Montag, 2. März 2015

Nennen wir ihn Max

Eine Kleinstadt irgendwo in Deutschland. Sie könnte im Westen, im Norden, im Osten, im Süden liegen, völlig egal. Die örtliche DHL-Filiale befindet sich in einem Edeka-Geschäft, seit Mitte der 1990er Jahre existiert im Ort kein eigenständiges Postgebäude mehr. Der Konzern hat seine Dienstleistungen breitflächig outgesourced [sic!] und an lokale Kleinunternehmer Lizenzen zu deren Bereitstellung vergeben - das Prinzip Franchising.

Max, Mitte 40, erwartet ein Paket und möchte es am Nachmittag dieses Montags abholen. Er hat eine abgeschlossene Berufsausbildung, ist verheiratet, zwei Kinder leben mit auf dem elterlichen Hof. Sie wohnen gerne auf dem Land. In seiner Freizeit besucht er Spiele der regionalen Fußballclubs, bei passendem Wetter geht er mit seinem Kumpel am nahegelegenen See angeln. Wohnhaus und Edeka trennen exakt 196 m, man kann die direkte Luftlinie auf dem Fußweg zurücklegen. Max mag aber nicht laufen und steigt lieber in seinen Honda CR-V, ein SUV mit gut 1,5 t Leergewicht. Er biegt nach links ab, denn der direkte Weg zum DHL-Schalter ist verkehrsrechtlich eine Einbahnstraße. Max fährt 540 m mit dem Pkw um den Block, um direkt vor dem Discounter zu parken. Dort holt er ein Paket ab mit geschätzten Maßen von 70 x 30 x 30 cm. Man kann das Paket problemlos unter den Arm klemmen, Max zeigt das auf dem Weg zurück zum Auto.

Fußweg: 400 m; Fahrstrecke: 868 m.

Die BILD-Zeitung liegt auf dem Armaturenbrett, aus der schwarzen Hose von Engelbert Strauss wird eine Lucky Strikes-Packung gezogen. Max steigt ein und rollt die 228 m durch die Einbahnstraße zurück zum Startpunkt. Auf dem Beifahrersitz liegt sein Paket.

Max ist ein Fossil, das sich in bester Gesellschaft befindet. Ihr Maßstab ist keine Suffizienzstrategie, ihr Maßstab ist die Beibehaltung des bequemen, des von der Generation vor ihnen und, ja, auch lange Zeit von der Politik (im Grunde bis heute!) unzureichend infrage gestellten Lebensstils. Globale Probleme und Herausforderungen werden als "global" und nicht gleichzeitig "lokal" rezipiert. Der besorgniserregende Ressourcenverbrauch unserer europäischen Zivilisation beispielsweise betrifft aber jeden einzelnen - allein drei Erden wären nötig, würde jeder Mensch diese Lebensweise praktizieren. Denkt Max darüber nach, was er sich morgens zum Frühstück auf den Tisch stellt? Denkt Max über seine Wege und deren Optimierung nach (Fahrgemeinschaften, ÖPNV, nichtmotorisierter Individualverkehr)? Denkt Max über seine Urlaubsziele nach, vermeidet er Fernreisen? Denkt Max über die Wahl seines Stromanbieters nach? Denkt Max über seinen Alkohol- und Fleischkonsum nach? Redet Max mit seiner Familie, seinen Freunden, seinen Kollegen darüber?

Kennen Sie Max? Aus dem Spiegel?

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