Dienstag, 2. September 2014

Wachstum neu denken | Degrowth 2014 in Leipzig

Es waren einmal die 50er Jahre. Hohe jährliche Wachstumsraten - zwischen 7 % und 12 % - des realen Sozialprodukts, steigender materieller Wohlstand sowie der Abbau der Arbeitslosigkeit trotz Zustroms von Flüchtlingen und Arbeitsmigranten (Arbeitslosenquoten 1950: 10,4 %; 1965: 0,7 %) prägten das deutsche Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit. Dazu beigetragen haben neben günstigen weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen (in jener Zeit wurde der Grundstein zum deutschen "Exportweltmeister" gelegt) und ausländischen Finanzhilfen vor allem die soziale Marktwirtschaft in Verbindung mit einer Währungsreform und der Leistungsbereitschaft, dem Aufbauwillen von Arbeitern wie Unternehmern gleichermaßen.

Die Nachkriegsrezession 1966/67 führte zu einer ersten Trübung des grenzenlosen Optimismus, knapp die Hälfte der etwa eine Million zählenden ausländischen Arbeitskräfte kehrte Deutschland den Rücken. Vorläufig, denn nach Ende der Rezessionsphase stiegen die Zuwanderungszahlen erneut stark an. Schon 1973 waren 2,6 Millionen ausländische Beschäftigte in Deutschland tätig - deren Familien eingeschlossen lebten ca. 3,5 Millionen Ausländer in der Bundesrepublik. Die Ölkrise bewirkte keine große "Rückreisewelle", vielmehr verlängerten infolge eines Anwerbestopps zahlreiche Menschen ihre Aufenthaltsgenehmigung.

Zum 31.12.2012 lebten 6.640.290 Menschen ausländischer Herkunft in Deutschland, das entsprach 8,2 % der Gesamtbevölkerung.

Das Hauptmotiv für Migrationen weltweit ist die Hoffnung auf bessere Lebensbedingungen. Menschen verlassen ihre Heimat in den meisten Fällen nicht freiwillig, sondern werden zu diesem Schritt gezwungen. Täglich sterben Hunderte auf ihrem Weg in eine vermeintlich bessere Welt; gleich vor der europäischen Haustür, im Mittelmeer, zu unser aller Schande auf völlig überladenen Booten. Jede Nacht. Jede Woche. Jeden Monat. Jahr für Jahr. Es sind nicht selten die Familienväter oder die Söhne, die sich in Europa eine bessere Zukunft für ihre Familien im Heimatland ausmalen. Sie wollen in der Ferne Arbeit finden, ihre Familien unterstützen, ihnen ein menschenwürdiges Leben ermöglichen, fernab von Bürger- und Wirtschaftskriegen.

Deutschland ist mit einem BIP von 2.809 Milliarden Euro die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt und die größte Europas, 42,6 Millionen Menschen sind erwerbstätig, die Arbeitslosenquote beträgt 6,7 %, seit Jahren steigen die durchschnittlichen Brutto-Jahreslöhne (1960: 3144 Euro; 1990: 21.479 Euro; 2013: 31.089 Euro).

Alle Daten: Statistisches Bundesamt

Wir brauchen ein neues Wachstumsverständnis!

Relative Wachstumsraten, die in den 1950er Jahren noch bejubelt wurden, sind heute hierzulande längst Geschichte und global nur noch in Schwellenländern - mit alle den negativen Begleiterscheinungen - zu konstatieren. Stimmt das?
"Bei der Abgrenzung zwischen absolutem und relativem Wirtschaftswachstum wird das Wirtschaftswachstum in der Regel als prozentuale, also relative Veränderung zum Vorjahr angegeben. Mitte der fünfziger Jahre betrug in Deutschland das bereinigte Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ca. 5000 Euro, bei (relativen) Wachstumsraten um die 10 %. Dies entspricht einem absoluten Wachstum von durchschnittlich ca. 500 Euro pro Person. Anfang der neunziger Jahre lag das BIP pro Kopf bei ca. 25.000 Euro, bei einem relativen Wachstum von 2 %, was einem absoluten Wachstum von wiederum 500 Euro pro Kopf entspricht - demselben absoluten Wert wie in den Fünfzigern."
(Quelle: Wikipedia)
"Stetig wachsen, beschleunigen und innovieren zu müssen, nur um stehenbleiben zu können, nicht in die Krise zu rutschen, führt in eine existentielle Unmöglichkeit."
(Hartmut Rosa)

