Dienstag, 20. Oktober 2015

In den Zillertaler Alpen

Die Sommertour gen Süden verläuft erneut problemlos, nette Mitfahrer bereichern die trögen Autobahnstunden. Mareile kommt dank uns zur Hochzeit einer ehemaligen WG-Mitbewohnerin in Wiesau, Chris spart sich die Bahnkosten und reist bis Weiden i. d. Oberpfalz, Diana erzählt auf dem Weg zur Allianz Arena vom Glück, ein Haus in München zu bewohnen sowie von Roms Reizen im Sommer. Im Chiemgau, unserem Zwischenstopp für eine Nacht, werden wir herzlich empfangen. Kaffee und Kuchen im Kreise der Bauernfamilie auf urigen Sitzmöbeln vor diesem alten Haus mit Blick auf die Hochries - fast scheint es, als wären wir kein Jahr lang weggeblieben. Ich lehne mich zurück und sauge den Moment ein, will das Leben mit seinen positiven Seiten bewusster wahrnehmen und seltener durch dessen negative in machtloses Erstarren abgleiten.
Gestärkt von Zitronenkuchen und Stracciatella-Eis leisten wir dem Tipp der Hausherren zu einem Spaziergang durch die Samerberger Filze Folge - einem Feuchtgebiet, das sich am Fuße der Chiemgauer Alpen auf tonigen Schichten im Zuge der nacheiszeitlichen Massenbewegungen bildete. Die Gewitter des Tages schaffen es nicht herüber, bleiben vielmehr hinter dem Kaisergebirge hängen und bescheren uns somit einen Einstand nach Maß im Alpenraum. Das Wasser des Naturbades Samerberg wird von zwei parallel arbeitenden natürlichen Systemen permanent gereinigt: Eine Pflanzenkläranlage bindet überschüssige Nährstoffe, ein begrünter Kiesel-Kohlefilter sorgt für die Entfernung von Schmutz und Keimen.

Das Areal ist verständlicherweise gut besucht, findet man hier bei freiem Eintritt doch ein wahres Erholungskleinod inmitten weiträumiger Wiesen und dörflicher Umgebung vor.

Das Naturbad in den Samerberger Filzen.

Nach einem (wahrscheinlich) etwas teurer als geplant ausgefallenen Umzug ins Zillertal beziehen wir unser Zimmer im Obergeschoss des Bluebird Mountain Hostels.

Chrissi und Waldemar haben sich in Gestalt dieses Bauernhofes einen Traum erfüllt: Den vom eigenständigen, selbstverantworteten Leben in der Natur, gemeinsam mit Freunden und ihrer großen Leidenschaft - dem Snowboarding. Wir kommen nicht im Winter und werden trotzdem herzlich empfangen, denn das Hostel ist selbstverständlich ganzjährig für Gäste geöffnet. Die beiden wohnen selbst im Haus, teilen alle Einrichtungen vom Bad bis zur Küche. Dass es hierbei auf die richtige zwischenmenschliche Chemie ankommt ist kein Geheimnis. Sie ist Bedingung für einen gelungenen Aufenthalt, denn es macht eher wenig Sinn, gemeinsame Zeit beim Frühstück oder Abendbrot zu verbringen und sich dabei anzuschweigen. Nein, hierher kommen Menschen mit ähnlichen Vorstellungen vom Leben wie die Hosts - gern inklusive ihrer Haustiere, denn die zwei Hunde Mini und Corby sind ganz und gar nicht besitzergreifend.


Der erste Gipfel

Eine Wanderung auf den Hamberg, gleich hinter der Haustür, bietet einige Überraschungen:
Hamberg - Hocheggalm - Obweinalm - Märzenbach





Gipfelkreuz auf dem Hamberg.

Blick vom Hamberg ins nördliche Zillertal.


Die Hocheggalm.

Nachwuchs...

...auf der Hocheggalm.

Guck-guck.




Mittagsmahlzeit.

Traumhaus auf der Obweinalm.


Im Tal des Märzenbaches.



Klamme Mönche?

Seit mehr als hundert Jahren können Touristen von April bis Oktober die vom Stanser Bach in den Dolomit geschnittene Klamm am Georgenberg bei Stans durchwandern. 254 Meter Höhenunterschied werden auf filigran sich an die Steilwände schmiegende Treppenkonstruktionen überwunden, deren Breite in Stoßzeiten sowie aufgrund des erlaubten beiderseitigen Zustiegs bisweilen Wartezeiten erforderlich macht. Mir kommen die Wartezeiten ganz gelegen, denn nicht immer ist es leicht, das Stativ sicher für die beabsichtigten Langzeitbelichtungen zu positionieren. Hat man das obere Wehr erreicht, führt ein breiter Wanderweg von da aus hinauf zur Benediktinerabtei St. Georgenberg-Fiecht.


