Montag, 10. Dezember 2012

Leben mit dem Tod

Ursprünglich geplant für die ARD-Themenwoche, möchte ich den heutigen Tag nutzen, um meinen Beitrag in die Welt zu entlassen.

Vor ungefähr 12 Jahren hatte ich einen schweren Autounfall, der mit einem Totalschaden am Pkw einherging. Alles was ich heute noch erinnere, ist dieser entgegenkommende Lkw, die Kurve, der Baum, Blackout. Ich hatte zwei Passagiere an Bord, wir haben alle unverletzt überlebt - obwohl man das beim Anblick des Wracks nicht unbedingt erwartet hätte. Ich habe nach diesem Ereignis mitunter an Schutzengel geglaubt, daran, dass da irgendjemand eine Hand über mich, eine Hand über uns gehalten hat. Und auch heute glaube ich in brenzligen Situationen noch gern an diesen Schutzengel von damals.

Er wird mich jetzt sicher nicht ungesichert am Fels abrutschen lassen; er wird mir jetzt sicher bei 80 km/h keine Speiche um die Ohren fliegen lassen; er wird dem anderen Piloten sicher eine geheime Anweisung geben, in die richtige Richtung abzudrehen, damit wir nicht zusammenstoßen. Er wird dem Autofahrer sicher flüstern, dass hier ein Fahrrad Vorfahrt hat und dessen Fahrer keine große Lust auf Hechtsprünge über Motorhauben verspürt. Er wird sicher darauf aufpassen, dass sich in meinem Körper kein Krebs unbemerkt ausbreitet...

Wird er all das wirklich machen? Der Glaube an übersinnliche Kräfte ist so alt wie die Menschheit selbst und er schwindet umgekehrt proportional zum Erkenntnisgewinn (zumindest sollte er das). Doch das Wissen der Menschheit ist leider immer noch so bruchstückhaft, dass auch der Aberglaube bis in unsere Zeit überdauert hat. Aber wäre eine Welt ohne (Aber)glaube eine bessere Welt? Wären wir Menschen bessere Menschen, wenn wir jeden Zusammenhang verstehen würden? Wären wir dann überhaupt noch Menschen? Was wäre dann unsere Aufgabe? [Was ist heute unsere Aufgabe?] Nun, glücklicherweise müssen wir uns diesen Fragen nicht stellen. Denn der hypothetische Fall ist utopischer Natur.

Dabei ist der Glaube per se nichts schlechtes, verleiht er den Menschen doch ein besonderes Gefühl von Zusammengehörigkeit, das für sich allein nicht zu beobachten wäre. Wenn jetzt wieder die Innenstädte im weihnachtlich warmen Lichterglanz erstrahlen, wenn die Menschen jetzt wieder ihre Schwibbögen auf den Fensterbrettern platziert haben, wenn jetzt wieder der Duft von Glühwein [eine Tasse hat ca. 130 kcal] und gebrannten Mandeln in die Nasen zieht, wenn jetzt wieder Heerscharen Unentschlossener durch die Einkaufsmeilen rasen, dann genieße auch ich gern diese heimelige Stimmung. Ich ziehe dann mit meiner Kamera los und dokumentiere das Treiben, beobachte die Menschen, versuche deren Motive zu entschlüsseln. Den Besuchern werden Sachen feilgeboten, die sie überhaupt nicht brauchen, aber schön finden und kaufen. Den Kindern leiht der Weihnachtsmann an festen Tagen pünktlich sein Ohr [DHL wirbt mit der Aussage "Offizieller Partner des Weihnachtsmannes"], den Verliebten oder denen, die es glauben, werden Lebkuchenherzen gereicht; den Einsamen das achte Glas Grog.

Apropos Motive: Gestern las ich im Zug die Notiz über einen "dreisten Diebstahl" von 1400 Glühweintassen. Die Diebe hatten die Tassen entwendet und gegen Zahlung von 2 Euro Tassenpfand dem Besitzer stückweise wieder "zurückgegeben". Aufgeflogen ist das Ganze bei einer Inventur des Ladens. Haben Sie eigentlich gewusst, dass zahlreiche Betreiber von Glühweinständen ihren Jahresumsatz in diesen wenigen Wochen vor dem Fest machen? Im Gespräch mit einem Leipziger Standbetreiber fiel vor Jahren die Summe von 40.000 Euro. Mein Interviewpartner war Teil eines Familienunternehmens, das auf allen "lohnenswerten" Weihnachtsmärkten vertreten ist - er nannte u.a. Dresden, Leipzig und Nürnberg. Dort verdient sich die Truppe das Basiseinkommen für die Zeit zwischen Heiligabend und 1. Advent.