Hohe Einkommen und scheinbar stetiges Wirtschaftswachstum ziehen Menschen aus aller Welt in die Industriestaaten. Dort erhoffen sie sich stabile politische Verhältnisse, auskömmliche Arbeit und gute Bildungschancen. Im Zuge der Globalisierung öffneten sich nicht nur die Tore für den internationalen Warenverkehr, nein, man muss sie auch als einen weltumspannenden Angleichungs- und Homogenisierungsprozess betrachten. Länder konkurrieren heute neben "Humankapital" um Ressourcen, Marktanteile, Absatzmärkte. Die mächtigen Akteure der Globalisierung sind Transnationale Unternehmen und Nationalstaaten. Die Zahl international operierender Unternehmen ist in den letzten 20 Jahren rasant angestiegen (1993: 40.000; 2007: 79.000), Multis wie General Electric haben mittlerweile Vermögensreserven, die von nur noch wenigen Staaten übertroffen werden. Dennoch verlieren Nationalstaaten nicht an Bedeutung, wie die "Lösungen" von Finanz- oder Eurokrise allzu deutlich zeigen. Als letzter Anker im Krisenfall, Garant innerer Sicherheit, außenpolitischer Beziehungen, öffentlicher Dienstleistungen einerseits sowie wichtiges Steuerinstrument für wirtschaftliche Aktivitäten andererseits sind mir persönlich Nationalstaaten lieber als internationale Multis mit dem (einzigen) Gesetz des Gewinnstrebens.

Ich möchte in diesem Artikel nicht ausführlich auf Szenarien zur Steuerung der Globalisierungsprozesse eingehen, stattdessen sollen nur die korrelierten Themenkomplexe benannt werden, denen sich hier im Blog noch ausführlich gewidmet werden wird: Zwang zur nachhaltigen Entwicklung; die Schranken des Kapitalismus; die globale Ernährungskrise; Peak Oil und seine Folgen; Klimawandel; neue Kriege; die Grenzen des Wachstums.
"Das Wachstum als politisches Ziel ist in der Bundesrepublik Deutschland seit 1967 mit dem Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft (StabG) rechtlich vorgegeben. Darin wird von wirtschaftspolitischen Maßnahmen gefordert, "[...] dass sie im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung gleichzeitig zur Stabilität des Preisniveaus, zu einem hohen Beschäftigungsstand und außenwirtschaftlichem Gleichgewicht bei stetigem und angemessenem Wirtschaftswachstum beitragen" sollen (Quelle)
Stetiges Wachstum kann es nicht geben, es ist eine Illusion. Denn Ressourcen sind begrenzt - lokal und global.
"Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht. Mit großer Wahrscheinlichkeit führt dies zu einem ziemlich raschen und nicht aufhaltbaren Absinken der Bevölkerungszahl und der industrialisierten Kapazität."
(D. L. Meadows et al. 1973, S. 17: Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit.)
Die Menschheit als ganzes muss JETZT handeln, denn allein die ökonomischen Folgen des Klimawandels können zu "Systemzusammenbrüchen" (IPCC) führen.

"Degrowth" heißt die Zukunft

"Unter Degrowth verstehen wir eine Verringerung von Produktion und Konsum in den frühindustrialisierten Staaten, die menschliches Wohlergehen, die ökologischen Bedingungen und die Gleichheit auf diesem Planeten fördert. Ziel ist eine Gesellschaft, in der Menschen mit Rücksicht auf ökologische Grenzen in offenen, vernetzten und regional verankerten Ökonomien leben. Ressourcen werden durch neue Formen demokratischer Institutionen gleicher verteilt. Solche Gesellschaften werden nicht länger „wachsen oder untergehen“ müssen. Materielle Akkumulation wird nicht mehr an erster Stelle der kulturellen Vorstellungswelt der Bevölkerung stehen. Das Primat der Effizienz wird durch eine Ausrichtung auf Suffizienz ersetzt. Innovation zielt nicht mehr auf Technologie um ihrer selbst willen ab, sondern strebt neue soziale und technische Einrichtungen an, die konviviale Lebensweisen ermöglichen. Degrowth stellt nicht nur das Bruttoinlandsprodukt als zentralen Politikmaßstab in Frage, sondern beschreibt darüber hinaus Wege für einen radikalen Wandel unseres Wirtschaftssystems, damit mehr Raum ist für menschliche Kooperation und resiliente Ökosysteme."
(www.leipzig.degrowth.org)

