Sonntag, 3. März 2013

Benedikt XVI. - Bilanz eines Pontifikats

Am 28. Februar 2013 schließt sich um 20 Uhr das Hauptportal der Papstresidenz in Castel Gandolfo. Die Schweizergarde zieht ihre Posten ab - es gibt hier keine Arbeit mehr für sie. Denn für die Sicherheit des emeritierten Bischofs von Rom ist die Gendarmerie zuständig.

Acht Jahre zuvor, am 19. April des Jahres 2005, wurde der Dekan des Kardinalskollegiums, Joseph Kardinal Ratzinger, zum 264. Nachfolger des hl. Petrus gewählt. Mit 78 Lebensjahren.

Ich wiederhole an dieser Stelle nicht die Schlagzeile des großen deutschen Meinungsmachers, weil mich diese Publikation schlicht anwidert. Dennoch darf man einen gewissen Stolz in Deutschland zur damaligen Zeit nicht verhehlen. Warum war das so? Ein deutscher Papst in einer Zeit, in der sich die Blöcke des Kalten Krieges wieder aus dem Staub der Geschichte zu erheben scheinen, weckt den indirekten Anspruch auf Meinungsführerschaft. Deutschland war und ist einer der zentralen Bausteine Europas und quasi als Beleg dieser Tatsache mögen Teile der Bevölkerung die Wahl eines "Landsmannes" zum geistigen Oberhaupt von über 1 Mrd. Menschen gesehen haben. Man erhoffte sich von dieser zentralen (deutschen) Position innerhalb der katholischen Kirche nicht zuletzt eine Stärkung der im Grundgesetz verankerten christlichen Werte sowie eine Art Werbung für die das Christliche im Namen tragenden Parteien.

Ratzinger bekannte sich mit der Wahl seines Namens ausdrücklich zu Europa, denn der Hl. Benedikt (Benedikt von Nursia) gilt als Patron Europas, und zum Frieden, denn Benedikt XV. wird trotz gescheiterter Friedensbemühungen im Ersten Weltkrieg als Friedenspapst bezeichnet.

Die Bedeutung des Wortes "Demut" schien dem neuen Papst zu Beginn seines Pontifikats noch bewusst, als er am 24. April 2005 feierlich in Rom mit den Insignien seines Amtes ausgestattet wurde. Ein "unerhörter Auftrag, der doch alles menschliche Vermögen" überschreite sei dieses Amt. Wollte da jemand einen Rückzieher machen? Sah dieser Mann die Grenzen seiner Macht klar vor Augen? Nun, ich bin davon überzeugt und empfinde den Rücktritt deshalb als logische Konsequenz. Das Amt (er)tragen, die einem übertragenen Aufgaben erfüllen, eigene Überzeugungen in die Welt tragen. Gerade letzteres sorgte dafür, dass dieser Papst Debatten vom Zaun brach. Das waren leider nicht immer fruchtbare Debatten, weil auch Theologen sich gern in für die Allgemeinheit unbrauchbare Privatscharmützel verstricken. Aber es waren Debatten, die einen Blick auf den inneren Kompass dieses Mannes gewährten.

Missionieren

Benedikt XVI. empfand es als große Freude, im Jahr der Eucharistie (10/2004 - 10/2005) gewählt worden zu sein. Damit gab er indirekt zu erkennen, wie wichtig ihm die Gemeinschaft der Menschen ist.
[Interessant bei diesem Aspekt katholischen Glaubens: nur der geweihte Priester kann eine Eucharistiefeier wirksam und Gott somit anwesend machen. Die (Laien)Gemeinde hingegen ist dazu allein nicht fähig. Das sehen die Protestanten übrigens anders. Hans Küng, seines Zeichens der wohl populärste Benedikt-Kritiker im deutschsprachigen Raum, ist in diesem Punkt übrigens mit der katholischen Kirchenpolitik d'accord.]