Durch die Wolfsklamm zur Benediktinerabtei St. Georgenberg-Fiecht.


Gandalf, bist du hier irgendwo?

Benediktinerabtei St. Georgenberg-Fiecht.

Fotografieren verboten. Mir gab der Herr eine Sondererlaubnis.


Das Naturbad Schlitters im Zillertal.

Bluebird Mountain-Impressionen





Karambolage am Morgen bringt...

...süße Katzenfotos auf der Wiese nebenan. ;-)




Bergmähderweg und Steinböcke im Zillergrund



Dieser Ausflug ins hintere Zillertal steht unter keinem guten Stern. Konsensuale Entscheidungen basieren auf gemeinsamen Zielen, wenn selbige jedoch in wenigen Bereichen diametral auseinander liegen, wird es schwierig. Muss man einen (Urlaubs)tag akribisch durchplanen? Muss man körperliche Ausbelastung permanent suchen? Muss man thematische Schwerpunkte setzen wie bei einer Exkursion mit Studenten/Schülern? Ich erkenne meine Neugier an und den Drang, Dinge zu vermitteln. Ich erkenne meinen Hang zu Grenzerfahrungen an. Ich erkenne meine zeitweilige Blindheit gegenüber den Gefühlen Dritter an, während das eigene Hirn sich mit für den Einzelnen unlösbaren Problemen belastet.

Ich möchte mich bei dir entschuldigen.

Die Gemeinde Brandberg im Zillergrund.


Als "Bergmähder" werden im Alpenraum Wiesen oberhalb der Dauersiedlungsgrenze (je nach Region variabel, im Zillergrund ab 1.300 m NN) bezeichnet, die einmal im Jahr gemäht werden. Der Artenreichtum dieser Lebensräume ist im Vergleich zu intensiv genutztem Grünland ungleich höher, Botaniker fanden darin bis zu 50 verschiedene Spezies. Aufgrund ihrer speziellen Orographie - Bergmähder liegen meist an steilen Hängen - kann keine Weidenutzung stattfinden. Die Bauern nutz(t)en diese Areale deshalb ausschließlich für die Gewinnung von reichhaltigem Heu.

Wir steigen vom Parkplatz Maurach zu Beginn der Mautstrecke auf nach Brandberg, wo hinter dem Gasthof Thanner der Bergmähderweg beginnt. Dieser thematische Pfad führt mitten durch eine bedrohte Kulturlandschaft, denn Arbeitsaufwand und Ertrag halten sich vielerorts nicht mehr die Waage. Ein Beispiel dafür ist die Entwicklung vor Ort: Zwischen 1950 und 2014 nahm die Bergmähderfläche rund um Brandberg (350 Einwohner, 156 km²!) von 65 ha auf 10 ha ab.




Werden die Wiesen nicht mehr regelmäßig gemäht, tritt eine natürliche Sukzession ein. Zuerst breiten sich Zwergsträucher aus (Heidelbeere, Preiselbeere, Wacholder), darauf folgen Latschenkiefern und schließlich größere Koniferen wie Fichte, Lärche oder Zirbe. Die wertvolle Kulturlandschaft würde verschwinden und mit ihr zahlreiche Arten, die auf solche offenen Standorte zum Überleben angewiesen sind.





Eine geologische Grenze sorgt inmitten der Brandberger Bergmähder für botanische (Farb)Vielfalt. An silikathaltigen Untergrund angepasste Pflanzen blühen nämlich gelb (z.B. Gelbe Alpen-Küchenschelle, Arnika, Alpen-Wundklee) und - etwa südlich des Kolmhauses - an kalkhaltigen Untergrund angepasste blau (z.B. Enzian, Storchschnabel).

Seit mehr als 20 Jahren sorgen das Bundesland Tirol, die Gemeinde Brandberg, Tourismusverbände sowie der Hochgebirgs-Naturpark Zillertaler Alpen mit diversen Initiativen und Fördermodellen dafür, dass diese besondere (Kultur)Landschaft erhalten bleibt. Ob es sie in 20 Jahren noch geben wird, ist indes ungewiss, denn die einzige Konstante im Leben ist stetiger Wandel.


Spot the glider!

Fliegenfischen in der Ziller.

Staumauer Zillergründl.


Staumauer Zillergründl
  • 86,7 Mio. m³ Nutzinhalt
  • 1.850 m NN
  • 186 m Mauerhöhe
  • 506 m Kronenlänge
  • 6,7 m Kronenbreite
  • 42 m max. Basisbreite
  • 1.370.000 m³ Beton


Steinbock-Welten.


