Donnerstag, 24. Dezember 2009

Weihnachten

[...] "Wir sitzen schweigend. Meine Schwester und ich. Die Geräusche sind verschwunden, und wir sitzen einfach nur da. Ich verstecke mich. Mein Vater ist weg.
In den nächsten Tagen bin ich viel weg. Wir fahren nach Berlin, wo mein Vater beerdigt werden soll. Ich verstecke mich, damit mein Vater nicht beerdigt werden kann. Meine Mutter findet mich. [...]

Ein Jahr später sah ich meinen Vater zum letzten Mal. Es ist auf einer Skipiste in Norwegen. Ich rase wie ein Besessener die schwarzen Pisten hinab. Ich nutze meine ganze Technik, die ich gelernt habe. In die Knie gehen, die Hüften einsetzen.
Ich wedele von Seite zu Seite, ohne zu bremsen, überhole alle anderen - viele rufen. Ich hole ihn für einen kurzen Augenblick ein. Wir lächeln uns zu. Ich falle wieder etwas zurück, aber ich setze alle meine Kraft und mein ganzes Können ein und hole ihn wieder ein. Er lächelt. Ich lächle zurück.
Doch je mehr er lächelt, desto langsamer werden meine Skier. Schließlich bleibe ich stehen und schaue nur dem schwarzen Schatten hinterher, der hinter dem Hügelkamm verschwindet. Ich rase hinter ihm her, aber er ist und bleibt verschwunden.
Ich stehe lange auf der Piste. Ganz allein. Niemand kann mich sehen. Ich friere nicht, habe eine Schale um mich herum. Eine Schale, die mich vor dem Tod schützt, vor dem Leben, vor den Gefühlen. Mein Leben. Ich spüre aber noch etwas anderes. Ich schaue in den Himmel und weiß, dass er immer bei mir ist. Der Tod bringt uns wieder zusammen. Irgendwann. Ich weiß, er ist tot. Und ich weiß, dass ich geboren wurde, um zu sterben. Aber auch, dass ich mein Leben ganz leben soll."
(Hosea Dutschke, 41, zum Tod seines Vaters Rudi Dutschke vor 30 Jahren)
Man soll sein Leben ganz leben. Na dann.

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