Im folgenden Interview kritisiert Hans Küng u.a. auch die Geheimhaltungsvorschrift, die der deutsche Pontifex als Vorsitzender der Glaubenskongregation wegen der Missbrauchsfälle auf alle Bischöfe angewandt hat: "Er hat sich nie dazu geäußert, die irischen Bischöfe getadelt und sich nicht hingestellt und gesagt, dass er der Hauptschuldige für diese Vertuschungsaktion ist. Er war führend beteiligt an der Vertuschung der Mißbrauchsfälle." (Hans Küng)

Hans Küng über die Amtszeit Benedikts XVI. und die Vision vom Weltethos



Zurück zur Gemeinschaft; die orthodoxen Kirchen scheinen von Rom völlig unabhängig zu agieren. Sie haben ihren eigenen Patriarchen und ihren eigenen Glaubenskalender. Vor 7 Jahren erkannte auch Benedikt XVI. diese Tatsache an, indem er auf den seit Jahrhunderten von den Päpsten geführten Ehrentitel "Patriarch des Abendlandes" verzichtete und zur Zusammenarbeit "gegen die säkularisierte Welt" aufrief. Stopp. Zusammenarbeit gegen die säkularisierte Welt? Was ist schlecht an der Säkularisierung? Ist sie gleichbedeutend mit der Ablehnung der Institution Kirche oder ist sie schlicht das Zeichen einer aufgeklärten Gesellschaft?

Welche Rolle billigen Gesellschaften im 21. Jhd. der Kirche noch zu? Welche Rolle sollten sie ihr/dürfen sie ihr noch zubilligen?

Gesellschaften erfahren keinen Nachteil, wenn sie sich gerade in Zeiten gesteigerter Konkurrenz (schwindende Rohstoffe, selbst verschuldete klimatische Risiken, demographische Probleme, erleichterte Migration, auseinanderdriftende soziale Schichten...) an den Werten der christlichen Lehre orientieren. Orientierung ist wichtig für die Menschen. Und der christliche Wertekanon macht diesbezüglich ein nicht gänzlich schlechtes Angebot. Menschen benötigen Leitbilder - auch wenn das wenige offen zugeben und viele nie reflektiert haben -, um ein geordnetes Leben führen zu können. Die Leitbilder sind überwiegend tradiert, deswegen aber (glücklicherweise!) trotzdem wandelbar. Jede Generation orientiert sich naturgemäß stark an der jeweiligen Elterngeneration, später erfolgen die üblichen Versuche einer Abgrenzung (Stichwort Pubertät), bevor doch wieder auf den vorgelebten Weg gewechselt wird. Betriebliche Ausbildung, Studium, Kinder, Eigenheim, Auto, zweimal Urlaub im Jahr. In den offensichtlich erstrebenswerten Lebensgadgets (darauf sollte ich mir ein Copyright einrichten ;-)) unterscheiden wir uns nicht von der Generation meines Großvaters.

[Übrigens: Hat jemand Geschenktipps für Nachwuchs von FDP-Wählern? Ich dachte schon an einen blau-gelben Strampler mit der Aufschrift: "Liberalism junkie". Dazu dann noch ein Investmentkonto bei der Deutschen Bank. Denn nichts wiegt besser in den Schlaf, als das Wissen, dass mit der Spekulation auf Nahrungsmittel mein Spielzeugberg wächst.]

Liberalism junkie
Sich als Gemeinschaft fühlen, sich selbst als ein in dieser Gemeinschaft anerkanntes Mitglied fühlen, Nächstenliebe, Ehrlichkeit, Vertrauen. Es gibt vieles, wofür wir eine Kirche auch heute noch benötigen. Genauer: Wofür wir ihre Grundsätze, ihre Leitbilder benötigen. Leider haben sich die Arbeiter "im Weinberg des Herrn" noch nie in Gänze konsequent an ihre eigenen Grundsätze gehalten (und leider haben sie massive Probleme damit - allzu menschlich -, ihre Verfehlungen einzugestehen!) Weil sie Utopie sind? Dieser Gedanke ist nicht abwegig, bleiben Menschen doch immer Menschen. Auch unter ihrem Kardinalsgewand. Zugegeben, die Vorstellung führt in die Nähe der Diskussion um egoistische Gene und die Frage, ob ein freier Wille überhaupt existieren kann. Eine Verpflichtung für den katholischen Kirchendienst jedenfalls, die zölibatäre Lebensweise (= die bewusste Unterdrückung der menschlichen Natur) sind nicht nötig, um ein christlich geprägtes Leben zu führen.

Bleiben wir ruhig noch beim Thema Unterdrückung, denn dieser Papst war darin ein guter Lehrmeister. Im Mai 2007 reiste das Oberhaupt der katholischen Kirche nach Brasilien und hielt dort anlässlich der »Eröffnung der Arbeiten der V. Generalkonferenz der Bischofskonferenzen von Lateinamerika und der Karibik« eine denkwürdige Rede.