Seine Welt besteht aus Beton, Gitter und Zäunen.

Wie der Vater, so der...


Bluebird Mountain Hostel.

Von Hintertux zur Gefrorenen Wand



Dass sich die Gletscher weltweit auf dem Rückzug befinden ist eine Tatsache, die regelmäßig durch neue Untersuchungen bestätigt wird. Dass der anthropogene Klimawandel an diesem Schwund die Hauptschuld trägt, wird leider noch häufig negiert bzw. werden daraus nur unzureichende Konsequenzen gezogen. Hier im Alpenraum wollen wir uns nun selbst ein Bild vom status quo des nicht mehr ewigen Eises machen.

Rechts in Bildmitte: Hintertux.



Auf 1.500 m NN beginnt die Wanderung entlang des Tuxbaches bei Hintertux, ein sehr gut markierter Pfad schlängelt sich im Osten des weiten Tals erst durch dichten Wald, später zwischen Zwergsträuchern und Krüppelkiefern hindurch stetig weiter nach oben. Schon hier fällt auf, dass zahlreiche Rinnsale für einen markanten Abfluss sorgen. Richtig deutlich wird dies ab 2.100 m NN, ca. 300 Höhenmeter über dem Zusammenfluss von Großem Kunerbach, Kleinem Kunerbach und Schwarzbrunnerbach zum Tuxbach. Einen buchstäblich reißenden Fluss quert die kleine Holzbrücke, mein Blick gilt dem Zehrgebiet (heute quasi alles!) des Gletschers. Im Frühjahr, zur Schneeschmelze, sind relativ große Abflussmengen üblich, jetzt im Sommer bereitet der Anblick mir aber Unbehagen. Wir sollen später erfahren, dass heuer seit drei Wochen auch auf über 3.000 m NN ganztägig Plusgrade herrschen. Die Eismasse verringert sich unter solchen Bedingungen täglich um 10 cm (!!!). Das sind ungewöhnliche Werte - ungewöhnlich bis dato.



Frötzi?



Ehemaliger Meeresgrund.



Panorama zwischen Spannagelhaus und Fernerhaus.

Klägliche Reste des...

...Hintertuxer Gletschers.

Der Tourismus ist die Haupteinnahmequelle der Gemeinden weiter Teile des Alpenraums. Alleinstellungsmerkmale, um sich von der Konkurrenz abzuheben, sind wichtig, ja unabdingbar, für den konstanten Strom der Gäste. Hier ist das Besondere ein ganzjährig bequem durch Bergbahnen erschlossener Gletscher zwischen 2.600 m und 3.200 m NN. Man wirbt mit "365 Tagen Skispaß" und bietet am Fernerhaus eine Infrastruktur, die so manche Kleinstadt gerne hätte. Während uns Snowboardfahrer entgegenkommen und BMW ein Auto präsentiert, schimmern im Hintergrund die weißen Plastikmatten in der Nachmittagssonne. Sie sind der verzweifelte Versuch, einen irreversiblen Prozess zu verlangsamen, um so lange wie möglich vom weißen Gold der Berge zu profitieren. Sie sind Ausdruck symbolischer Handlungen, wo weitreichende globale Anstrengungen nötig wären. Sind sich diejenigen, die hier (im August) dem Wintersport frönen, eigentlich ihrer Verantwortung bewusst? Sind sich die Gemeinden ihrer Verantwortung bewusst? Schwere Lkw legen jetzt in der Nebensaison täglich mehrmals die Strecke Hintertux - Spannagelhöhle zurück - 1000 hm auf 8 km (Spritverbrauch pro Lkw: über 300 l Diesel täglich!). Warum? Um neue Skilifte für noch mehr Wintergäste anbieten zu können. Der Teufelskreis wird stetig genährt und wir stehen im Staub einer trockenen Piste.



Ein weiterer Kommerzfaktor vor Ort ist der "Natureispalast", ein in den Gletscher gezimmerter Rundweg mit - kein Scherz - der Möglichkeit, auf einem Schmelzwassersee unter dem Eis im Schlauchboot zu sitzen. Üblicherweise gelangen nur Glaziologen in die Versuchung, sich über Gletscherspalten Zugang zum inneren Teil dieser nicht ganz ungefährlichen Gebilde zu verschaffen; verständlicherweise war ich nach dieser Zufallsinfo vom Vortag sofort elektrisiert.





