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Mittwoch, 21. Januar 2015

Einer von Zehntausenden gegen Ausländerfeindlichkeit und braune Parolen

Drei Hubschrauber kreisen über Leipzig, die Innenstadt wimmelt nur so von Polizei-Transportern, Personalien werden kontrolliert, Hundertschaften marschieren durch die Straßen. Ja, der von LEGIDA herbeigesehnte Ordnungsstaat ist heute Nachmittag in der größten Stadt Sachsens zum Greifen nah. 44 Hundertschaften aus dem gesamten Bundesgebiet wurden nach Leipzig abkommandiert, um Gewaltausbrüche zu verhindern und den angemeldeten Demonstrationen zu ihrem demokratisch verbrieften Recht zu verhelfen. Immerhin, für Polizeipräsident Bernd Merbitz ist dieses massive Aufgebot ein "trauriger Höhepunkt im Jahr des 1000. Geburtstags der Messestadt."

Circa 5.000 Polizisten am 21. Januar 2015 in Leipzig.

Ich fahre in die Innenstadt, um mir selbst ein Bild von der Lage zu machen. Eine Frau von Anfang 70 steht mit ihrem Fotoapparat fassungslos vor den 50 "Sixpacks" am Wilhelm-Leuschner-Platz und hat sichtlich Angst: "Wenn das mal gut geht heute Abend. Die Vermummten sind besonders gefährlich, die randalieren immer." Ich schaue schweigend auf das Großaufgebot - über 5.000 Polizisten. "Wissen Sie, wo die alle herkommen?", werde ich gefragt. "Nein." "Ich habe mit einem Polizisten aus Rostock gesprochen, der sagte, bundesweit wurden seine Kollegen zusammengerufen." Später vor dem Bundesverwaltungsgericht kann ich mich selbst davon überzeugen, hier parken nämlich drei Transporter mit RPL-Kennzeichen nebst einem MZ-Krankenwagen. Muss ein Krankenwagen aus Mainz nach Leipzig fahren?

Montag, 19. Januar 2015

UPDATE zur PEGIDA-Studie der TU Dresden + neue Ergebnisse aus Berlin

Beitrag vom 14.01.2015: Je ne suis pas Charlie, mais...

Als Nicht-Soziologe habe ich mich mit einer Kritik am Design dieser Untersuchung bewusst zurückgehalten, zumal hier die Autoren höchstselbst auf die geringe Belastbarkeit ihrer Ergebnisse, oder wie sie es selbst nennen: "gewisse Verzerrungen", hinweisen. Konkret referenziert die Kritik z.B. auf das Phänomen des "non-response bias", also der Tatsache, dass Pegidisten mit extremen Ansichten sich weigern, selbige zu Protokoll zu geben (es stattdessen abgeschwächt tun oder gar nichts sagen).

"Die hohe Anzahl an Verweigerern ist als zentrales Problem für die Aussagekraft der Ergebnisse zu betrachten, da grundsätzlich nicht davon ausgegangen werden kann, dass Personen, die die Teilnahme an einer Erhebung verweigern, ebenso geantwortet hätten, wie Personen, die zur Teilnahme bereit waren – insbesondere bei einem politisch oder persönlich irgendwie sensiblen Befragungsthema, welches hier eindeutig vorlag. Da nicht ausgeschlossen werden kann (und es vielmehr sogar sehr wahrscheinlich ist), dass die fehlenden 65% einen erheblichen Einfluss auf das Befragungsergebnis ausgeübt hätten, hätte man sie zur Teilnahme verpflichten können, ist es in meinen Augen verwegen, von den verbliebenen 35% Rückschlüsse auf die Gesamtheit (nicht nur der Angesprochenen, sondern der Demonstrationsteilnehmer insgesamt) zu ziehen."
(Christian Reinboth)