In ihr gab Joseph Ratzinger Überzeugungen preis, die man - mit Verlaub - schlicht als dumm und gefährlich bezeichnen muss. Überzeugungen, die einen wütend machen.

Auszüge:
"Meine ersten Worte sollen Danksagung und Lob an Gott sein für das große Geschenk des christlichen Glaubens an die Völker dieses Kontinents. [...]

Welche Bedeutung hatte aber die Annahme des christlichen Glaubens für die Länder Lateinamerikas und der Karibik? Es bedeutete für sie, Christus kennenzulernen und anzunehmen, Christus, den unbekannten Gott, den ihre Vorfahren, ohne es zu wissen, in ihren reichen religiösen Traditionen suchten. Christus war der Erlöser, nach dem sie sich im Stillen sehnten. [...]

Tatsächlich hat die Verkündigung Jesu und seines Evangeliums zu keiner Zeit eine Entfremdung der präkolumbischen Kulturen mit sich gebracht und war auch nicht die Auferlegung einer fremden Kultur. Echte Kulturen sind weder in sich selbst verschlossen noch in einem bestimmten Augenblick der Geschichte erstarrt, sondern sie sind offen, mehr noch, sie suchen die Begegnung mit anderen Kulturen, hoffen, zur Universalität zu gelangen in der Begegnung und im Dialog mit anderen Lebensweisen und mit den Elementen, die zu einer neuen Synthese führen können, in der man die Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten und ihrer konkreten kulturellen Verwirklichung respektiert. [...]

Die Utopie, den präkolumbischen Religionen durch die Trennung von Christus und von der Gesamtkirche wieder Leben zu geben, wäre kein Fortschritt, sondern ein Rückschritt. Sie wäre in Wirklichkeit eine Rückentwicklung zu einer in der Vergangenheit verankerten geschichtlichen Periode. [...]

Ihre Weisheit brachte die Urvölker glücklicherweise dazu, eine Synthese zwischen ihren Kulturen und dem christlichen Glauben zu bilden, den ihnen die Missionare anboten. Daraus wurde die reiche und tiefe Volksfrömmigkeit geboren, in der die Seele der lateinamerikanischen Völker zum Vorschein kommt."
Es hagelte nach dieser Rede berechtigterweise massive Kritik an der "unglaublichen Geschichtsklitterung".

Und in der Tat, verstehe ich das richtig? Die indigene Bevölkerung sehnte sich nach Christus, dem Erlöser? Die indigene Bevölkerung sehnte sich danach, bekehrt zu werden? Das kann ich nicht glauben. Gewiss gab es viele Missionare, die in bester christlicher Überzeugung arbeit(et)en und den, in ihren Augen, "Heiden" ein scheinbar besseres Leben durch den Glauben an Jesus Christus verschaffen woll(t)en. Doch was geschah wohl bei einer Ablehnung der zu Bekehrenden?

Nun, Priester reis(t)en selten allein. Der vielleicht hauptsächlich aufgrund seiner aggressiven Missionstätigkeit gescheiterte Kolonialismus legte seine christliche, europäisch aufgeklärte Maske in Übersee schnell beiseite. Völlig pervers war gar der Wettstreit verschiedener Kirchen "um die Seelen der Heiden."

Man kann den Kolonialisten nicht den Vorwurf machen, kein Wissen über die neu entdeckten Länder gehabt zu haben. Woher sollten sie es gehabt haben? Man kann ihnen aber völlig berechtigt Intoleranz, Überheblichkeit und mangelnde Neugier vorwerfen. Diese Gemengelage führte zur Vernichtung ganzer kultureller Gedächtnisse. Und zur Vernichtung von Millionen unschuldiger Leben.

Wie kann ein als überdurchschnittlich intelligent und gebildet anzusehender Mensch allen Ernstes behaupten, die indigene Bevölkerung habe sich einen Erlöser gewünscht? Weil er die Geschichte verkennt? Weil er Nächstenliebe, Demut, Respekt und Barmherzigkeit zwar predigen, aber selbst nicht denken kann? Weil er sich im Angesicht des millionenfachen Mordes im Namen seiner Kirche nur mithilfe von Lügen im Spiegel betrachten kann? Nein, falsch; es muss andere Gründe geben. Trotzdem ist die Rede so gehalten worden. Und sie warf erstmals in diesem Pontifikat ein düsteres Licht auf diesen Nachfolger Petri.