Child in time

Die Jahre vergehen immer schneller, zumindest erkenne ich mich in der Schar der Gläubigen an diesen Mythos wieder. Vor einem Jahr musste ... plötzlich ins Krankenhaus, vor einem Jahr lebte der Nachbar noch, vor einem Jahr hatte ich noch Kontakt zu ihr. Menschen sterben, Freundschaften sterben, Überzeugungen sterben. Wenn ich heute vor den Gräbern stehe, empfinde ich wenig. Ich bin kalt. Mir ist es wichtiger, liebe Menschen zu Lebzeiten um mich zu haben, als nach deren Tod Gestecke am Totensonntag auszulegen. [Kann man Liebe lernen?] Der Tod ist endgültig und alles was in Zusammenhang mit der sogenannten Trauerarbeit steht, sollte mehr rational, weniger emotional angegangen und begleitet werden. Als ich eine Begleitung für die eigene Trauerarbeit dringend nötig hatte, haben wir abends lange miteinander gesprochen. Ich heulte mir die Seele aus dem Leib und schluchzte fürchterlich. Keine Spur von Rationalität, keine Spur von Selbstbeherrschung. Das Verhalten war zum damaligen Zeitpunkt wohl richtig, dennoch bekam ich nicht das, was ich mir am sehnlichsten gewünscht habe und begann in dessen Folge langsam zu erkalten.

Es scheint der eben getroffenen Aussage zu widersprechen, aber heute empfinde ich eine größere Verlustangst als damals - denn ich weiß jetzt, was ein Verlust bedeuten kann. Deshalb wäge ich genau ab, in welche Beziehung ich wieviel investiere. Sicher werde ich aufgrund dieser Einstellung verkannt und mit dem Stempel Egoist gebrandmarkt. Sicher habe ich in den Jahren seit damals aber auch gelernt, welchen Interessen ich nachgeben, welchen Eigenarten ich unterliegen, zu welchen Zielen ich stehen muss. Vielleicht ist das überhaupt das größte Verdienst des Älterwerdens: Die Erkenntnis der eigenen Person.

Wo ich schon dabei bin: Mein Trip vom vergangenen Wochenende war kein Ergebnis einer spontanen Laune, sondern seit Wochen geplant. Vor einem Jahr sah die Tagesplanung etwas anders aus, aber in diesem Jahr hatte ich keine Lust, mich bestimmten Ritualen zu unterwerfen. Mein Vater war da anders, weniger reserviert. Er machte am Männertag eine Bootstour mit Freunden und Bierkästen. Basta. Er ging zu allen Geburtstagen in der Nachbarschaft. Basta. Er ging zu allen Hochzeiten (die von Freunden eingeschlossen). Kein Hinterfragen des Mainstreams, stattdessen mitten hinein in dieses - andere nennen es die Normalität. Millionenfach geteiltes Leben in allen Facetten, oh ja. Er wurde sicher geliebt und liebte selbst. Ob es immer das (die) Offensichtliche war - es schien bisweilen fraglich. Jedenfalls hatte er keine Bindungsängste und wenig keine Selbstzweifel.

Mein Vater hatte das Glück, schlußendlich eine Partnerin zu finden, die ihm die nötigen großen Freiräume ließ. Na ja, ich weiß nicht, ob sie es gut gefunden hätte, wenn er an einem Roman gearbeitet und dafür umfangreiche Recherchen eingezogen hätte. Eher nicht. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass sie sich mit einer gewissen Exzentrik des Partners hätte anfreunden können. Egal, sie stellte ein paar der nötigen Fragen an diese Welt und machte sich über den Rest nicht allzu viele Gedanken. Sie akzeptierte, wenn der Sonntag(vormittag) mit den Wochenendausgaben der großen deutschen Zeitungen verplant war. Sie akzeptierte seine direkte Art, seine bisweilen unangepasste Art, seine selbstzerstörerische Art (Achtung: Selbstzerstörung kann die Folge von Exzentrik sein - muss sie aber nicht). Letzteres werfe ich ihr noch heute vor. Ich halte es für ausgeschlossen, dass man diese Gefahr als Ehepartner nicht erkennt. Wer, wenn nicht der Ehepartner kann so etwas erkennen?! Wollte sie ihn nicht in seiner Ehre verletzen? Wollte sie nicht, dass er sich durchschaut fühlt? Ich habe keine Ahnung und werde es auch nie mehr herausfinden.

