Mittwoch, 27. November 2013

Zur DHV-JHV nach Furth im Wald

Wie beginnt ein guter Tag? Nun, am besten noch vor dem Weckerklingeln mit Frühsport ... irgendwie muss man schließlich im Winter aktiv bleiben.

Insofern war der vergangene Freitag für mich sowohl ein Sport- als auch ein Reisetag, denn am frühen Nachmittag nahm ich als Mitfahrer Numero 3 auf der Rückbank eines roten Volvo Kombi mit Fahrtziel Regensburg Platz. Neben mir eine Rechtsanwaltsgehilfin mit zu dominantem Make-up, die ihren Bruder besuchen wollte; vor mir a bayrisches Madel. Der Fahrer: Mitte 30, tiefenentspannt, kein Deutschlandfunkhörer, Informatiker, WE-Pendler zwischen Arbeit und Heimat. Wir gaben eine bunte Truppe ab.

Der Autor nutzte die erste Stunde der Fahrt für die Arbeit an einem sehr persönlichen Brief; schrieb, blickte in die von Nebel und gelegentlichem Sprühregen in tristes Novembergrau getauchte Landschaft, suchte Gedanken, wünschte seinen Schutzengel in physischer Präsenz neben sich. Im Radio liefen Jump, Antenne Thüringen und Antenne Bayern - damit etwas dudelt. Gesprächsversuche über Themen der 2-Minuten-Nachrichten auf den Popwellen verliefen im Sande; dieses starre Schweigen erfüllte mich mit Unzufriedenheit (wesentlich stimulierender war im Gegensatz dazu meine Heimfahrt am Sonntag - s.u.). Dem Paragraphen- und Abmahnungsfan neben mir gab ich einen Crashkurs zur Gleitschirmwelt und Einblick in meine Bilderordner auf dem Rechner. Das half, um sie für etwa 25 Minuten vom Smartphone zu trennen. Immerhin.

[Ich weiß genau, wessen Finger jetzt schon eifrig über dem Kommentarfeld kreisen. :-) Deswegen sei ergänzend angefügt: Ich mag Smartphone-Besitzer. Solange sie wissen, wann es Zeit ist, sich den physisch anwesenden Menschen zuzuwenden. Andererseits: Vorgestellte Ideen, Sichtweisen, Lebenseinstellungen bergen die Gefahr, Eigenes überdenken zu müssen. Mit einer Handbewegung wegsliden? Geht nicht. Tsss, wie umständlich.]

Hinter Selb lockerte die Bewölkung auf, kam sogar nach Tagen der Hauch eines sichtbaren Sonnenuntergangs zum Vorschein. Unsere Köpfe wendeten sich immer wieder nach halbrechts und ließen die Augen über vorbeifliegende Wiesen, Felder und hügelige Landschaft hin zu einem schmalen, orange-rot gefärbten Band am westlichen Horizont gleiten.


Ich verlasse mein Taxi in Schwandorf und folge dem GPS-Track ins Stadtzentrum zum Bahnhof. Vor selbigem erhalte ich einen Anruf, der mich zwar den Zug um 17 Uhr verpassen, dafür jedoch Raum zum Knipsen lässt.

Die Klosterkirche von Schwandorf auf dem Kreuzberg.

Am Bahnhof in Schwandorf.

Später in der Bahn suche ich nach alternativen Mitfahrgelegenheiten für den Sonntag, denn mit der avisierten bin ich nicht wirklich zufrieden. Furth im Wald ist Endstation der RB und gleichzeitig Ausgangspunkt meines hiesigen Wochenend-Programms. Denn wie schon vor einem Jahr bin ich heuer erneut mit dem Vertrauen von Menschen ausgestattet wurden, für ihre Region zur Jahreshauptversammlung des Deutschen Hängegleiterverbandes (DHV) zu reisen. Die Übernachtung buchte ich - am Donnerstag. Erster Anruf, Zusage. Sie denken, keine Kunst Ende November? Nun, wenn man keine 60 + x-Euro pro Nacht bezahlen möchte und 250 andere Gäste ebenfalls eine Privatpension auf dem Radar haben, ist das mit der Kunst schon etwas spezieller. Jedenfalls lagen um 19.55 Uhr nur noch 650 m Fußweg zwischen mir und einem ausreichend großen Buffet. Ausreichend groß für jemanden, der sich nicht über das erstbeste Schweineschnitzel mit Kartoffeln her macht. Und auch nicht über rindfleischgefüllte Tortellini.