Reden

Benedikt engagierte sich stark für die Neuevangelisierung, war aber im selben Atemzug nie in Asien.
Dabei verliert die Kirche gerade dort viele ihrer Schäfchen. Der "Verlust" der Schäfchen an den Islam mag einer der Gründe gewesen sein für das in die Geschichtsbücher eingegangene "Papstzitat von Regensburg".

Am 12. September 2006 zitierte der Papst in seiner Vorlesung an der Uni Regensburg den byzantinischen Kaiser Manuel II. Was gewiss als Hinweis auf die Fehlbarkeit des mitunter gefühlt unfehlbaren Islam gedacht war, setzte eine große Protestwelle in Gang, die jedoch indirekt Benedikts Ziel unterstützte: einen Dialog der Religionen. Dafür muss man ihm danken. Seine Worte waren ehrlich und sorgten nach dem abebben der Welle für viel Lob.

So wie mit dem Islam, so wurde in den Jahren dieses Pontifikats auch die Annäherung an das Judentum gesucht. In Köln etwa besuchte Benedikt XVI. 2005 eine Synagoge und verurteilte anschließend jede Form von Rassismus und Antisemitismus.

2006 dann der Besuch in Auschwitz mit Gänsehautmomenten. Die Kritik zur Reise scheint mir überzogen, denn was hat man sich von diesem deutschen Papst erwartet? Dass er die Alleinschuld übernimmt für die schrecklichen Gräueltaten der Nazis? Mitnichten. Denn wir wissen nur zu gut - wir sollten es wissen -, dass die Täter nicht alle Uniform trugen. Dass die Täter brav in der Nachbarschaft wohn(t)en. Dass die Täter bis heute leben und unser Kampf gegen diese menschenverachtende Ideologie noch lange geführt werden muss.

Deshalb waren es richtige, wichtige, ja unerlässliche Zeichen für die Welt: Nur im Dialog können Kriege - die sehr häufig Glaubenskriege sind - vermieden werden. Und nur im Dialog können wir Verständnis und Toleranz lernen.

Im Jahr 2008 besuchte Benedikt XVI. die USA und hätte dort Gelegenheit gehabt, kritische Worte an die Bush-Administration zu senden. Sie blieben aus. Dafür sprach er vor den UN und mahnte die Staaten zu einer vollen Ausschöpfung ihrer diplomatischen Mittel. Akzeptabel. Die zuvor bekannt gewordenen Missbrauchsfälle katholischer Priester wurden von ihm ebenfalls angesprochen, jedoch als Konsequenz daraus nur die nötige "Reinigung und Erneuerung" der Kirche gezogen. Das war eindeutig zu wenig. Aber was habe ich auch erwartet von diesem Mann? Habe ich die Aufhebung des Zölibats von einem Dogmatiker erwartet? Habe ich offene, öffentliche Selbstkritik an vornherein falschen Gesetzmäßigkeiten erwartet? Nein. Gern wurden und werden diese schrecklichen Taten mit der vermeintlichen Schwäche der Täter in Verbindung gebracht. Ihre Schwäche im Glauben soll die Verbrechen verursacht haben. Das lässt Raum für Interpretationen - so wie jede Predigt. Klare Worte, klare Bekenntnisse zur Wissenschaft, klare Leitlinien wünsche ich mir von einem modernen Papst. Ich wünsche mir das offene Eingeständnis von Fehlern der Kirche sowie die klare Positionierung hinter den christlichen Werten (und das Vorleben dieser Werte!).

Benedikt XVI. war kein Politiker. Die Zerissenheit innerhalb der Kirche (siehe "Vatileaks") hat darüberhinaus gezeigt, dass der Papst nach innen nicht stabilisierend gewirkt hat, dass er seinen Staat nicht im Griff hatte. Entweder wechselt der Staatschef seine Mitarbeiter oder die Mitarbeiter wechseln ihren Staatschef. Die undeutliche Abgrenzung zu antisemitischen Äußerungen von Richard Williamson und Co. von der Pius-Bruderschaft, das Eingeständnis gar, von dessen Denken vor der Aufhebung der Exkommunikation nichts gewusst gehabt zu haben, war schlicht peinlich. Fremdschämen im Vatikan sozusagen.