Die Entscheidung, wie man durch sein Leben geht, hat großen Einfluss auf die Einstellung gegenüber dem Tod. Wer zu Lebzeiten eine Familie gegründet hat oder in einer großen Familie aufgewachsen ist, wird anders über das Sterben denken als jemand, dessen Pfade sich einsam durch die Zeiten schlängeln. Der Einsame steht dem Tod gleichgültiger gegenüber, denn ihn plagt nicht der Kummer um das Wohl seiner Lieben nach dem Ableben. Der Einsame ist insofern freier im Denken und Handeln, denn er muss theoretisch nur auf sich selbst Rücksicht nehmen. In der Praxis gestaltet es sich dann aber meist anders, denn einsame Menschen übernehmen sehr wohl Verantwortung für andere und möchten ebenfalls etwas hinterlassen; sie suchen sich Betätigungsfelder, die ihnen diese Bedürfnisse ermöglichen. Die Bandbreite reicht dabei vom Gang in die Selbständigkeit, verbunden mit dem Wunsch, seine Kraft zu 100 % dem Wohl des Kunden angedeihen zu lassen über soziale Berufe bis hin zu anonymen Spenden und ehrenamtlichen Tätigkeiten.

Den Tod vor Augen

Der Mann ist 50 Jahre alt und im besten Wortsinn eine starke Erscheinung. In seiner Jugend war er Leistungssportler, sein Credo war immer: Arbeiten, Arbeiten, Arbeiten. Dann kam das Jahr 2012 und er erkrankte an Grippe. "Geht schon" hat er gesagt, in der Überzeugung, sein Körper könne die Schwächung wegstecken. Es ging normal im Alltag (Heizungsmontagen) weiter, er ging auch weiter in die Sauna. Irgendwann ging nichts mehr. Er wurde in die Herzklinik eingewiesen, wo man ihm eröffnete, dass er an einer chronischen Herzmuskelentzündung leide, verursacht durch einen verschleppten Infekt. Da brach in ihm eine Welt zusammen. Ein Mann, dessen Leben sich bis dato durch der eigenen Hände Arbeit definierte, stand plötzlich da mit einer verbliebenen Herzleistung von 29 % (bezogen auf seine Altersgruppe). Er ist jetzt beurlaubt und die Ärzte hoffen, dass sie sein Herz von 29 % auf 45 % bringen können. Mehr ist nicht drin. Kein Sport, Frühverrentung, Couch und Enkel. Ein Arzt hat ihm gesagt, dass ihn jede "größere Anstrengung" (dazu gehören etwa das schnelle Steigen einer Treppe, 100 m rennen oder psychischer Stress) "5 Jahre seines Lebens" kostet.

Wie geht er selbst damit um? Wir sprachen just am Donnerstag über sein Schicksal und er meinte lächelnd zum Abschied - auf meine Frage nach Hobbies, Alternativen zum Job - "Ich habe mein Schlachthaus. Das ist Entspannung." Die Jagd will er nicht aufgeben, auch wenn er von nun an immer jemanden benötigt, der ihm das Wild ins Auto trägt.

In einem Jahr kann viel passieren. In zwölf Monaten werden (mindestens) zwei, die ich vor einem Jahr noch mit am Tisch habe sitzen sehen, zu dritt am Tisch sitzen. Das Leben schreitet unaufhörlich fort, schafft neues Leben und lässt altes zurück. Ebenfalls gestern las ich über die älteste Frau der Welt, eine Amerikanerin. Gefragt nach dem Geheimnis ihres Alters, antwortete sie: "Ich habe mich immer nur um meine Angelegenheiten gekümmert." Der Schlüssel zum langen Leben scheint wohl doch im Egoismus zu liegen.

Das Leben kann schnell und langsam genommen werden. Beim oben gezeigten Fall wurde Option Nr. 2 jetzt beschleunigt. Wie ich mit einer solchen Diagnose umgehen würde? Ich weiß es nicht. Die knappen zwei Stunden Schneeschieben heute Abend merke ich (noch) nicht. Mir läuft nicht der Schweiß in Strömen, wenn der Kreislauf auf Touren kommt, mein Puls sinkt nach Belastung sehr schnell ab, die Ausdauerleistungen sind passabel. Alles im grünen Bereich. Scheinbar.

Sollte das alles von heute auf morgen nicht mehr gehen, wäre ein Teil von mir tot. Ich würde es zutiefst bedauern, nicht schon lange dieses oder jenes Projekt in die Tat umgesetzt zu haben. Allein, das Bedauern käme zu spät, wäre sinnlos. Sicher würde ich verstärkt nach Geborgenheit in der Gemeinschaft und nicht mehr außerhalb derselben suchen. Sicher würde ich mich irgendwie neu erfinden. Aber, schlimmer: eine Querschnittslähmung, ein Koma, eine Krebsdiagnose? Wer würde mich dann unterstützen, neben meinem Bett sitzen, mir etwas aus seinem Alltag erzählen, mich auf meinem Weg begleiten? Wer?

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Deine Freunde würden das tun, lieber Freund! Jeder einzelne von uns - egal wie sehr jeder auch in seine täglichen Routinen manchmal gezwungen ist, aber denk dran, manche Dinge sterben nie. Fühl dich ganz fest umarmt. Wir denken an dich.
S.M.