Dieter Rucht vom Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlin hat mit Kollegen aus ganz Deutschland nun eine neue Untersuchung zum Phänomen "PEGIDA" durchgeführt, deren Ergebnisse sowohl online als auch durch direkte Straßenbefragungen gewonnen worden. Zwar wurde diesmal nur eine Demo (die am 12. Januar in Dresden) untersucht, dafür mit eleganteren Methoden. Die Befragten erhielten Handzettel mit QR-Codes zur Online-Befragung, zusätzlich wurden bei der Verteilung der Zettel weitere Informationen für die Befragten scheinbar beiläufig erfasst (Geschlecht, bisherige PEGIDA-Demo-Teilnahmen). Durch die Online-Befragung kann Gruppeneffekten wie Mitläufertum besser begegnet werden.

Mittwoch, 14. Januar 2015

Je ne suis pas Charlie, mais...

Beitrag vom 19.01.2015: UPDATE zur PEGIDA-Studie der TU Dresden + neue Ergebnisse aus Berlin

Montagabend waren erneut in Dresden und erstmalig auch in Leipzig Tausende auf den Straßen, um ihre Sympathie für die sogenannte "PEGIDA"-Bewegung zu bekunden. Nach dem Anschlag auf das französische Satiremagazin "Charlie Hebdo" am 7. Januar mit 12 Toten und der tödlich endenden Geiselnahme zwei Tage später in einem Pariser Supermarkt für koschere Lebensmittel erhielt die Gruppierung wie erwartet einen deutlichen Zulauf, zumal sie sich diesmal als Trauermarsch für die Opfer der Pariser Anschläge ausgab. Lutz Bachmann, der Gründer und Kopf der "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes", ist juristisch kein unbeschriebenes Blatt. Der mehrfach vorbestrafte 41-jährige Dresdner und ehemalige Bratwurstverkäufer zieht seit Oktober letzten Jahres mehr und mehr Bürger auf die Straßen, um gegen ... den Islam zu protestieren?

Wer das Positionspapier (PDF) liest, findet darin kein Wort zum Islam. Stattdessen Rufe nach:
  • einer "Pflicht zur Integration",
  • einem Zuwanderungsmodell analog zu Ländern wie Australien, Kanada oder der Schweiz,
  • sexueller Selbstbestimmung,
  • der Abschaffung des Gender Mainstreamings,
  • dem "Schutz unserer christlich-jüdisch geprägten Abendlandkultur."

"Zunächst bezeichnete das Abendland die lateinische Christenheit, die sich gegen die orthodoxe Kirche abgrenzte. Rom gegen Konstantinopel. Als dann 1453 Konstantinopel durch die Türken erobert wurde, wurde das christliche Abendland zum Kampfbegriff des christlichen Europa gegen die türkischen, muslimischen Angreifer. In Wirklichkeit hat es so etwas wie ein einheitliches christliches Abendland aber nie gegeben. Man schaue nur darauf, dass die muslimischen Türken im 17. Jahrhundert von den katholischen Franzosen im Kampf gegen die katholischen Habsburger unterstützt wurden. Machtdenken spielte eine viel größere Rolle als die Religion. [...] Das zeigt ja, wie inhaltsleer und dehnbar der Begriff Abendland immer war: Lange richtete er sich auch gegen die Juden, doch in jüngster Zeit wurde – nachdem Millionen Juden ermordet wurden – die jüdische Religion einbezogen, wenn es um die Abgrenzung gegen Muslime geht. Auch heute beschwören viele Demonstranten bei den Pegida-Veranstaltungen die christlich-jüdischen Werte des Abendlandes. Wenn es um Muslime geht, sind Verbündete gerade recht."
(Wolfgang Benz)

Was also wollen diese selbsterklärten Verteidiger des Abendlandes tatsächlich? Haben sie eine konkrete Forderung oder hat sich hier ein Haufen Frustrierter zusammengefunden, dessen Anliegen weit über die plakativen Slogans hinausgeht?