
Junge Brennnesselblätter, Löwenzahn, Rohrkolben, Spitzwegerich - alles schon verkostet. Giftpfeile präparieren war cool, Tierspuren lesen anspruchsvoll, der Fallenbau kreativ und der Hüttenbau nicht immer wasserdicht. Die Freude am bewussten Leben in und mit der Natur wurde und wird durch unser Grundstück auf dem Land genährt. Hier hält man im Garten die Früchte der eigenen Arbeit in Händen, hier wachsen Kultur- und Wildpflanzen eng beeinander. Für mich ist es das Größte, aus dem Interesse für nachhaltige Ernährung eine Leidenschaft werden zu lassen. Sie weiht mich ein in die Geheimnisse guter Küche, sie ist mein Guide auf dem Weg vom Reden zum Machen. Sie ist meine Freundin!
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Riechen, schmecken, fühlen. |
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Heike Schüürmann... |
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...in ihrem Element. |
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Der Arznei- und Gewürzpflanzengarten am Oberholz. |
Erst sammeln, dann futtern
Dass man Bärlauch relativ einfach verwerten kann, haben wir bereits hier dokumentiert, dass man von der Pflanze bis zum Welken der Laubblätter aber auch die Blüten essen kann war mir unbekannt. Ich lebte in dem irgendwann aufgeschnappten Glauben, nur die relativ jungen Blätter wären genießbar. Ein weiteres Beispiel für die ewige lange "Lies-es-selbst-nach"-Liste. Ferner brachte der erste Stopp des circa 15 Teilnehmer umfassenden Kurses hier im schattigen Wald wertvolle Informationen zur Unterscheidung des Bärlauchs von den mit ihm vergesellschafteten (giftigen) Pflanzen Aronstab und Maiglöckchen.
1936 gründeten Leipziger Drogisten den Lehrgarten zur Vermittlung von praktischem Wissen über Arznei- und Gewürzpflanzen. Aufgabe und Ziel sind bis heute aktuell, sowohl für Laien, für Fachleute aber auch für Schulklassen ist die Einrichtung interessant. Die große Auswahl an Projekten (hier für 2015) unterstreicht den Anspruch. Wie es sich für einen Botanischen Garten für Arznei- und Gewürzpflanzen gehört, werden Heilpflanzen, heimische Wildpflanzen, Nutzpflanzen sowie viele bekannte und weniger bekannte Zierpflanzen angebaut und vorgestellt. Die Beet-Systematik erfolgt einmal für über 700 Arten thematisch gemäß den Pflanzenfamilien, daneben werden speziell Heilpflanzen der Schulmedizin und der Homöopathie, nachwachsende Rohstoffe, Giftpflanzen sowie Sukkulenten präsentiert.
Gerahmt wird alles von natürlichen Auwaldarten, diversen Brut- und Nistmöglichkeiten für Insekten, Kleinsäuger und Vögel, Tiergehegen sowie einem Teich. Das parkartige Gelände bietet darüberhinaus dendrologische Besonderheiten, die ganzjährig einen Besuch lohnen.
Wir werden von unseren drei Guides zielgerichtet zu den Wildkräutern geführt, sammeln Bärlauch, Brennnessel, Giersch, Löwenzahn, Minze, Odermennig, Sauerampfer, Spitzwegerich, Taubnessel, Waldmeister. Bei der Zubereitung hat man als Laie die Qual der Wahl, den prinzipiell eignen sich alle Wildkräuter für Salate, Kräuterbutter, Pestos oder Bratlingbeigabe. Der Kenner jedoch wählt geschickt aus den unterschiedlichen Geschmacksintensitäten und -richtungen gezielt jene aus, die perfekt harmonieren.
Rasch füllten sich die zwei Arbeitstische unter dem alten Walnussbaum mit allerlei Schüsselinhalten, wurden Getreidemühle und Mixer ihrer Bestimmung zugeführt. Ich hielt mich bewusst im Bereich der nahrhaftesten Kreation auf: BRATLINGE. Yammi! Den optimalen Mahlgrad für unsere Dinkelkörner hatten wir schnell gefunden, fertig vermengt mit Weizenmehl, Eiern, Bärlauch, jungen Brennnesselblättern und Giersch ergaben sich 18 bunte Kohlenhydratlieferanten. Das Grillen übernahm die Organisatorin Heike Schüürmann höchstselbst, Zeit für uns, die zwischenzeitlich am Nachbartisch entstandenen Leckereien zu verkosten.
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Man muss Dinkelkörner mahlen... |
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...Zutaten bereitstellen... |
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...Wildkräuter schneiden... |
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...und die Grundmasse kneten... |
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...sollen leckere... |
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...Bratlinge... |
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...zubereitet werden. |
Der Lohn unserer Arbeit war ein im wahrsten Sinne des Wortes vorzügliches Wildpflanzenmenü. Bioanbau, Eigenernte plus schonende Zubereitung sind die offenen Geheimnisse einer gesunden Ernährung. Niemand von uns hat die Roster vermisst, Bier hatte erst recht keine Chance gegen unsere Smoothies. Einziges Manko: Noch vor 13 Uhr waren fast alle Speisen gegessen, wurde das Veranstaltungsende unumgänglich.
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Eine Olitätenkönigin. |
Ich habe gelernt, dass die größte Hürde auf dem Weg zu gesunder Ernährung unser eigener Kopf ist. Wir müssen daran arbeiten, die (ja, auch erlernte!) Bequemlichkeit zu überlisten, indem wir uns mit selbst zubereiteten Speisen eine Freude bereiten. Denn es ist ungleich befriedigender, sich von der Ernährungsindustrie ein Stück weit unabhängiger zu machen als sich noch weiter in ihren festen Griff zu begeben. Welche weiteren positiven Auswirkungen die nachhaltige Ernährungsweise hat, darüber werde ich demnächst in einer Filmrezension berichten.
Botanischer Garten Oberholz
Störmthaler Weg 2
04463 Großpösna-Oberholz
Tel.: 034297 / 41249
E-Mail: botanischer-garten-oberholz@gmx.de
Internet: www.botanischer-garten-oberholz.de
Programm 2015 (PDF)
Projekte 2015 (PDF)
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Hätten Sie's gewusst? |
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