Nächtlicher Rundgang durch Furth i. Wald:

Bronzeplastik zum Drachenstich in Furth i. Wald.

Der Stadtturm von Furth i. Wald mit Straße zum Schloßplatz.

Der Marienbrunnen auf dem Pfarrhof.

Stadtturm mit Museum.

Mitte: Stadtturm | Rechts: Ehemaliges Amtsgericht mit Glockenspiel.

Stadtpfarrkirche Maria Himmelfahrt (1).

Stadtpfarrkirche Maria Himmelfahrt (2).


Rrrr...


Tag 2

8.25 Uhr schäle ich mich aus dem Bett, dessen Matratze auch bei einer plötzlichen Verdreifachung meines Gewichts keine Regung zeigen würde. :-)
Dafür ist die Hausherrin umso weicher, sitzt mir und den zwei anderen Gästen am Nachbartisch gegenüber, liest Zeitung und bringt das Hirn durch unverstellten Dialekt schnell auf Betriebstemperatur. Das Frühstück: Kaffee und importiertes Müsli. Denn Haferflocken bot die Küchenchefin nicht an.

Temporäres Zuhause.

Rundgang bei Tageslicht durch Furth i. Wald:







Das Rathaus - seit 1332 Sitz der bürgerlichen Selbstverwaltung.

Stadtplatz.


Ab 13 Uhr war ich vor Ort im Tagungszentrum, kam meiner Delegiertenpflicht nach, fotografierte und filmte auf der Empore. Es sollte die bis dato am schnellsten absolvierte DHV-Tagung der Verbandsgeschichte werden - nach der am längsten währenden vor 14 Jahren an selber Stelle. 19 Uhr Abendbuffet, ab 21 Uhr Fotobearbeitung am Rechner, ab 22 Uhr Live-Band, Skype, gute Laune. Ein insgesamt schöner Abend - der trotzdem bloß 70 von 100 möglichen Punkten erhält. Warum wohl?!

Tagungszentrum Bürgermeister-Reinhold-Macho-Haus.


Der DHV-Vorstand. Am Pult: Charlie Jöst.


Darsteller des Volksschauspiels (Schloßherrin & Ritter Udo) mit dem Festspielleiter Gerhard Maier.

Zustimmung.

Bilanzen.

Gesundes Abendessen.


Zum Schluß rücke ich der Band noch ein klein bisschen auf die Pelle, machen doch Spielereien mit der Makro-Festbrennweite und Available Light-Fotografie ("Druckpunkt suchen, einatmen, vorsichtig auslösen") mindestens genauso viel Spaß wie abzappeln zu AC/DC oder Bruce "The Boss" Springsteen. Ich erfahre später, dass dies der letzte Gig des Drummers Chris nach zahlreichen Bandjahren ist und erkenne in den Augen der anderen Bandmitglieder in der kalten Abendluft nach der letzten Zugabe Bedauern über diesen Umstand. Gute Leute zu verlieren ist immer schwer. Dummerweise bemerken viele Menschen solche Fähigkeiten erst, wenn es schon fast zu spät ist...

Beluga heizt ein.