Ja, das hier ist teurer Tourikram! Wenn man aber solche Fotos vom Inneren eines Gletschers gewinnen kann, lohnen sich die 32 Euro für zwei Personen auf jeden Fall. Ein Recht auf ehrliche Beratung an der Kasse wäre trotzdem schön!!!











Es tropft überall.







3.200 m NN. Ohne Worte.

Panorama vom Schlegeisspeicher zum Großen Kaserer.



Zwischen 1850 und 1970 hat sich die Oberfläche der Alpengletscher um 35 % von 4.470 km² auf 2.900 km² verringert. Weitere 22 % Schwund kamen im vergleichsweise kurzen Zeitraum von 1975 bis 2000 hinzu. Innerhalb von 150 Jahren haben die alpinen Gletscher mehr als 50 % ihrer Fläche verloren.

"Rapide schwindende Gletscherflächen, spektakuläre Rückzüge der Gletscherzungen und zunehmende Massenverluste sind klare Zeichen der atmosphärischen Erwärmung in den Alpen während den vergangenen 150 Jahren und deren Beschleunigung in den letzten zwei Jahrzehnten, die in einem Verlust von weiteren 5–10 % des verbleibenden Eisvolumens im außerordentlich warmen Jahr 2003 gipfelte. Aus dem Modellierungsexperiment wurde ersichtlich, dass es für die Kompensation einer Änderung der 6-Monats-Sommertemperatur um ±1 °C eine Zu-/Abnahme des jährlichen Niederschlages von etwa 25 % benötigt. Ein Anstieg der Sommertemperatur um 3 °C würde die alpine Gletscherbedeckung der Referenzperiode (1971–1990) um ungefähr 80 % reduzieren, oder auf ca. 10 % der Gletscherausdehnung um 1850. Im Falle eines Anstieges der Sommertemperatur um 5 °C würden die Alpen praktisch eisfrei werden. Jährliche Niederschlagsänderungen um ±20 % modifizieren solche geschätzten Prozentwerte des verbleibenden Eises um weniger als den Faktor Zwei."
(Michael Zemp, S. 7)




Die Massenbilanz eines Gletschers ist die Differenz aus Akkumulation und Ablation. Schwindende Gletscher sind Zeichen von negativen Massenbilanzen, mit anderen Worten verringerter Niederschläge und/oder erhöhter Schmelzraten.

"Increasing mass loss, rapidly shrinking glaciers, disintegrating and spectacular tongue retreats are clear signs of the atmospheric warming observed in the Alps during the last 150 years and the acceleration observed over the past two decades. However, in the short term or at a regional scale, glaciers show a highly individual variability. Glacier behaviour depends not only on regional climate but also on local topographic effects which complicate the extraction of the climate signal from glacier fluctuations."
(Michael Zemp, S. 46)

Enorme Abflussmengen im August 2015.



Auf einer Seitenmoräne ins Tal.


Die durchschnittliche Eisdicke aller verbliebenen Alpengletscher beträgt ca. 30 - 35 Meter. Extremjahre wie 2003 (8 % Gletscherschwund) zeigen keinen generellen Trend, verdeutlichen aber, wie bedroht diese Areale sind. Es bedarf lediglich weiterer 10 Jahre mit Bedingungen anno 2003 und die Alpengletscher sind weitgehend Geschichte. Weitgehend deshalb, weil 90 % von ihnen mit Flächen < 1 km² besonders klein sind. Die größten Gletscher mit aktuell noch mehreren hundert Metern Eisdicke werden länger Bestand haben, doch auch deren Tage sind gezählt, bleibt ihre Massenbilanz dauerhaft negativ.


Veränderungen am Tuxer Ferner 1924 - 2012 | Quelle

Fotovergleiche österreichischer Gletscherflächen 1900 und 2000

Literatur

Michael Zemp: Glaciers and climate change - Spatio-temporal analysis of glacier fluctuations in the European Alps after 1850. PhD thesis, Universität von Zürich, 2006. (PDF, 7,4 MB)




Bauernmarkt in Fügen. Überschaubare Größe.

Sehenswerte Ausstellung in der Heumilchsennerei Fügen.









Nachdenklicher Bauer im Nebenerwerb.


Schnitzerstube in Hart/Zillertal.


Küche/Gemeinschaftsraum im Bluebird Mountain Hostel.

Blick vom Gattererberg auf Fügen im Zillertal.






Spaziergang durch Stumm/Zillertal








Sitz der Gemeindeverwaltung.


Denkmal für den Ehrenbürger Stephan Eberharter.

Schloß Stumm.


Bienenstöcke im Märzengrund.

Schutz vor Treibholz.

Auf Wiedersehen...

...im Zillertal.

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