Dieser ehemalige deutsche Papst ist zwar Wissenschaftler - aber kein Naturwissenschaftler. Mit seiner mittelalterlichen Haltung gegenüber den Themen Abtreibung, Homosexualität, weiblichem Priestertum, Sterbehilfe, Verhütung und Zölibat hat er die Chance zu einer Modernisierung der Kirche, zu einer Steigerung ihrer Attraktivität insbesondere für junge Menschen versäumt. Kam er gedanklich nie im Jetzt an? Keinesfalls. Beleg dafür sind diese tiefgründigen Zitate aus seiner dritten Enzyklika:
"Eine der schlimmsten Arten von Armut, die der Mensch erfahren kann, ist die Einsamkeit. Genau betrachtet haben auch die anderen Arten von Armut, einschließlich der materiellen Armut, ihren Ursprung in der Isolation, im Nicht-geliebt-Sein oder in der Schwierigkeit zu lieben. Oft entstehen die Arten der Armut aus der Zurückweisung der Liebe Gottes, aus einem ursprünglichen tragischen Verschließen des Menschen in sich selbst, der meint, sich selbst genügen zu können oder nur eine unbedeutende und vorübergehende Erscheinung, ein »Fremder« in einem zufällig gebildeten Universum zu sein. [...]

Die Entwicklung des Menschen verkommt, wenn er sich anmaßt, sein eigener und einziger Hervorbringer zu sein. Ähnlich gerät die Entwicklung der Völker aus den Bahnen, wenn die Menschheit meint, sich wiedererschaffen zu können, wenn sie sich der "Wunder" der Technik bedient. So wie sich die wirtschaftliche Entwicklung als trügerisch und schädlich herausstellt, wenn sie sich den "Wundern" der Finanzwelt anvertraut, um ein unnatürliches und konsumorientiertes Wachstum zu unterstützen. Gegenüber dieser prometheischen Anmaßung müssen wir die Liebe zu einer Freiheit stärken, die nicht willkürlich ist, sondern durch die Anerkennung des ihr vorausgehenden Guten menschlicher geworden ist. Dazu muß der Mensch wieder zu sich kommen, um die Grundnormen des natürlichen Sittengesetzes zu erkennen, das Gott ihm ins Herz geschrieben hat. [...]

In der heutigen Kultur der totalen Ernüchterung, die glaubt, alle Geheimnisse aufgedeckt zu haben, weil man bereits an die Wurzel des Lebens gelangt ist, kommt es zur Entwicklung und Förderung von In-vitro-Fertilisation, Embryonenforschung, Möglichkeiten des Klonens und der Hybridisierung des Menschen. Hier findet der Absolutheitsanspruch der Technik seinen massivsten Ausdruck. In dieser Art von Kultur ist das Gewissen nur dazu berufen, eine rein technische Möglichkeit zur Kenntnis zu nehmen. Man kann jedoch nicht die beunruhigenden Szenarien für die Zukunft des Menschen und die neuen mächtigen Instrumente, die der »Kultur des Todes« zur Verfügung stehen, bagatellisieren."
(Quelle: Enzyklika Caritas in veritate, Juni 2009)
Vielleicht war Benedikt XVI. einfach zu intellektuell für dieses politische Amt. Vielleicht hätten das die Kardinale im Konklave erkennen und einen anderen an seiner statt wählen sollen. Jemanden, der einfach verständliche Worte an einfache Leute zu richten vermag. Jemanden, dessen Texte nicht nur von Theologen erschlossen werden können. Jemanden, der klare christliche Orientierung zu geben im Stande ist. Wer das im nun anstehenden Konklave sein könnte? Vielleicht ein Lateinamerikaner, wer weiß.

In der päpstlichen Rede vor dem Deutschen Bundestag am 22. September 2011 heißt es:
"Wie erkennt man, was recht ist? In der Geschichte sind Rechtsordnungen fast durchgehend religiös begründet worden: Vom Blick auf die Gottheit her wird entschieden, was unter Menschen rechtens ist. Im Gegensatz zu anderen großen Religionen hat das Christentum dem Staat und der Gesellschaft nie ein Offenbarungsrecht, eine Rechtsordnung aus Offenbarung vorgegeben. Es hat stattdessen auf Natur und Vernunft als die wahren Rechtsquellen verwiesen – auf den Zusammenklang von objektiver und subjektiver Vernunft, der freilich das Gegründetsein beider Sphären in der schöpferischen Vernunft Gottes voraussetzt. Die christlichen Theologen haben sich damit einer philosophischen und juristischen Bewegung angeschlossen, die sich seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. gebildet hatte.