In dieser Woche treffen sich in Leipzig circa 3000 Menschen, um gemeinsam an der Vision einer nachhaltigen Postwachstumsgesellschaft zu arbeiten. Der Förderverein Wachstumswende e.V. und der Leipziger Think Tank "Konzeptwerk Neue Ökonomie" stellen im Bund mit insgesamt 70 Mitstreitern den Kern des diesjährigen Organisationsteams. An der Universität Leipzig finden Seminare, Vorträge und Workshops statt, in der Stadt Exkursionen zu Stadtgarten-Projekten, Repair-Cafés, Transition Town-Aktivisten u.a.m., desweiteren künstlerische Auseinandersetzungen mit der Thematik.

  • Wie organisiert man eine (bessere?) Gesellschaft?
  • Was gestaltet man die sozial-ökologische Transformation?
  • Wie lebt man selbstverwaltet?

Sie sind neugierig geworden? Folgen Sie dem Livestream der Konferenz, klicken Sie sich durch die Veranstaltungsvideos oder lesen Sie den Blog.

Degrowth 2014
Pressemappe

Stichwort Transition Town

Die Erkenntnis, dass unsere Ressourcen endlich sind, führte in den letzten Jahren zu zahlreichen Bewegungen rund um den Globus, die sich alle mit der Gestaltung eines nachhaltigen Lebens beschäftigen. Der Engländer Robert Hopkins gilt seinerseits als Gründer der Transition Town-Bewegung und großer Fürsprecher der Permakultur. Auf seinem Blog berichtet er von all den kleinen und großen Nachhaltigkeitsprojekten in seiner Heimat im Speziellen sowie den theoretischen Grundlagen einer "Transition Culture" im Allgemeinen. Grundprinzip dieser Denk- und Lebensweise ist nachhaltiges Wirtschaften mit den vorhandenen Ressourcen auf ökologischer und ökonomischer Ebene.

Merkmale einer Transition Town:
  • Reduktion fossiler Energieträger zugunsten der Erneuerbaren
  • Stärkung der lokalen/regionalen Wirtschaft (z.B. durch Lokalwährungen)
  • Erhöhung der Resilienz (Widerstandsfähigkeit gegen Stressoren)
  • Leben in und mit der Natur, Artenvielfalt
  • Etablierung von Kreisläufen (Recyclingziel: 100 %)
  • weitgehende Selbstversorgung
  • hohes Maß an Demokratie und Selbstbestimmung der Bürger
  • Verzicht

Was heute von manchen vielleicht noch heimlich belächelt, gar mitunter als "esoterischer Kram" abgekanzelt wird, kann in 30, 40 Jahren die Normalität sein. Städte im postfossilen Zeitalter müssen neue Wege beschreiten, um weiterhin überlebensfähig zu bleiben. Welche dieser Wege gangbar sind, ergründet die Transition-Bewegung. Wir sollten sie unterstützen und uns einmischen!

Ziele der Regionalgruppe Leipzig (PDF):
  • Austausch & Miteinander
  • Vorbereitung auf Veränderung - Netzwerke und alternative Strukturen schaffen
  • Nachhaltigkeit (vor)leben
  • Selbstentwicklung & innerer Wandel
  • Lebensqualität erhöhen
  • Bewusstsein schaffen
  • Positiv denken
  • Zusammenarbeit mit der Stadt
  • Offizielle Transition Town werden

Interessen der Regionalgruppe Leipzig:
  • Das Leben nach dem Öl lernen
  • Lindentaler Regionalwährung
  • Garten Initiative „Grün soll es werden!“
  • Permakultur Forum Leipzig
  • Energie
  • Transition Town Gartenprojekt
  • Öffentlichkeitsarbeit
  • Praxisreihe & Reskilling
  • Gesundheit
  • Ernährung & Selbstversorgung
  • Spiele & Feiern
  • Herz & Seele
  • Kennenlern-Treffen
  • Nach-Spielzeit

Transition Town Leipzig
Nachhaltiges Leipzig
Transition Network

"Die Zeit ist reif. Wenn dein Haus brennt, solltest du einen Weg nach draußen finden." (Rob Hopkins)

Totnes, Englands erste Transition Town



Die Rolle der Transition Town-Bewegung | Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie



Karin de Miguel Wessendorf: "Weniger ist mehr" (Trailer)


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