgen sie für eine bessere Verteilung der Lebensmittel und Einkünfte. Das ist eindeutig der effektivste Weg, um Hunger zu bekämpfen. Auch in Europa brauchen wir die bäuerliche Landwirtschaft. Dabei geht es nicht um romantische Vorstellungen, sondern um das lebenswichtige Interesse, dass die Bodenfruchtbarkeit erhalten bleibt. Wir sollten deshalb von unseren Politikern fordern, den Vormarsch der industriellen Landwirtschaft zu stoppen anstatt ihn sogar noch mit Subventionen zu fördern. Wir Verbraucher können die kleinen und mittleren Bauern stärken, indem wir mehr regional einkaufen, damit unser Ernährungssystem die nötige Stabilität für die Zukunft bekommt. Ich persönlich fühle mich jedenfalls dafür verantwortlich, wo meine Lebensmittel herkommen und wie sie hergestellt wurden. Und ich weiß jetzt, dass wir mit jedem Einkauf mithelfen können, dass die bald 10 Milliarden Menschen alle satt werden."
(Valentin Thurn, Voice-over | Schulmaterial, S. 24)

Anmerkung: Viele werden nicht wissen, dass Valentin Thurn Gründer des Foodsharing e.V. und Mitinitiator der Online-Plattform www.foodsharing.de ist, einer losen Vereinigung von Menschen, denen viel daran liegt, Lebensmittel zu retten - sprich: Anstelle sie aus Überfluss- oder Geschmacksgründen wegzuwerfen, anderen kostenlos zur Verfügung zu stellen. Der Autor dieser Rezension ist ebenfalls Foodsharer und in seinem bescheidenen Aktionskreis aktiv. Hinweis: Foodsharing ist in meinen Augen nur logischer Teil eines ganzen Haufens aus nachhaltigen Bausteinen. Lasst uns daraus eine bessere Welt bauen. Überall! Jetzt! Gemeinsam!

10 Milliarden - Wie werden wir alle satt?
Taste of Heimat

Quellen:

Fleischatlas 2014
Schulmaterial zum Film (PDF)

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