In der ersten Hälfte des 2. vorchristlichen Jahrhunderts kam es zu einer Begegnung zwischen dem von stoischen Philosophen entwickelten sozialen Naturrecht und verantwortlichen Lehrern des römischen Rechts. In dieser Berührung ist die abendländische Rechtskultur geboren worden, die für die Rechtskultur der Menschheit von entscheidender Bedeutung war und ist. Von dieser vorchristlichen Verbindung von Recht und Philosophie geht der Weg über das christliche Mittelalter in die Rechtsentfaltung der Aufklärungszeit bis hin zur Erklärung der Menschenrechte und bis zu unserem deutschen Grundgesetz, mit dem sich unser Volk 1949 zu den "unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt" bekannt hat. [...]

Das positivistische Konzept von Natur und Vernunft, die positivistische Weltsicht als Ganzes ist ein großartiger Teil menschlichen Erkennens und menschlichen Könnens, auf die wir keinesfalls verzichten dürfen. Aber es ist nicht selbst als Ganzes eine dem Menschsein in seiner Weite entsprechende und genügende Kultur. Wo die positivistische Vernunft sich allein als die genügende Kultur ansieht und alle anderen kulturellen Realitäten in den Status der Subkultur verbannt, da verkleinert sie den Menschen, ja sie bedroht seine Menschlichkeit. Ich sage das gerade im Hinblick auf Europa, in dem weite Kreise versuchen, nur den Positivismus als gemeinsame Kultur und als gemeinsame Grundlage für die Rechtsbildung anzuerkennen, alle übrigen Einsichten und Werte unserer Kultur in den Status einer Subkultur verwiesen und damit Europa gegenüber den anderen Kulturen der Welt in einen Status der Kulturlosigkeit gerückt und zugleich extremistische und radikale Strömungen herausgefordert werden. Die sich exklusiv gebende positivistische Vernunft, die über das Funktionieren hinaus nichts wahrnehmen kann, gleicht den Betonbauten ohne Fenster, in denen wir uns Klima und Licht selber geben, beides nicht mehr aus der weiten Welt Gottes beziehen wollen. Und dabei können wir uns doch nicht verbergen, daß wir in dieser selbstgemachten Welt im stillen doch aus den Vorräten Gottes schöpfen, die wir zu unseren Produkten umgestalten. Die Fenster müssen wieder aufgerissen werden, wir müssen wieder die Weite der Welt, den Himmel und die Erde sehen und all dies recht zu gebrauchen lernen."
Benedikts großes Ziel war es, die Menschen näher an Gott zu rücken. Leider hat er nicht immer die richtigen Werkzeuge zum Erreichen dessen ergriffen. Seine Arbeit "im Weinberg des Herrn" war dennoch nicht umsonst oder überflüssig. Denn sie hat einmal mehr gezeigt, welch großen Herausforderungen sich Staatsmänner gegenübersehen. Und wie leicht man mit einem Satz den Zorn aller auf sich ziehen kann. Vermisst habe ich den Mut eines guten  Staatsmannes, Reformen zum Fortbestand der Legitimation des eigenen Staates anzupacken. Das Hoffen darauf, die Kirche werde sich schon irgendwie in die Zukunft retten, genügt beileibe nicht.

Was bleibt ist der Rücktritt? Ich hoffe nicht! Was bleibt, ist das Wirken eines Menschen, der das Gute nicht besser machen wollte. Und konnte.
"Der Mensch ist süchtig und abhängig wie nie zuvor. Wir leben seit 1989 in einer vereinheitlichten globalisierten Wirtschaftsordnung der Technokratie, die eine absolute Verfügung über Raum, Zeit und Schöpfung beansprucht und herstellt. Die Maschine, getrieben von dem Zwang, mehr zu produzieren, läuft, von technologischen Erfolgen unvorstellbaren Ausmaßes bestätigt. Sie ist auf ein "Mehr" an Schnelligkeit, Produktivität, Verbrauch und Gewinn für etwa zwanzig Prozent der Menschheit hin programmiert. Dieses Programm ist effektiver und gewalttätiger als alle historisch vergleichbaren Großreiche mit ihren babylonischen Türmen. Innerhalb der Großmaschine sind Menschen nicht nur, wie Marx es gesehen hat, "entfremdet" von dem, was sie werden könnten, sondern zugleich süchtig und abhängig wie nie zuvor." (Dorothee Sölle)

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Wirklich 265? Ich dachte ich hätte kürzlich irgendwo gelesen, daß er zum 264 Nachfolger des heiligen Petrus gewählt wurde. Liebe Grüße, C.

Christian hat gesagt…

Merci & liebe Grüße zurück.