Tag 3

Der Wecker stand auf 7.30 Uhr, um vor dem Frühstück noch ein wenig arbeiten zu können. Aus unerfindlichen Gründen schrecke ich dann auch fast pünktlich - 8.15 Uhr -  von meiner unnachgiebigen Spielwiese hoch. Speedfrühstück vom feinsten, Haare im Waschbecken wässern, Kapuze drüber, ab zum Treffpunkt. Letzterer war das Drachenmuseum, in dem wir dem Monstrum zum, nun ja, Fraß vorgeworfen werden sollten. Der zurzeit "weltgrößte Roboter auf vier Beinen" wurde von mehreren Firmen in jahrelanger Arbeit entworfen und Mitte 2010 der Öffentlichkeit vorgestellt.
"Unter der Leitung der Zollner Elektronik AG vereinigten sich mehr als 20 Firmen und Institutionen, das High-Tech-Monster zu realisieren: Hollywoods Effekt-Spezialisten von Magicon waren ebenso dabei wie führende Mechatronik- und Metallbaufirmen bis hin zu AUDI und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrttechnik. Insgesamt ist er 15,50 Meter lang, 3,80 Meter breit, 4,50 Meter hoch, hat eine Flügelspannweite von 12 Metern und ein Gewicht von 11 Tonnen."
(Quelle: www.drachenstich.de)
Das älteste Volksschauspiel Deutschlands (über 500 Jahre alt) symbolisiert jedes Jahr im August den Kampf des Guten gegen das Böse. Der Drache steht als Projektion für die schlechten Seiten unserer menschlichen Natur, für Krieg, Gewalt und Verbrechen. Je mehr Auseinandersetzungen die Menschen austragen, je weiter sie sich vom friedlichen Miteinander entfernen, desto mächtiger wird der Drache. Um eine Übermacht des Bösen zu verhindern, besinnt man sich alljährlich der guten Eigenschaften unserer Spezies und kämpft gemeinsam - diesmal für einen höheren Zweck - gegen das Böse. Der Drachenstich ist die Manifestation unserer inneren Konflikte. Nicht immer siegt dabei das Gute wie hier in Furth. Wird es weitere 500 Jahre der Mahnung brauchen?

Im Drachenmuseum auf dem Schloßplatz.





15,50 m lang; 3,80 m breit; 4,50 m hoch; 12 m Flügelspannweite; 11 t schwer.

Vorträge und Siegerehrungen waren die Kerninhalte des letzten Tages unserer Zusammenkunft. Dabei reisten wir "Mit Stefan Bocks durchs wilde Kirgistan", erfuhren, woran es liegen kann, "Wenn sich das Wetter nicht an die Prognose hält", welche Besonderheiten "Thermikfliegen im Flachland" auszeichnen und welche Neuigkeiten Peter Wild für die DHV-XC-Jünger in petto hat.



Armin Harich von Skywalk spricht.

Corinna Schwiegershausen - fünfmalige Weltmeisterin im Drachenfliegen.

Stefan Bocks berichtet von seinem Flugabenteuer in Kirgistan.

Daniel Tyrkas.

Deutsche Gleitschirmwertung: Daniel Tyrkas, Robert Blum, Ferdinand Vogel (v.l.n.r.).

Deutsche Gleitschirmwertung: Angela Dachs, Brigitte Kurbel, Mirjam Hempel (v.l.n.r.).

Mein Job vor Ort endete 15 Uhr mit der Übergabe einer SD-Karte, darauf vorgesichtetes Foto- und Videomaterial aller drei Tage. Keine 30 Minuten später rollten wir bereits über Landstraßen der A 93 entgegen, mit dem amtierenden Deutschen Meister im Tandemfliegen am Steuer und ab der Autobahn einer Mittelschul-Referendarin (Berlin-Moabit) neben mir ... im Fond. So redet es sich halt leichter als vom Beifahrersitz aus quer nach hinten. :-) Heike wollte in die Hauptstadt, um dem bayerischen Schuldunstkreis zumindest temporär entfliehen und Großstadtluft schnuppern zu können. Sie hatte taugliche Ideen für die Arbeit, neben der Jobroutine aber wenig bis keine Visionen von der weiteren Welt da draußen. Wenigstens lernt sie jetzt on-the-fly neue Sprachen. Sprachen, die bei Elternabenden essentiell sind, will man Kontakt zu den Erziehungsberechtigten seiner Schützlinge herstellen. Denn wer muss in Deutschland schon deutsch sprechen? Eben, niemand muss das.



Die Zeit verflog buchstäblich, bei Osterfeld wäre Heike A-Schein-prüfungsreif gewesen, 100 km davor hätte ihr und uns dieses Wissen aber leider nur wenig gebracht, wenn, ja wenn der Italiener die Betonleitplanke im 80er-Baustellenbereich nicht nur touchiert hätte, stattdessen von ihr abgeprallt und quer über die Fahrbahn geschossen wäre. Schrecksekunden. Herzklopfen. Ausgeliefertsein.

Mit Diskussionen zum NSU und daraus zu ziehenden/bereits gezogenen Konsequenzen verlasse ich den erdgasbetriebenen Pkw am Leipziger Flughafen. Keine 5 Minuten später sitze ich in der S-Bahn nach Hause, in Gedanken beim Abendbrot, in Gedanken bei dir, K.

Flughafen Leipzig/Halle.

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