Sonntag, 15. November 2015

Spectre

Hach, das waren noch Zeiten! Roger Moore wird im brasilianischen Regenwald vom Beißer (Richard Kiel) verfolgt, fliegt kurz darauf mit seinem Hängegleiter über die Iguazú-Wasserfälle – was den Bösen, inkl. dem Beißer (der hat nämlich das Lenkrad des Verfolgerbootes dummerweise abgerissen), selbstverständlich nicht gelingt – und ringt kurz darauf unter Wasser mit einer Anakonda. Sie, die Würgeschlange, stirbt durch Giftinjektion aus Bonds Kugelschreiber. Hugo Drax (laut dem Forbes-Magazin mit 7,6 Mrd. US-$ angeblich reichster Bond-Bösewicht der Seriengeschichte) wollte im Jahr 1979 wie alle Bond-Bösewichte die Weltherrschaft und wurde wie alle Bond-Bösewichte bisher im allerallerallerletzten Moment mit einem coolen Spruch zur Strecke gebracht. "Bond-Bösewicht", "Schurke". Wie im Märchen. Schwarz und weiß, gut gegen böse. Siegfried Tesche hat kürzlich in der ZEIT schön das Schema eines typischen James Bond-Filmes aufgezeigt, an dem sich der jüngste Blockbuster mit Daniel Craig gleichsam merklich frustriert wie trittsicher abarbeitet. Mit Spectre soll als Schmankerl obendrein ein Erzählbogen halbwegs logisch geschlossen werden, der nicht erst in Casino Royale seinen Anfang nahm. Ob das gelingt?

Der Auftakt findet statt in Mexiko-Stadt, ein paar Männer sterben, Bond fliegt mit einem Helikopter Loopings über dem Zócalo, wirft Killer und Pilot aus der Maschine, zieht selbige vor dem Aufschlag in der Menschenmenge hoch. "Hu-Hu-Hu-Hubschrauberein-satz" will man da laut aufschreien, denn mindestens genauso bizarr ist jene Sequenz.

Der Unverwundbare, der Einzelgänger, das Waisenkind, der Snob: Mit ein paar dieser 007-Eigenschaften hat Craig in seinen Filmen gebrochen, er ließ seinen Bond foltern, er ließ Einblicke in den Seelenzustand des Protagonisten zu, er machte das ehemalige Elternhaus zum Handlungsort. Ja, irgendwie ist Bond durch ihn menschlicher geworden. Aber ist er durch ihn auch besser geworden? Genau hier liegt das Problem – Bond muss Bond bleiben. Hat Barbara Broccoli Angst, dem Zuschauer etwas neues zu bieten? Oder hat sie ihrem Vater versprochen, alles läuft genauso weiter? Never change a winning team, schon klar. Die Ansprüche an Filme sind mindestens genauso divers wie deren Zuschauer; wer sich jedoch für das neueste Kind dieser Reihe entscheidet, erwartet keine komplizierte Geschichte – er erwartet gute Unterhaltung mit guten Darstellern.

All das bekommt der Kinogänger hier in 148 Minuten geboten ... allein der Anspruch, der Anspruch fehlt mir. Ist es zuviel verlangt, einmal explizit darauf zu achten, physikalische und logische Fehler außen vor zu lassen? Kinder, so simple Sachen wie einmal offene und im nächsten Schnitt geschlossene Zimmertüren sind vermeidbar. So simple Sachen wie unstimmige Kameraperspektiven bei Gesprächen sind vermeidbar. So offensichtlicher Schwachsinn wie viel zu kleine Fallschirme, synchron abreißende Flugzeugtragflächen, ungedeckt/unverletzt überlebten Kugelhagel, plötzlich verfügbare Jets sind vermeidbar. Und volltrunkene Frauen ziehen im Tiefschlaf wahrlich kein Nachthemd mehr an!

Den Beißer aus Moonraker – Streng geheim spielt heuer Mr. Hinx, in dessen Szenen – zu meinem Vergnügen – eine Hommage an die alten Streifen steckt: Da ist diese unmerkliche Bewegung seiner Hand auf der Motorhaube, die er eben brachial durch die Windschutzscheibe erreicht hat; da ist diese Verfolgungsjagd durch Rom; da ist dieser finale Kampf im Zug mit bei aller Brutalität doch humoresken Zügen. Ob Daniel Craig, der Theaterschauspieler, seine Figur aus intellektuellem Bestreben heraus psychologisiert hat? Ob ihm dieser Profikiller zu eindimensional, zu perfekt war? Man mag ihm zugutehalten, dass er Bond angreifbarer gemacht hat. Stets schwebte der Unverwundbarkeitsnimbus über dem britischen Geheimagenten, stets besaß er volle Kontrolle über die schwierigsten Situationen.

James Bond war (und ist!) ein Comic, der die Träume kleiner Jungs in Bilder umsetzt. Zu Zeiten des Ost-West-Konflikts besiegte er den bösen Kommunisten, nach dem Zerfall der SU durchgeknallte Oligarchen, heute besiegt er sich selbst. Heute bedrohen uns keine Staaten oder omnipräsente Einzelorganisationen, heute sind unterschiedliche Weltanschauungen, die Verteilung von Arm und Reich, der Zugang zu Rohstoffen und Konflikte basierend auf religiösen Differenzen die drängendsten Probleme. Vom Klimawandel ganz zu schweigen.

James Bond ist ein Fossil, das gern in regelmäßigen Abständen auf der Kinoleinwand seine Wiederauferstehung feiern darf. Die Aufgabe der Weltrettung sollten wir ihm indes nicht anvertrauen – erst recht nicht bei diesem Lebensstil.

Spectre

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